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Hilfe!

„Help! I need somebody… „. Ich liebe diesen Song der Beatles. Und ich singe ihn auch oft. Unter der Dusche, beim Joggen (zugegeben, da eher seltener, weil ich meist noch genug damit zu tun habe, Sauerstoff zu bekommen). Oder ich trällere das Lied lauthals beim Putzen. Und es ist kein Zufall, dass ich diesen Song nur dann über meine Lippen bekomme, wenn ich alleine bin.
Gut, der ein oder andere, der mich kennt, würde nun behaupten, dass ich ihn nur deshalb alleine singe, weil ich mit meinem Gesang niemanden verschrecken will. Und da ist natürlich was dran. Immerhin kann ich ungefähr so gut singen, wie ich einparken kann. Und wer mich schon mal in meiner Heimatstadt Kaiserslautern beobachtet hat, wie ich gerade mehrfach vergeblich versuche, einen Smart dort abzustellen, wo vorher ein LKW stand, der weiß was ich meine.

Aber es sind nicht nur die schiefen Töne, die bei mir im Verborgenen bleiben. Es ist auch die Botschaft. Die da lautet: Ich brauche Hilfe.
Denn – ob ich will oder nicht – ich lasse mir nicht gerne helfen. Nicht, weil ich andere Menschen meiden möchte (meine letzte Fahrt im Bummelzug, als ich den kompletten Wagen mit einer Geschichte aus meiner Kindheit unterhalten habe, dürfte da das Gegenteil beweisen). Nein, irgendwie sagt mir mein Unterbewusstsein ständig: „Das musst Du auch alleine hinbekommen, Johanna“. Es könnte damit zusammenhängen, dass ich mich regelmäßig in irgendwelche Schwierigkeiten verwickle, aus denen ich mich dann auch wieder selbstständig befreien muss. Wenn ich mich zum Beispiel mit versehentlich gesperrter EC-Karte, ohne Bargeld und mit leerem Handyakku nachts ausschließe. Oder wenn ich mal wieder (passiert erschreckend häufig) im falschen Zug sitze – der auch noch meist in die völlig falsche Richtung fährt. Oder wenn aus unerfindlichen Gründen kurz vor Abreise in den Urlaub mein Konto gesperrt wird, ich parallel dazu etwas zu ruppig mit meinen Sachen umgehe und ich letztendlich mit kaputtem Koffer durch Skandinavien tingle. 

Es scheint schon tief in mir verwurzelt zu sein, dass ich lieber einmal höflich fremde Hilfe ablehne und versuche, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Die Konsequenzen sind deutlich, halten sich aber noch in Grenzen. Wenn beispielsweise der nette Herr vor mir an der Kasse bemerkt, dass ich nur 2 Artikel in der Hand halte und er mir freundliche den Vortritt anbietet. Nur, damit ich ihm reflexartig entgegne: „Ach nein, das geht schon so. Danke!“ Und so ziehen sie dahin – unnötige 10 Minuten Wartezeit meines Lebens, nur, weil ich schon darauf gepolt bin „Nein, Danke“ zu sagen.

