Art

Was heißt nochmal „Ich verstehe das nicht“ auf Kunst?

„Da ist so eine Ausstellung.“
Fünf Worte, Acht Silben, Zweiundzwanzig Buchstaben, die mir kurz den Atem nehmen. Nicht unbedingt vor Freude. Eher vor deutlich bemerkbarer Panik.
Mit Ausstellungen verbinde ich Geduld und Stille. Beides Dinge, die mir bereits von Natur aus irgendwie abgehen. Und trotzdem bewundere ich sie, diese ominösen Ausstellungsbesucher. Eben jene, die die Gabe haben, sich länger als Fünfzehn Minuten einem (sogenannten) Kunstwerk zu widmen, es zu beobachten. Obwohl sich eben jenes Kunstwerk in dieser Viertelstunde nicht verändert und bewegt. Das Kunstwerk beantwortet auch keine Fragen (mir zumindest nicht).
Eine Viertelstunde auf ein Bild zu starren, das bringe ich nicht fertig.

Hinzu kommt dann noch diese Atmosphäre. Ein Raum, der oft so kahl ist, dass dagegen ein Reinraum im Krankhaus fast schon eine Kuschelecke darstellt. Keine Gemütlichkeit, keine Wohlfühlatmosphäre, kein fröhliches Geplapper im Hintergrund. Und ich frage mich unweigerlich: Schließen sich Kunstinteresse und gute Laune eigentlich aus?
Wo ist das Popcorn, das man bei dem Rundgang durch die Kunstwelt prima knabbern könnte? Wo ist die heiße Tasse Tee, mit der man doch gleich viel lieber mal vor einem undefinierbaren Bild verweilen könnte. Und so Zeit hat. Um den Tee zu genießen. Und vielleicht ein bisschen Bilder zu gucken. Wo sind die bunten Wände? Ja, schon klar. Es soll bloß nichts von der Kunst ablenken. Aber sollte die Kunst nicht so gut sein, dass sie sich auch gegen farbige Wände, kuschelige Sofas und dekorative, vielleicht sogar kitschige Lampen durchsetzen kann?

Nein, Ausstellungen sind nicht meine Welt. Vielleicht auch, weil ich den falschen Start hatte? Meine erste große Kunstausstellung, die mir in Erinnerung geblieben ist, war mit Neun. Man traute mir offenbar etwas zu und dachte, ich könnte der nächste große Kunstversteher sein (wohlbemerkt mit Neun! Also in jener Zeit, in der ich gerne mal versehentlich mit meinen Hausschuhen in die Schule ging und meinen Pullover regelmäßig falschherum anhatte). Und so klemmte mich die Mutter meiner besten Freundin unter den Arm, flog kurzerhand mit mir nach New York um mir im Museum Of Modern Art zu zeigen, wie wunderbar diese Kunst doch ist. Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie lange wir in dieser Ausstellung waren. Aber wenn ich mich so in mein neunjähriges Ich hineinversetze, dann müssten es so ungefähr 180 Stunden gewesen sein. Meine Mama sagt mir noch heute, dass das niemals 180 Stunden gewesen sein konnten, da wir bereits nach 3 Stunden nach Ankunft in New York einen Anschlussflug nach Buenos Aires hatten. Aber ich könnte schwören, dass dieser Anschlussflug mindestens 177 Stunden Verspätung gehabt haben muss.

