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„Lass‘ Dir das nochmal durch den Kopf gehen und überlege Dir gut, ob Du nicht doch etwas anderes machen möchtest.“ Meine Mama beriet mich erst vor kurzem zu meinem Vorhaben, für meine Kollegen einen kleinen Lebkuchenhausbau-Event zu veranstalten. „Du weißt, dass Du den Teig schon Tage vorher machen musst?“, fragte Sie und ergänzte: „Abgesehen von den ganzen Bauplatten, die Du vorschneiden und vorbacken musst. Da hast Du ordentlich zu tun.“
„Jap, ich überlege es mir“, erklärte ich – wohlwissend, dass ich es mir sicherlich nicht anders überlegen werde. Meine Mutter wusste dies zum damaligen Zeitpunkt ebenso.
Denn es war diese eine, ganz persönliche und spezielle Allergie, die ich irgendwie schon seit langem habe. Ich reagierte schon immer allergisch auf Ratschläge, Tipps und verschiedene Aufforderungen, etwas sein zu lassen oder etwas Bestimmtes zu machen.
Ich nehme an, der Ursprung liegt in meiner Konfirmationsfeier, an der wir in unerträglich zähen 3 Stunden das Thema „Gegen den Strom schwimmen“ erarbeitet und präsentiert haben. Ich denke, ich habe diesen Leitsatz etwas zu wörtlich genommen. Was eigentlich seltsam ist. Denn damals hatten wir verrückte Beispiele wie „Jeder will cool sein, passt sich der Masse an, schwimmt einfach mit dem Strom – und trägt keine No-Name-Ware sondern nur noch Kleider und Taschen der angesagten Marke Fishbone.“ Bei dem Gedanken, dass „Fishbone“ und „Angesagt“ mal in einem Satz verwendet wurden, bekomme ich noch heute einen leichten Lachkrampf.
Seit eben jener Feier bildete „gegen den Strom schwimmen“ mein Leitmotiv. Zum Leidwesen von einigen Personen.
Zunächst von meiner Mathelehrerin: „Warum lernst Du nicht einfach den Stoff, den hier jeder von Euch lernen muss?“ fragte Sie damals und versuchte damit verzweifelt, mir meine ständigen Widerworte auszutreiben. „Nur weil es jeder macht, muss ich das jetzt auch machen oder was?“ reagierte ich. Und damit war das Kapitel „Johanna in Mathe auf Durchschnittsniveau zu halten“ für meine Lehrerin, meine Eltern und mich ziemlich vorbei.
„Du musst Dich aber auch immer irgendwie widersetzen“ seufzte meine Freundin Laura damals, sichtlich empört.
Eventuell, weil Sie von Mathe mehr hielt als ich. Wahrscheinlicher aber, weil ich ihr einige Minuten zuvor eine Absage als zusätzliches Mitglied in Ihrem neu gegründeten Umweltschutz-Team erteilte. Denn ich hatte gehört, dass die ganze Klasse mitmachte – was mir dann doch wieder zu sehr nach Stromschwimm-Action aussah. Und dieses Risiko konnte ich einfach nicht eingehen. Massenrodung der Bäume und Wasserverschmutzung durch Textilfabriken hin oder her. Das würde die Umwelt schon verstehen.
Einige Jahre später (meine Konfirmation liegt nun wirklich schon Ewigkeiten zurück – genauso wie der Hype um das Label mit Fischskelett-Logo) hat sich bei mir nicht wirklich viel geändert. Ok, bis auf meinen Kleidungsstil und gewachsen bin ich auch ein bisschen.
Aber beispielsweise bei der Suche nach einem neuen Smartphone rieten mir meine Kollegen damals durchweg zu einem Samsung oder einem iPhone. Diesen Ratschlag nahm ich auch gerne an. Und kaufte mir dann direkt mein Windowsphone. Meine Kollegen schüttelten daraufhin verständnislos den Kopf.
Genauso wie meine Mutter keinerlei Verständnis für meine Erschöpfung aufbrachte, die durch 5 Stunden Teig-geknete und durch 8 Stunden Vorschneiden und Backen der Bauteile für die Lebkuchenhäuser der Kollegen entstand. Ja, ich war wirklich erschöpft. Und in diesem Moment, in dem ich vor dem heißen Ofen stand, bereits das 10. Blech voller Lebkuchenhausbauteile hineinschob und meine Motivationsmusik ausfiel (weil die App auf dem Windowsphone nicht richtig funktionierte), stellte ich mir doch schon mal ein paar Fragen:
Vielleicht sollte ich mich den Ratschlägen der anderen einfach mal Beugen? Oder zumindest mal darüber nachdenken? Vielleicht hat es einen Grund, warum bestimmte Dinge von so vielen Leuten genutzt werden? Vielleicht wäre ich eine große Mathematikerin geworden, wenn ich auf meine Lehrerin gehört hätte? Vielleicht wäre ich eine große Umweltschützerin geworden, wenn ich mich Laura und meinen Klassenkameraden angeschlossen hätte? Vielleicht ginge es mir mit einem iPhone irgendwie besser?

Und ich grüble darüber nach. Auch noch jetzt, am Tresen der hell erleuchteten, gerade geöffneten Bar wartend, in der ich letzte Nacht getanzt, zu den Songs mitgesungen und mein Smartphone schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate verloren hatte.
„Ja, Dein Windowsphone wurde abgegeben“, erklärt mir der Barkeeper und kramt mein Smartphone hervor.
„Juhu, es ist tatsächlich da“, strahle ich, erleichtert darüber, dass es nicht geklaut wurde.
„Na klar wurde das abgegeben“, lacht der Barkeeper etwas verächtlich.
„‚N Windowsphone! Das steckt keiner ein. Sowas will halt auch keiner haben.“
„Eben“ rufe ich stolz.
Und während das Licht gedimmt wird und die ersten Besucher in die Bar hereinströmen, kämpfen sich mein Windowsphone und ich durch die Menge Richtung Ausgang.
Eben ganz typisch.
Gegen den Strom.


 

Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/peterrosbjerg/4428662047

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