„Eigentlich ziemlich blöd von mir“ denke ich und spaziere durch die Bahn, auf der Suche nach meinem Sitzplatz. „Ich sollte mir doch mal angewöhnen, Hilfe von anderen einfach anzunehmen. Gerade, wenn ich die Hilfe wirklich brauchen könnte“
Ich finde meinen Platz mit Tisch am Fenster. Ich versuche gerade meinen vollgestopften Koffer auf die Gepäckablage über den Sitzen heben, was insgesamt wohl ein ziemlich hilfloses und jämmerliches Bild abgeben muss. Denn schon fragt mein Sitznachbar: „Darf ich Ihnen mit dem Koffer helfen?“
„Och, das geht schon“, keuche ich. Und beiße mir auf die Lippen. Genervt von mir selbst, dass ich die Hilfe mal wieder abgelehnt habe, hole ich mit aller Kraft nochmal Schwung.
Ich hieve den Koffer auf die Gepäckablage – verliere das Gleichgewicht, stütze mich auf dem Tisch ab und werfe dabei den vollen Becher mit dem frische Kaffee meines Sitznachbarn auf den Boden.
Der Kaffee schafft es tatsächlich, nicht nur auf dem Boden eine riesen Sauerei zu hinterlassen, sondern auch alle Fahrgäste (sowohl auf der linken als auch auf der rechten Seite) vollzuspritzen.
Kurze Stille.
Dann eine schier endlose Entschuldigungs-Rede von mir.
Mein Sitznachbar lacht. Die anderen Fahrgäste lachen mit. Und ich bin erleichtert.
„Ich hol mir dann mal direkt einen neuen Kaffee“, sagt mein Sitznachbar lächelnd.
„Ach quatsch, das übernehme ich“, erkläre ich ihm.
„Das müssen Sie doch nicht machen. Ich hol mir schnell selbst einen“, widerspricht er mir.
Doch da springe ich schon auf, zücke meinen Geldbeutel und starte ich Richtung Speisewagen.
„Zu spät“ rufe ich ihm augenzwinkernd zu. „Bin schon unterwegs“.
Und dann bestelle ich einen Kaffee.
Und frage mich, warum er nicht einfach „Ja, danke“ gesagt hat, als ich Ihm den neuen Kaffee angeboten habe.
Ich verrolle die Augen.
Manche Menschen lassen sich scheinbar einfach nicht helfen.

 


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Stahlgerüst

Vom Suchen und Finden von Stahlgerüsten und SEO-optimierter Überschrift und überhaupt

Immer schneller und besser und höher und weiter. Da gilt heute doch fast überall. Auch beim Bloggen. Woran ich das merke? Ich merke das vor allem an den Fragen, die mir gestellt werden. Während die Fragen eher nach „Warum bloggst Du eigentlich?“ oder „Über was schreibst Du denn?“ klangen, werde ich heute regelmäßig ausgequetscht, wie viele „visits per day“ ich so habe und wie es denn eigentlich um meine „Bounce-Rate“ steht.
Und anschließend folgt dann die wirklich alles entscheidende Frage: „Jetzt sag mal…verdienst Du eigentlich was mit Deinem Blog?“ Meine antwortet darauf lautet immer: „Nein, ich verdiene nichts mit meinem Blog.“ Ich lächle dann. Mein Gegenüber nicht. Denn seiner Ansicht nach gibt es darauf nur eine passende Reaktion: Der betroffene Blick auf. Jener Blick, der mir sagen soll: „Hey, mach Dir nichts draus. Es kann eben nicht jeder erfolgreich sein.“ Eben der Blick, der mir die Botschaft sendet: „Naja, Du und Dein Blog seid trotzdem was wert. Halt nicht so viel und auch eigentlich nur auf emotionaler Ebene…aber das ist doch auch schon was.“

Und wenn man dann da steht und bemitleidet wird und einem der Tea to Go großzügig bezahlt wird (ist ja klar, das Mädel verdient doch nichts mit Ihrem Blog), dann möchte ich doch sehr gerne Einspruch erheben. Mache ich dann natürlich nicht. Denn einen Tea to Go kann man sich doch hin und wieder mal ausgeben lassen.
Auch wenn es mein Gegenüber in diesem Moment gar nicht vermutet: Ich weiß selbst, dass ich mit meinem Blog, so wie er ist, sicher nicht reich und auch nicht berühmt werde (das werde ich dann auf ganz anderen Wegen). Aber ich weiß, dass ich damit schlicht und ergreifend eines schaffe: Ein kleines, persönliches Herzensprojekt.