Und so stand ich da. Mit Neun. Vor einem dieser Tausend-milliarden Bilder und trainierte die Kunst, im stehen und gehen schlafen zu können. „Johanna, Du bist doch so kreativ. Du musst Dir bei jedem Bild eine ganz eigene Geschichte ausdenken. Dann kann das richtig spannend werden“, erklärte man mir. Und das versuchte ich. Und stand dann vor einem Bild, das schwarz angemalt war. Nur schwarz. Nichts als schwarz. Also sah ich das, was man dann so sieht: Ich sah absolut schwarz.
Für mich. Für meine Zukunft als Kunstversteherin. Und für zukünftige Ausstellungsbesuche.
Und doch stehe ich jetzt hier. Viele Jahre später. In München, vor den Türen einer Foto-Ausstellung. Denn heute morgen wurden sie mir entgegen geschmettert, eben jene Worte, die mich etwas erzittern lassen: „Du….da ist so eine Ausstellung.“ Doch ich überwand mich, wollte meinem neunjährigen Ich die Chance geben, diese Einstellung zur Kunst noch einmal zu korrigieren. Ich wollte auch mal Kunstkennerin sein. Einmal, wenigstens.
Und so betrete ich die Ausstellungsräume. Gewohnt kühl. Gewohnt Clean. Schwarz-Weiß-Fotografie. Als wäre diese ganze Atmosphäre nicht schon trist genug.
Und dann sehe ich sie.
Eine Frau im roten Mantel.
Sie steht vor einem Bild, begutachtet ausführlich ein Bild, auf dem nur eine Hauswand zu sehen ist.
Sie schaut. Noch etwas genauer. Geht nochmal näher ran.
Dann runzelt sie ihre Stirn. Sie legt nachdenklich ihren Zeigefinger auf Ihrem Kinn ab und kräuselt ihre Lippen. Und dann murmelt sie leise: „Ah ja….interessant. Sehr interessant.“
Dann geht sie zum nächsten Bild.
Also stelle ich mich vor dieses Bild mit der Hauswand.
Und ich entdecke: Ein Bild mit einer Hauswand.
Ich starre das Bild an, doch es passiert nichts.
Ich runzle die Stirn, als mich plötzlich die Frau mit dem roten Mantel anspricht:
„Wunderbar, nicht war? Was dieses Bild alles für Geschichten erzählt!“
Und dann wird mir schlagartig bewusst, warum ich mit den Bildern nichts anfangen kann.
Ich setze mich auf die unbequeme Bank mitten im Raum, packe mein Smartphone aus und fange an zu tippen.
Meine neue Sonntagskolumne.
Denn Geschichten, die erzähle ich am liebsten selbst.
Auch wenn sie vielleicht nicht ganz so spannend sind, wie die von einer schwarz-weißen Hauswand.

 


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/loriho/4387158895

help_sign

Hilfe!

„Help! I need somebody… „. Ich liebe diesen Song der Beatles. Und ich singe ihn auch oft. Unter der Dusche, beim Joggen (zugegeben, da eher seltener, weil ich meist noch genug damit zu tun habe, Sauerstoff zu bekommen). Oder ich trällere das Lied lauthals beim Putzen. Und es ist kein Zufall, dass ich diesen Song nur dann über meine Lippen bekomme, wenn ich alleine bin.
Gut, der ein oder andere, der mich kennt, würde nun behaupten, dass ich ihn nur deshalb alleine singe, weil ich mit meinem Gesang niemanden verschrecken will. Und da ist natürlich was dran. Immerhin kann ich ungefähr so gut singen, wie ich einparken kann. Und wer mich schon mal in meiner Heimatstadt Kaiserslautern beobachtet hat, wie ich gerade mehrfach vergeblich versuche, einen Smart dort abzustellen, wo vorher ein LKW stand, der weiß was ich meine.

Aber es sind nicht nur die schiefen Töne, die bei mir im Verborgenen bleiben. Es ist auch die Botschaft. Die da lautet: Ich brauche Hilfe.
Denn – ob ich will oder nicht – ich lasse mir nicht gerne helfen. Nicht, weil ich andere Menschen meiden möchte (meine letzte Fahrt im Bummelzug, als ich den kompletten Wagen mit einer Geschichte aus meiner Kindheit unterhalten habe, dürfte da das Gegenteil beweisen). Nein, irgendwie sagt mir mein Unterbewusstsein ständig: „Das musst Du auch alleine hinbekommen, Johanna“. Es könnte damit zusammenhängen, dass ich mich regelmäßig in irgendwelche Schwierigkeiten verwickle, aus denen ich mich dann auch wieder selbstständig befreien muss. Wenn ich mich zum Beispiel mit versehentlich gesperrter EC-Karte, ohne Bargeld und mit leerem Handyakku nachts ausschließe. Oder wenn ich mal wieder (passiert erschreckend häufig) im falschen Zug sitze – der auch noch meist in die völlig falsche Richtung fährt. Oder wenn aus unerfindlichen Gründen kurz vor Abreise in den Urlaub mein Konto gesperrt wird, ich parallel dazu etwas zu ruppig mit meinen Sachen umgehe und ich letztendlich mit kaputtem Koffer durch Skandinavien tingle. 

