Scissors

Abgeschnitten

Die vier Monate an der Journalistenschule sind nahezu vorbei, die letzten Tage brechen an. Und etwas wehmütig schaue ich zurück. Nicht unbedingt auf Reichenbach – ein Örtchen, das scheinbar lediglich dadurch glänzt, dass es so nah an Straßburg liegt. Und es sind auch nicht zwingend die Freizeitaktivitäten, die mich in dieser Zeit so umgehauen haben. Vielmehr ist es die Tatsache, dass ich hier so viel lernen konnte. Über mich. Über meinen Schreibstil. Und darüber, dass mir Budapester doch gar nicht so gut stehen, wie ich immer dachte.

Meine Texte sind nicht mehr als journalistischer Durchschnitt.
Das durfte ich in diesen vier Monaten erfahren. Und die frühere Johanna hätte an dieser Stelle auf den Tisch gehauen. Sie hätte vier bis fünf aufeinanderfolgende, zusammenhangslose Argumente geliefert, warum das so gar nicht stimmen kann. Sie hätte dann – ganz hitzköpfig – ihre Freunde durchtelefoniert und gefragt, ob sie etwa nicht schreiben könne und wie die das denn sehen. Und dann hätte sie gegrübelt, ob sie doch hätte Mathe studieren sollen. Oder Informatik. Oder sonst etwas absurdes in dieser Art. Sie hätte dann ihre Texte hervorgekramt und wäre diese – Satz für Satz und Wort für Wort – durchgegangen, auf der Suche nach Fehlern, nach Formulierungs-Pannen, nach diesen vielen, vielen, vielen, vielen, vielen Wortwiederholungen oder nach unwürdigem Satzbau. Sie hätte die Texte dann nochmal an ihre Freundin Corinna geschickt, weil die wirklich jeden kleinen Fehler findet. Und dann hätte sie ein paar neue Outfits über einen Onlineshop bestellt. Das hätte sie übrigens so oder so. Dafür brauch sie keinen wirklichen Anlass.

Doch die heutige Johanna erkennt den Wahrheitsgehalt in dieser Aussage: Einfach nicht mehr als Durchschnitt. Zu viel Emotion, zu viel Leidenschaft, zu viel Humor und viel zu viel von Johanna in den Texten – nie werde ich einen wirklich guten Bericht über den Obst- und Gemüsekonsum im Ortenaukreis schreiben können. Und von mir wird bestimmt auch kein Text in einer Tageszeitung im Ressort Politik erscheinen, von dem der Leser behaupten würde:  „Wow. Trocken, fundiert und sachlich auf den Punkt gebracht.“
Für die heutige Johanna ist das okay. Für meine Kollegin auch: „Du hast Deine Schwerpunkte und Deine Stilrichtung gefunden. Und jetzt kannst Du daran weiter feilen und immer besser werden!“
Die heutige Johanna ist nicht entmutigt, sie ist motiviert. Und bestellt sich dann online auch gleich ein paar hübsche neue Kleider, ein paar Schuhe und eine Clutch-Bag. Einfach so, denn – wie gesagt – dazu braucht sie keinen speziellen Grund.

Und so sitze ich nun hier und kläre meine Kollegen darüber auf, wie motiviert ich bin. Und wie ich mich über die Zeit in der Redaktion freue. Und wie sehr ich hoffe, mich noch weiter verbessern zu können. Und wie ich vielleicht doch irgendwann nicht mehr ganz so sehr Durchschnitt bin. Und überhaupt.

„Deine Texte mögen Durchschnitt sein, Johanna“, meint mein Kollege Max.
„Aber Deine Art zu erzählen, die ist überdurchschnittlich.
Überdurchschnittlich lang und überdurchschnittlich schnell.“
Ich lache.
Und frage mich, ob es bei mir noch einen weiteren Bereich gibt, in dem ich mehr als den Durchschnitt schaffe.
Und dann bekomme ich eine Mail.
Im Anhang: Die Rechnung des Onlineshops.
Und beim Betrachten des Betrags weiß ich dann endlich:
Ich habe es geschafft.
Denn diese Shoppingausgaben liegen ganz eindeutig über meinem sonstigen Durchschnitt.

 


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