Selbstverständlich könnte ich das Herzensprojekt jetzt einfach gegen etwas scheinbar Vielversprechenderes eintauschen. Ich könnte anfangen, auf Nichts von der Stange nur noch über ein Nischenthema zu schreiben. Stahlgerüste, zum Beispiel. Ich könnte Bauunternehmen finden, die an meinen Texten interessiert wären. Und vielleicht finde ich auch ganz gewöhnliche Menschen, die einfach zur Entspannung und zur eigenen Wissensbildung sehr gerne über Stahlgerüste lesen. Sowas soll es ja geben. Ich könnte Hersteller von Stahlgerüsten finden, die ebenso an meinen Texten interessiert wären und die würden mir dann vielleicht das ein oder andere Stahlgerüstchen nach Hause schicken. Daraus würde sich dann fabelhaft ein Stahlgerüst-Unboxing machen lassen, zum Beispiel über Instagram-Stories. Vorausgesetzt ich lerne bis dahin, wie man die Kamera richtig herum hält.***
Ich könnte aber auch ganz investigativ auf allen Stahlgerüsten Münchens probeweise herumtänzeln und sie testen. Auf Ihre – im besten Falle – hohe Stabilität.  Es gäbe von mir natürlich auch ein Stahlgerüst-Upcycling, also Tutorials in denen ich in 3 Schritten zeige, wie man aus einem alten, nicht mehr brauchbaren Stahlgerüst vierhundertdreiundneunzig Briefbeschwerer macht. Oder Bleistifthalten. Denn ein ungenutztes Stahlgerüst hat bestimmt jeder noch irgendwo herumstehen.
Oder ich gehe gleich in den Deko-Bereich und zeige schnell & easy, wie auch Du das hässlichste Stahlgerüst vor Deiner Wohnung mit etwas Glitzer, Farbspray und Washi-Tape zum Highlight in Deiner Straße zauberst.
Und all meine Texte würde ich natürlich erstklassig SEO-Optimieren. Ich würde Texte verfassen, die Google wissen lassen würden, dass ich von Stahlgerüsten eine Ahnung hätte. Indem ich zum Beispiel ganz oft das Wort Stahlgerüst verwende. Stahlgerüst. Stahlgerüst.

Schon klar, ich bin ein Fan von Wortwiederholungen. Aber eben nicht von Stahlgerüsten, nicht von Briefbeschwerern und auch nicht von investigativem Journalismus der tänzelnd auf Gerüsten stattfindet. Stattdessen schreibe ich über das, von dem ich glaube – nach unendlich langem Recherche- und Zeitaufwand – etwas Ahnung zu haben: Ich schreibe über mich selbst.
Ganz ohne Tutorials und Unboxing und Mehrwert.
Ich schreibe von der Leber weg und nicht zur Suchmaschine hin.

Stattdessen gehe ich das Risiko ein, dass man mich nicht so leicht findet.
Denn es ist doch so: Die schönsten Sachen wie pures Glück, die große  Liebe und echte Freundschaft findet man höchst selten bei Google auf Seite Eins.
So ist das auch mit meinem Blog:
Man begegnet ihm ganz spontan, unverhofft und durch puren Zufall.
Oder durch eine penetrante Stimme, die in falschem Format über Instagram-Stories lauthals mitteilt:
LEST MEINEN BLOG.

 

***Anmerkung der Autorin: Bitte mal in meine Instagram-Stories schauen. Dann wisst Ihr, was ich meine!

 


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Scissors

Abgeschnitten

Die vier Monate an der Journalistenschule sind nahezu vorbei, die letzten Tage brechen an. Und etwas wehmütig schaue ich zurück. Nicht unbedingt auf Reichenbach – ein Örtchen, das scheinbar lediglich dadurch glänzt, dass es so nah an Straßburg liegt. Und es sind auch nicht zwingend die Freizeitaktivitäten, die mich in dieser Zeit so umgehauen haben. Vielmehr ist es die Tatsache, dass ich hier so viel lernen konnte. Über mich. Über meinen Schreibstil. Und darüber, dass mir Budapester doch gar nicht so gut stehen, wie ich immer dachte.