Es scheint schon tief in mir verwurzelt zu sein, dass ich lieber einmal höflich fremde Hilfe ablehne und versuche, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Die Konsequenzen sind deutlich, halten sich aber noch in Grenzen. Wenn beispielsweise der nette Herr vor mir an der Kasse bemerkt, dass ich nur 2 Artikel in der Hand halte und er mir freundliche den Vortritt anbietet. Nur, damit ich ihm reflexartig entgegne: „Ach nein, das geht schon so. Danke!“ Und so ziehen sie dahin – unnötige 10 Minuten Wartezeit meines Lebens, nur, weil ich schon darauf gepolt bin „Nein, Danke“ zu sagen.

„Eigentlich ziemlich blöd von mir“ denke ich und spaziere durch die Bahn, auf der Suche nach meinem Sitzplatz. „Ich sollte mir doch mal angewöhnen, Hilfe von anderen einfach anzunehmen. Gerade, wenn ich die Hilfe wirklich brauchen könnte“
Ich finde meinen Platz mit Tisch am Fenster. Ich versuche gerade meinen vollgestopften Koffer auf die Gepäckablage über den Sitzen heben, was insgesamt wohl ein ziemlich hilfloses und jämmerliches Bild abgeben muss. Denn schon fragt mein Sitznachbar: „Darf ich Ihnen mit dem Koffer helfen?“
„Och, das geht schon“, keuche ich. Und beiße mir auf die Lippen. Genervt von mir selbst, dass ich die Hilfe mal wieder abgelehnt habe, hole ich mit aller Kraft nochmal Schwung.
Ich hieve den Koffer auf die Gepäckablage – verliere das Gleichgewicht, stütze mich auf dem Tisch ab und werfe dabei den vollen Becher mit dem frische Kaffee meines Sitznachbarn auf den Boden.
Der Kaffee schafft es tatsächlich, nicht nur auf dem Boden eine riesen Sauerei zu hinterlassen, sondern auch alle Fahrgäste (sowohl auf der linken als auch auf der rechten Seite) vollzuspritzen.
Kurze Stille.
Dann eine schier endlose Entschuldigungs-Rede von mir.
Mein Sitznachbar lacht. Die anderen Fahrgäste lachen mit. Und ich bin erleichtert.
„Ich hol mir dann mal direkt einen neuen Kaffee“, sagt mein Sitznachbar lächelnd.
„Ach quatsch, das übernehme ich“, erkläre ich ihm.
„Das müssen Sie doch nicht machen. Ich hol mir schnell selbst einen“, widerspricht er mir.
Doch da springe ich schon auf, zücke meinen Geldbeutel und starte ich Richtung Speisewagen.
„Zu spät“ rufe ich ihm augenzwinkernd zu. „Bin schon unterwegs“.
Und dann bestelle ich einen Kaffee.
Und frage mich, warum er nicht einfach „Ja, danke“ gesagt hat, als ich Ihm den neuen Kaffee angeboten habe.
Ich verrolle die Augen.
Manche Menschen lassen sich scheinbar einfach nicht helfen.

 


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/quinnanya/8572353057

Scissors

Abgeschnitten

Die vier Monate an der Journalistenschule sind nahezu vorbei, die letzten Tage brechen an. Und etwas wehmütig schaue ich zurück. Nicht unbedingt auf Reichenbach – ein Örtchen, das scheinbar lediglich dadurch glänzt, dass es so nah an Straßburg liegt. Und es sind auch nicht zwingend die Freizeitaktivitäten, die mich in dieser Zeit so umgehauen haben. Vielmehr ist es die Tatsache, dass ich hier so viel lernen konnte. Über mich. Über meinen Schreibstil. Und darüber, dass mir Budapester doch gar nicht so gut stehen, wie ich immer dachte.

