Ä wie Äh…manzipation!?

„Johanna! Jahre über Jahre an Emanzipation. Und dann kommst Du daher!“ Ein Satz, den ich erst vor Kurzem gehört habe. Ich war auf einen Tee bei Freunden. Der Tee und der Satz kommen von Silvia, der Mutter meiner Freundin Sophie. Künstlerin und natürlich absolut emanzipiert.
Äh, bevor hier etwas anderes vermutet wird: Selbstverständlich bin ich nicht der Typ, der denkt, dass Frauen sich ausschließlich nach Männern richten sollten.
Das beste Beispiel bietet Elsa, mein Hund. Papa war absolut dagegen, während der Rest der Familie (ausschließlich weiblich) die Anschaffung eines Hundes für durchaus sinnvoll erachtete. Und das Ergebnis dieser „Mann-gegen-Frau-wer-setzt-sich-am-Ende-durch“-Debatte sitzt nun gerade im Körbchen und kratzt sich hinterm Ohr.
Doch Silvia scheint dieses Beispiel irgendwie nicht zufrieden zu stellen. „Als Frau darf man sich gegenüber Männern niemals klein machen“, meint Silvia im hitzigen Gespräch bei noch hitzigerem Tee. Ähh, doch. Ich darf! Weil ich es nun mal – rein körperlich gesehen – bin. Und so kommt es, dass mein Kollege Andi mir ein Wasserglas aus dem Regal in der Büroküche herunterreichen muss, weil mir selbst einfach die entscheidenden 10 Zentimeter Körpergröße fehlen. Oder mein Kollege Artur, der die Papierlieferungen entgegen nimmt, weil ich das ohne Hilfe nicht packe. Oder mein Kollege Uli, der mir nochmal bestätigen muss, dass der Tisch auch wirklich (mit großem Abstand!) durch die Tür passt, weil mir persönlich einfach das räumliche Sehvermögen dazu fehlt.
Bin ich deswegen weniger emanzipiert?
„Und wie soll das dann später bei Dir in Deiner eigenen Familie ablaufen?“ fragt Silvia, sichtlich besorgt um meinen Geisteszustand. „Ganz klar“, sage ich. „Absolut gleichberechtigt natürlich“ und füge (noch bevor Silvia erleichtert ausatmen kann) hinzu „äh,…nur was die Finanzen angeht, da möchte ich, das der Mann alles entscheidet.“ „Cooool, das will ich auch“, jubiliert Fine, eine Freundin von Sophie, euphorisch. Und Silvia ist noch weitaus entsetzter, als zu Beginn des Gesprächs.

Klar, auf den ersten Blick sieht es nicht wirklich emanzipiert aus, wenn ausschließlich der Mann festlegt, welche Versicherungen wann gezahlt werden müssen, wie viel Hundespielzeug wirklich notwendig ist (ob Hund oder nicht entscheide ich natürlich komplett alleine. Ganz emanzipiert.) oder welche Anschaffungen im Haushalt Priorität haben. Nun wird selbst Hermann, Sophies Papa, stuzig. Was mich doch sehr wundert, denn als Mathelehrer hatte er mal die Ehre, mich persönlich zu unterrichten und sollte wissen, wie wenig ich mit Zahlen anfangen kann. Die Kombination aus eben jener unterentwickelten Fähigkeit Zahlen zusammen zu zählen und der fehlenden Weitsicht für wirklich wichtige Investitionen, halte ich für absolut fatal. Der beste Beweis dafür ist der alte, strom- und platzraubende Röhrenfernseher, den ich eigentlich längst durch einen kostenschonenden Flachbildschirmfernseher ersetzen wollte. Stattdessen bin ich inzwischen stolze Besitzerin der neuen Blockabsatz-Booties von Steve Madden (einmal in Schwarz und einmal in Blau). Und die in Leo-Print sind bereits auf dem Weg zu mir.

Und ja, da gibt es sogar noch mehr „Emanzipations-Fehlschläge“ in meinem Leben, die nicht nur Silvia, sondern auch Alice Schwarzer zur Verzweiflung brächten. So regelt der eine männliche Mitbewohner alle Mietkosten-Angelegenheiten, während sich der andere männliche Mitbewohner um die Technik und die handwerklichen Dinge kümmert. Ich bin derweil mit backen, kochen und dem polieren meiner Sammeltässchen für den nächsten gemeinsamen Tee-Nachmittag beschäftigt. Das mache ich gerne. Und muss ich jetzt wirklich meine großen Leidenschaften und das, was ich nun mal kann und mag, verwefen, weil es nicht mehr zeitgemäß ist?

Schlussendlich bin ich doch ziemlich sicher, die laufende Emanzipation nicht durch meine Persönlichkeit zu gefährden und komme zu dem Ergebnis: „Silvia, ich bin wie ich bin und denke, jeder soll das so handhaben, wie es Ihm…oder IHR (Emanzipation!) gut tut.“
„Damit kann ich leben“, lacht Silvia.

„Und? Wie sind die Schwaben so?“ wechselt Sophie daraufhin erleichtert das Thema. „Ich hab‘ gehört, dass die extrem sparsam sind. Ist das nicht anstrengend?“
„Nö, eigentlich nicht.“ erkläre ich. „Äh…außer bei ersten Dates. Da bieten sie niemals an, die Rechnung zu übernehmen. Und das sollte der Mann doch definitiv tun!“
„Find ich auch!“ ruft Fine.
Sophie lacht.
Silvia verlässt murmelnd den Tisch.
Und ich höre nur noch „…das war’s dann mit unserer Emanzipation.“
Äh…oder so.


 Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/ginnerobot/4237552847

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