Meine Texte sind nicht mehr als journalistischer Durchschnitt.
Das durfte ich in diesen vier Monaten erfahren. Und die frühere Johanna hätte an dieser Stelle auf den Tisch gehauen. Sie hätte vier bis fünf aufeinanderfolgende, zusammenhangslose Argumente geliefert, warum das so gar nicht stimmen kann. Sie hätte dann – ganz hitzköpfig – ihre Freunde durchtelefoniert und gefragt, ob sie etwa nicht schreiben könne und wie die das denn sehen. Und dann hätte sie gegrübelt, ob sie doch hätte Mathe studieren sollen. Oder Informatik. Oder sonst etwas absurdes in dieser Art. Sie hätte dann ihre Texte hervorgekramt und wäre diese – Satz für Satz und Wort für Wort – durchgegangen, auf der Suche nach Fehlern, nach Formulierungs-Pannen, nach diesen vielen, vielen, vielen, vielen, vielen Wortwiederholungen oder nach unwürdigem Satzbau. Sie hätte die Texte dann nochmal an ihre Freundin Corinna geschickt, weil die wirklich jeden kleinen Fehler findet. Und dann hätte sie ein paar neue Outfits über einen Onlineshop bestellt. Das hätte sie übrigens so oder so. Dafür brauch sie keinen wirklichen Anlass.

Doch die heutige Johanna erkennt den Wahrheitsgehalt in dieser Aussage: Einfach nicht mehr als Durchschnitt. Zu viel Emotion, zu viel Leidenschaft, zu viel Humor und viel zu viel von Johanna in den Texten – nie werde ich einen wirklich guten Bericht über den Obst- und Gemüsekonsum im Ortenaukreis schreiben können. Und von mir wird bestimmt auch kein Text in einer Tageszeitung im Ressort Politik erscheinen, von dem der Leser behaupten würde:  „Wow. Trocken, fundiert und sachlich auf den Punkt gebracht.“
Für die heutige Johanna ist das okay. Für meine Kollegin auch: „Du hast Deine Schwerpunkte und Deine Stilrichtung gefunden. Und jetzt kannst Du daran weiter feilen und immer besser werden!“
Die heutige Johanna ist nicht entmutigt, sie ist motiviert. Und bestellt sich dann online auch gleich ein paar hübsche neue Kleider, ein paar Schuhe und eine Clutch-Bag. Einfach so, denn – wie gesagt – dazu braucht sie keinen speziellen Grund.

Und so sitze ich nun hier und kläre meine Kollegen darüber auf, wie motiviert ich bin. Und wie ich mich über die Zeit in der Redaktion freue. Und wie sehr ich hoffe, mich noch weiter verbessern zu können. Und wie ich vielleicht doch irgendwann nicht mehr ganz so sehr Durchschnitt bin. Und überhaupt.

„Deine Texte mögen Durchschnitt sein, Johanna“, meint mein Kollege Max.
„Aber Deine Art zu erzählen, die ist überdurchschnittlich.
Überdurchschnittlich lang und überdurchschnittlich schnell.“
Ich lache.
Und frage mich, ob es bei mir noch einen weiteren Bereich gibt, in dem ich mehr als den Durchschnitt schaffe.
Und dann bekomme ich eine Mail.
Im Anhang: Die Rechnung des Onlineshops.
Und beim Betrachten des Betrags weiß ich dann endlich:
Ich habe es geschafft.
Denn diese Shoppingausgaben liegen ganz eindeutig über meinem sonstigen Durchschnitt.

 


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Arrow

Zahlt eine Zahnfee inzwischen auch mit Karte?

„Ich wünschte, ich würde wieder in meiner Heimatstadt wohnen“, „Wie schön wäre es, nochmal zur Schule zu gehen“ oder „Noch einmal wieder 20 sein“. Sätze, die ich so oft höre und noch öfter nicht verstehe.
Du kannst nicht in der Vergangenheit leben, heißt es doch so schön. Und warum sollte man das auch?