Meine Texte sind nicht mehr als journalistischer Durchschnitt.
Das durfte ich in diesen vier Monaten erfahren. Und die frühere Johanna hätte an dieser Stelle auf den Tisch gehauen. Sie hätte vier bis fünf aufeinanderfolgende, zusammenhangslose Argumente geliefert, warum das so gar nicht stimmen kann. Sie hätte dann – ganz hitzköpfig – ihre Freunde durchtelefoniert und gefragt, ob sie etwa nicht schreiben könne und wie die das denn sehen. Und dann hätte sie gegrübelt, ob sie doch hätte Mathe studieren sollen. Oder Informatik. Oder sonst etwas absurdes in dieser Art. Sie hätte dann ihre Texte hervorgekramt und wäre diese – Satz für Satz und Wort für Wort – durchgegangen, auf der Suche nach Fehlern, nach Formulierungs-Pannen, nach diesen vielen, vielen, vielen, vielen, vielen Wortwiederholungen oder nach unwürdigem Satzbau. Sie hätte die Texte dann nochmal an ihre Freundin Corinna geschickt, weil die wirklich jeden kleinen Fehler findet. Und dann hätte sie ein paar neue Outfits über einen Onlineshop bestellt. Das hätte sie übrigens so oder so. Dafür brauch sie keinen wirklichen Anlass.

Doch die heutige Johanna erkennt den Wahrheitsgehalt in dieser Aussage: Einfach nicht mehr als Durchschnitt. Zu viel Emotion, zu viel Leidenschaft, zu viel Humor und viel zu viel von Johanna in den Texten – nie werde ich einen wirklich guten Bericht über den Obst- und Gemüsekonsum im Ortenaukreis schreiben können. Und von mir wird bestimmt auch kein Text in einer Tageszeitung im Ressort Politik erscheinen, von dem der Leser behaupten würde:  „Wow. Trocken, fundiert und sachlich auf den Punkt gebracht.“
Für die heutige Johanna ist das okay. Für meine Kollegin auch: „Du hast Deine Schwerpunkte und Deine Stilrichtung gefunden. Und jetzt kannst Du daran weiter feilen und immer besser werden!“
Die heutige Johanna ist nicht entmutigt, sie ist motiviert. Und bestellt sich dann online auch gleich ein paar hübsche neue Kleider, ein paar Schuhe und eine Clutch-Bag. Einfach so, denn – wie gesagt – dazu braucht sie keinen speziellen Grund.

Und so sitze ich nun hier und kläre meine Kollegen darüber auf, wie motiviert ich bin. Und wie ich mich über die Zeit in der Redaktion freue. Und wie sehr ich hoffe, mich noch weiter verbessern zu können. Und wie ich vielleicht doch irgendwann nicht mehr ganz so sehr Durchschnitt bin. Und überhaupt.

„Deine Texte mögen Durchschnitt sein, Johanna“, meint mein Kollege Max.
„Aber Deine Art zu erzählen, die ist überdurchschnittlich.
Überdurchschnittlich lang und überdurchschnittlich schnell.“
Ich lache.
Und frage mich, ob es bei mir noch einen weiteren Bereich gibt, in dem ich mehr als den Durchschnitt schaffe.
Und dann bekomme ich eine Mail.
Im Anhang: Die Rechnung des Onlineshops.
Und beim Betrachten des Betrags weiß ich dann endlich:
Ich habe es geschafft.
Denn diese Shoppingausgaben liegen ganz eindeutig über meinem sonstigen Durchschnitt.

 


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/81889397@N08/10287568364

Arrow

Zahlt eine Zahnfee inzwischen auch mit Karte?

„Ich wünschte, ich würde wieder in meiner Heimatstadt wohnen“, „Wie schön wäre es, nochmal zur Schule zu gehen“ oder „Noch einmal wieder 20 sein“. Sätze, die ich so oft höre und noch öfter nicht verstehe.
Du kannst nicht in der Vergangenheit leben, heißt es doch so schön. Und warum sollte man das auch?

Würde ich wieder in meiner Heimatstadt wohnen wollen? Einer Stadt, in der mich die ganze Nachbarschaft schon nackt Rollschuh fahren gesehen hat! Würde ich nochmal zur Schule gehen wollen? Dorthin, wo ich an vier von fünf Schultagen in der Woche entweder mit Lehrern oder Referendaren oder sonstigen Pädagogen über meine unzureichenden Leistungen in Mathe und Chemie diskutieren musste. Und mir anhören durfte, dass eine Mädchenschule der ideale Ort sei, um seine naturwissenschaftlichen Fähigkeiten – die ich wirklich nie besaß – auszubauen.
Würde ich noch einmal 20 sein wollen? Nun ja, aktuell weiß ich gar nicht mehr wirklich, was mir mit 20 so alles widerfahren ist. Aber wer meine Kolumnen kennt und weiß, dass mindestens 99%*** der Geschehnisse, die ich darin beschreibe, wirklich passierten, versteht vielleicht: Ein zweites Mal muss man sowas dann auch nicht durchleben. Die Kolumne dazu steht ja eh schon.

Warum überhaupt nochmal in die Vergangenheit reisen? Nur, um abermals von seinem Zahnarzt die Schockdiagnose zu erhalten: „Johanna. Dir wächst da ein Zahn in der zweiten Reihe“? Oder sollte man sogar noch etwas weiter zurück, um wieder den Fehler zu begehen und dieses geschmacklose schwarze Tattoo-Halsband aus der Wendy in der dritten Klasse anzuziehen. Genau an dem Tag, als die Klassenfotos gemacht werden. Nur, damit man immer und immer wieder an etwas erinnert wird, was doch bereits jeder weiß: Die 90er waren einfach eine dunkle Zeit in der Modegeschichte.

Ich bin mit der aktuellen Modeentwicklung ganz zufrieden und finde auch meine derzeitige Situation so gar nicht übel.
Okay, vielleicht nicht gerade diese. Denn in diesem Moment sitze ich wieder mal beim Zahnarzt. Und lasse meine Zähne kontrollieren.
„Aber nicht, dass sie da wieder einen unerwarteten Zahn in der zweiten Reihe finden“, meine ich etwas angespannt. „Einen zweiten davon kann ich echt nicht gebrauchen. Einer zu viel ist schon merkwürdig genug.“
„Nee, nee, diesmal ist da keiner. Jedenfalls kein Neuer!“, erklärt mir mein Zahnarzt nach der ausführlichen Kontrolle. „Allerdings muss dein Zusatz-Zahn in den kommenden Tagen raus. Der wird sonst Probleme machen!“
„Na endlich kommt der weg“ freue ich mich.
Doch nur einen kurzen Moment.
Denn dann wird es mir schlagartig bewusst:
Niemals wieder kann ich einen Gesprächspartner in Erstaunen bringen, indem ich meinen Mund aufreiße und meinen kleinen Zahn in der zweiten Reihe hervorblitzen lasse.
Niemals wieder werde ich in etwas hineinbeißen und einen Zahnabdruck hinterlassen, über den dann andere sagen: „Guck mal, wie komisch Abdruck da aussieht. Der muss von der Johanna sein.“
Ich werde blass.
Und wünsche mir plötzlich wieder etwas von der Vergangenheit.
„Man kann halt nicht in der Vergangenheit leben“, erklärt meine Mama, als ich zuhause ankomme.
Dann hole ich ein leeres Glas und stelle es schon einmal vorsorglich umgedreht auf den Badezimmerschrank. Eben an jene Stelle, an der ich auch in der Vergangenheit von der Zahnfee für einen verlorenen Zahn entlohnt wurde.
„Man kann nicht in der Vergangenheit leben?“ frage ich. „Na das wollen wir doch erst einmal sehen!“
Und dann lege ich noch einen kleinen Zettel unters Glas, mit der Aufschrift:
„Wir akzeptieren keine DM mehr“.
Zu viel Nostalgie muss ja auch nicht sein.