Würde ich wieder in meiner Heimatstadt wohnen wollen? Einer Stadt, in der mich die ganze Nachbarschaft schon nackt Rollschuh fahren gesehen hat! Würde ich nochmal zur Schule gehen wollen? Dorthin, wo ich an vier von fünf Schultagen in der Woche entweder mit Lehrern oder Referendaren oder sonstigen Pädagogen über meine unzureichenden Leistungen in Mathe und Chemie diskutieren musste. Und mir anhören durfte, dass eine Mädchenschule der ideale Ort sei, um seine naturwissenschaftlichen Fähigkeiten – die ich wirklich nie besaß – auszubauen.
Würde ich noch einmal 20 sein wollen? Nun ja, aktuell weiß ich gar nicht mehr wirklich, was mir mit 20 so alles widerfahren ist. Aber wer meine Kolumnen kennt und weiß, dass mindestens 99%*** der Geschehnisse, die ich darin beschreibe, wirklich passierten, versteht vielleicht: Ein zweites Mal muss man sowas dann auch nicht durchleben. Die Kolumne dazu steht ja eh schon.

Warum überhaupt nochmal in die Vergangenheit reisen? Nur, um abermals von seinem Zahnarzt die Schockdiagnose zu erhalten: „Johanna. Dir wächst da ein Zahn in der zweiten Reihe“? Oder sollte man sogar noch etwas weiter zurück, um wieder den Fehler zu begehen und dieses geschmacklose schwarze Tattoo-Halsband aus der Wendy in der dritten Klasse anzuziehen. Genau an dem Tag, als die Klassenfotos gemacht werden. Nur, damit man immer und immer wieder an etwas erinnert wird, was doch bereits jeder weiß: Die 90er waren einfach eine dunkle Zeit in der Modegeschichte.

Ich bin mit der aktuellen Modeentwicklung ganz zufrieden und finde auch meine derzeitige Situation so gar nicht übel.
Okay, vielleicht nicht gerade diese. Denn in diesem Moment sitze ich wieder mal beim Zahnarzt. Und lasse meine Zähne kontrollieren.
„Aber nicht, dass sie da wieder einen unerwarteten Zahn in der zweiten Reihe finden“, meine ich etwas angespannt. „Einen zweiten davon kann ich echt nicht gebrauchen. Einer zu viel ist schon merkwürdig genug.“
„Nee, nee, diesmal ist da keiner. Jedenfalls kein Neuer!“, erklärt mir mein Zahnarzt nach der ausführlichen Kontrolle. „Allerdings muss dein Zusatz-Zahn in den kommenden Tagen raus. Der wird sonst Probleme machen!“
„Na endlich kommt der weg“ freue ich mich.
Doch nur einen kurzen Moment.
Denn dann wird es mir schlagartig bewusst:
Niemals wieder kann ich einen Gesprächspartner in Erstaunen bringen, indem ich meinen Mund aufreiße und meinen kleinen Zahn in der zweiten Reihe hervorblitzen lasse.
Niemals wieder werde ich in etwas hineinbeißen und einen Zahnabdruck hinterlassen, über den dann andere sagen: „Guck mal, wie komisch Abdruck da aussieht. Der muss von der Johanna sein.“
Ich werde blass.
Und wünsche mir plötzlich wieder etwas von der Vergangenheit.
„Man kann halt nicht in der Vergangenheit leben“, erklärt meine Mama, als ich zuhause ankomme.
Dann hole ich ein leeres Glas und stelle es schon einmal vorsorglich umgedreht auf den Badezimmerschrank. Eben an jene Stelle, an der ich auch in der Vergangenheit von der Zahnfee für einen verlorenen Zahn entlohnt wurde.
„Man kann nicht in der Vergangenheit leben?“ frage ich. „Na das wollen wir doch erst einmal sehen!“
Und dann lege ich noch einen kleinen Zettel unters Glas, mit der Aufschrift:
„Wir akzeptieren keine DM mehr“.
Zu viel Nostalgie muss ja auch nicht sein.