 

***Tatsächliche Prozentzahlen können von den angegebenen Prozentzahlen in diesem Beitrag, aufgrund des geringen Matheniveaus der Verfasserin, abweichen.

 

 


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/nicksie2008/12679036865

 

Christmas

Ich bin dann jetzt mal Star-Wars-Fan

Ist denn heut‘ schon Weihnachten?
Ja, ist es.
Woran man das merkt?
Zunächst einmal daran, dass kleine Kinder – vollgepumpt mit Schokolade und Adrenalin – durchs Haus rennen und aufgeregt schreien: „Wann kommt denn jetzt das Christkind?“ Man merkt es am vollbepackten Teller. Den man freudig entgegennimmt und komplett leer isst. Obwohl man doch bereits seit Stunden keinen Hunger mehr verspürt. Man merkt es an neuen Informationen, mit denen man das Umfeld beglücken will. Beispielsweise nachdem man in „Rogue One“ im Kino war. Mit Worten wie: „Ich bin jetzt übrigens Star-Wars Fan.“ Weihnachten merkt man aber auch an den alten Traditionen, die sich unbemerkt von einem Fest ins nächste ziehen. Und ich spreche hier nicht von Gottesdienst und Weihnachtsliedern. Sondern von Geschenk-Kommentaren, wie dem halb erstickten Schrei einer meiner Schwestern: „Oh nein. Johanna ist mein Wichtel?“ wenn die Wichtelgeschenke überreicht werden. „Ey, ich bin ein super Wichtel!“ sage ich dann immer. Und letztendlich erkenne ich dann doch immer die Blicke des Beschenkten, wenn er mein Geschenk öffnet. Blicke, die so viel sagen wie: „Was soll das bitte sein? Und wann stand das denn auf meiner Wunschliste?“ Anschließend wird dann üblicherweise erklärt, dass ich der schlechteste Geschenke-Macher bin.
Ich reagiere darauf aber nie.
Sondern ich rufe laut in die Runde: „Ist das nicht ein herrrrrliches Weihnachtsfest!?“
Themenwechsel – einfach ein geschicktes Manöver.

Und auch dieses Weihnachten: Meine kleine Nichte rennt – wie gewohnt – mit Schokoladenmund umher und schlägt vor lauter Aufregung an jedem zweiten Türrahmen an. Entgegen meiner sonstigen Gepflogenheiten, schnappe ich Wintermantel und Nichte und laufe in den Kindergottesdienst. Irgendwie ist mir danach. Und irgendwie denke ich, dass sich das Programm nach all den Jahren sicher geändert hat.  *Achtung: Spoiler-Alarm* Es hat sich nichts geändert. Es gibt immer noch ein Krippenspiel, man singt immer noch „Oh Du fröhliche“ und Babygeschrei ertönt auch durch die letzte Ecke des Kirchenraumes.
Und am Ende des Gottesdienstes der altbekannte Ausklang: Die Orgelmusik spielt scheinbar nicht enden wollende, unwillkürlich-zusammengesetzte Melodien. Und ein verzweifelter Papa rennt vorne zum Altar um seinen Sohn einzufangen, der soeben darunter geschlüpft ist, um sich zu verstecken. „Da hat der liebe Papa seinen Sohn ja doch noch einfangen können!“ meint meine Sitznachbarin Frau Müller in der Kirche. „Stimmt“ bestätige ich. „Die Macht war wohl mit ihm!“ Ich lache. Frau Müller lacht nicht, weshalb ich schnell ergänze: „Ich bin jetzt Star-Wars-Fan, müssen Sie wissen!“

Und dann geht es ab nach Hause. Wo der Trubel, der gekühlte Sekt und die Geschenke bereits warten. Meine Nichte wartet nur ungerne, schnurstracks sitzt sie inmitten Ihrer Geschenke und rupft wie im Wahn das Geschenkpapier auseinander.
Und dann öffne ich mein Päckchen. Und meine Augen glänzen vor Freude.
Eine goldene Kette mit einem Star-Wars-Yoda-Anhänger.
„Yoda?“ fragt mich mein Schwager Ben etwas ungläubig. „Du magst Star-Wars?“
„Klar“, antworte ich. „Ich bin doch jetzt voll der Star-Wars-Fan!“
Und dann hätte ich still sein sollen.
Stattdessen ergänze ich: „Ich kann sogar bisschen was auf Klingonisch“
„Johanna. Du verwechselst gerade Star-Wars mit Star-Treck“, antwortet Ben und verrollt die Augen.
Alle gucken mich skeptisch an.
Ein sehr unweihnachtliches Gefühl!
Ich rufe: „Ist das nicht ein herrrrrliches Weihnachtsfest!?“
Doch niemand lässt sich beirren.
Mist!
Plötzlich entdeckt meine Schwester Anna ihr Wichtel-Geschenk und ruft: „Oh nee. Die Johanna ist schon wieder mein Wichtel?“
Alle schauen Anna etwas mitleidig an.
Und da merke ich dann wirklich:
Ja. Wir haben Weihnachten.

 


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/antoniocastagna/23923516725

 

Mensch_ärgere_dich_nicht

Irgendwie Tabu

Früher sagte ich oft, dass ein Teil meiner Familie ein bisschen Cholera hat.
Und wie das so ist, wenn ich im Kindesalter etwas zu sagen hatte, stieß ich auch mit dieser Aussage auf verwirrte und fragende Gesichter. Manche Gesprächspartner hielten daraufhin unheimlich viel Abstand von mir. Und ein paar der Leute fragten bestürzt, ob meine Familie denn damit schon beim Arzt gewesen sei.
„Ähm, ich glaube nicht, dass man das behandeln kann. Das haben die ja schon so lange“ erklärte ich. Und während viele der Zuhörer irgendwas murmelten von „Das gibt es ja nicht“ oder „Cholera hier in Deutschland!?“ oder „Da muss man doch was tun“, fand ich diese Reaktionen irgendwie ganz seltsam.
Erst meine Mama klärte mich dann freundlicherweise auf, dass Cholera nicht das gleiche ist wie Choleriker. Und bat mich, in der Öffentlichkeit zukünftig auf diesen Unterschied zu achten.
Im Nachhinein verständlich. Irgendwie.

Dass ich damals so locker und leicht berichten konnte, dass einige in meiner Familie Choleriker sind, lag vermutlich an einer besonderen Tatsache: Ich wusste zu dieser Zeit nicht, dass ich einer davon war. Und nicht irgendeiner. Während Taylor Swift der Star der bekanntesten Hollywood-Clique an It-Girls ist und Blair Waldorf in Gossip Girl die High School anführt, bin ich schon fast die Königin des cholerischen Anfalls. Nichts, worauf ich besonders stolz bin. Aber etwas, womit man irgendwie leben muss. Besonders, wenn man zu meinem näheren Umfeld gehört. Und ganz besonders, wenn man auf die Idee kommt, mit mir einen „ganz lustigen und gemütlichen“ Spieleabend zu veranstalten. Nicht falsch verstehen. Bei mir gibt es Spieleabende. Die sind dann aber sicher nicht lustig. Und gemütlich sind die auch nicht.
So spielte ich einmal mit einer Gruppe von Freunden Tabu. Und mit dem Öffnen des Spielbretts und dem hervorkramen von „Knoten Knut“ nahm das Drama seinen Lauf: „Endlich mal wieder Tabu“, freute sich meine Freundin Katrin. „Oh, darin bin ich gar nicht gut“, meinte meine daraufhin Sarah. Und dann antwortete Laura, die auch noch in meinem Team war: „Ist doch nicht schlimm. Hier geht es um den Spaß. Nicht um’s gewinnen.“
Das war der Zeitpunkt, an dem ich das Spiel hätte vorzeitig beenden müssen. Stattdessen versuchte ich mich selbst zu beruhigen und zischte lediglich leise: „Wenn es nicht ums gewinnen geht brauchen wir doch gar nicht zu spielen!!!“
Die erste Runde lief an und ich musste einen Tabu-typischen Begriff erklären. Ich machte das entsprechend ambitioniert, in 100%igem Einsatz meines Stimmvolumens und hopste im Raum aufgeregt hin und her. Anstatt die begrenzte Zeit (hatte da jemand die Sanduhr manipuliert???) zu nutzen, um den gesuchten Begriff zu erraten, lachte Laura nur laut und rief: „Ey Johanna, chill mal!“. Und dann – während die letzten Sandkörner der Uhr flink nach unten rieselten – nahm sie ganz gemütlich einen Schluck von Ihrem Bier. Eine entspannte Person würde dann lächeln, vielleicht sogar laut lachen und höchstens ein „Ach Laura“ hauchen. Und dann würde sie sich damit abfinden, diese Runde verloren zu haben. Eine eher angespannte Person (wie ich es bin) reagiert dann doch etwas anders. Ich brüllte dann zunächst Laura in Grund und Boden, fragte, ob es bitte noch einen anderen Sinn zum Spielen gibt, als zu gewinnen. Und dann stellte ich Freundschaft, Spielweise, Zusammensetzung des Teams und eigentlich auch den Sinn des Lebens in Frage.

Klar. Zu Spieleabenden werde ich nur noch höchst selten eingeladen. Zumindest nicht zu denen, an denen man in Teams eingeteilt wird. „Bitte, bitte. Ich will nicht zu Johanna ins Team“. Dieser Satz ist einfach zu oft gefallen.
Ich bin nicht traurig darüber. Denn ich weiß, dass ich mit dem Umgehen von Team-Spieleabenden auch gleichzeitig meine cholerischen Anfälle vermeiden kann.
Und ich glaube auch, dass ich die Choleriker-Johanna über die Jahre inzwischen ganz gut im Griff habe.

Und jetzt sitze ich hier. An der Journalistenschule. In einer Themenbesprechung. Weit weg von Spielabenden. Statt Tabu gibt es hier die Aufgabe, sich Themen für eine bestimmte Zeitschrift zu überlegen und diese dann überzeugend zu präsentieren.
„Und als kleinen Anreiz machen wir daraus ein Gewinnspiel“, flötet der Seminarleiter fröhlich und winkt mit dem 1. Preis.
Alle strahlen.
Ich bekomme Bauchschmerzen.
Und schaue schon gequält in die Runde.
Ich beiße die Zähne zusammen und rolle entnervt mit den Augen.
Doch ich reiße mich zusammen.
„Das ist meine Chance, mein cholerisches Ich an dieser Stelle zu verbergen“, denke ich.
Denn cholerisch zu sein ist in Deutschland nicht meldepflichtig.
Ganz im Gegensatz zur Cholera.

 


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/vanf/8413160637

Icecream

Heiß, heiß, Baby

Welch große, überraschende Neuigkeit: Ich scheitere nicht gerne. Ich gewinne viel lieber und bevorzuge doch eher die Höhen des Lebens. Ja, bei mir könnte es ständig bergauf gehen. Ist ja irgendwie klar, keiner durchlebt gerne Tiefs und keiner freut sich darüber, wenn es im Leben mal bergab geht. Weiterlesen

Orangenmann

Nur der Orangenmann und ich

Trennungsschmerz ist eine echt dumme Sache. Und während Schnittwunden, blaue Flecke und Beulen abheilen, ist der Trennungsschmerz doch irgendwo immer da. Keine noch so hohe Dosis Aspirin und auch kein verschreibungspflichtiges Schmerzmittel können diesen Schmerz komplett betäuben. Und wenn dieser Schmerz doch mal betäubt ist, ploppt er irgendwann wieder auf meist dann, wenn man nicht damit rechnet.
Weiterlesen