 

***Tatsächliche Prozentzahlen können von den angegebenen Prozentzahlen in diesem Beitrag, aufgrund des geringen Matheniveaus der Verfasserin, abweichen.

 

 


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Christmas

Ich bin dann jetzt mal Star-Wars-Fan

Ist denn heut‘ schon Weihnachten?
Ja, ist es.
Woran man das merkt?
Zunächst einmal daran, dass kleine Kinder – vollgepumpt mit Schokolade und Adrenalin – durchs Haus rennen und aufgeregt schreien: „Wann kommt denn jetzt das Christkind?“ Man merkt es am vollbepackten Teller. Den man freudig entgegennimmt und komplett leer isst. Obwohl man doch bereits seit Stunden keinen Hunger mehr verspürt. Man merkt es an neuen Informationen, mit denen man das Umfeld beglücken will. Beispielsweise nachdem man in „Rogue One“ im Kino war. Mit Worten wie: „Ich bin jetzt übrigens Star-Wars Fan.“ Weihnachten merkt man aber auch an den alten Traditionen, die sich unbemerkt von einem Fest ins nächste ziehen. Und ich spreche hier nicht von Gottesdienst und Weihnachtsliedern. Sondern von Geschenk-Kommentaren, wie dem halb erstickten Schrei einer meiner Schwestern: „Oh nein. Johanna ist mein Wichtel?“ wenn die Wichtelgeschenke überreicht werden. „Ey, ich bin ein super Wichtel!“ sage ich dann immer. Und letztendlich erkenne ich dann doch immer die Blicke des Beschenkten, wenn er mein Geschenk öffnet. Blicke, die so viel sagen wie: „Was soll das bitte sein? Und wann stand das denn auf meiner Wunschliste?“ Anschließend wird dann üblicherweise erklärt, dass ich der schlechteste Geschenke-Macher bin.
Ich reagiere darauf aber nie.
Sondern ich rufe laut in die Runde: „Ist das nicht ein herrrrrliches Weihnachtsfest!?“
Themenwechsel – einfach ein geschicktes Manöver.

Und auch dieses Weihnachten: Meine kleine Nichte rennt – wie gewohnt – mit Schokoladenmund umher und schlägt vor lauter Aufregung an jedem zweiten Türrahmen an. Entgegen meiner sonstigen Gepflogenheiten, schnappe ich Wintermantel und Nichte und laufe in den Kindergottesdienst. Irgendwie ist mir danach. Und irgendwie denke ich, dass sich das Programm nach all den Jahren sicher geändert hat.  *Achtung: Spoiler-Alarm* Es hat sich nichts geändert. Es gibt immer noch ein Krippenspiel, man singt immer noch „Oh Du fröhliche“ und Babygeschrei ertönt auch durch die letzte Ecke des Kirchenraumes.
Und am Ende des Gottesdienstes der altbekannte Ausklang: Die Orgelmusik spielt scheinbar nicht enden wollende, unwillkürlich-zusammengesetzte Melodien. Und ein verzweifelter Papa rennt vorne zum Altar um seinen Sohn einzufangen, der soeben darunter geschlüpft ist, um sich zu verstecken. „Da hat der liebe Papa seinen Sohn ja doch noch einfangen können!“ meint meine Sitznachbarin Frau Müller in der Kirche. „Stimmt“ bestätige ich. „Die Macht war wohl mit ihm!“ Ich lache. Frau Müller lacht nicht, weshalb ich schnell ergänze: „Ich bin jetzt Star-Wars-Fan, müssen Sie wissen!“

Und dann geht es ab nach Hause. Wo der Trubel, der gekühlte Sekt und die Geschenke bereits warten. Meine Nichte wartet nur ungerne, schnurstracks sitzt sie inmitten Ihrer Geschenke und rupft wie im Wahn das Geschenkpapier auseinander.
Und dann öffne ich mein Päckchen. Und meine Augen glänzen vor Freude.
Eine goldene Kette mit einem Star-Wars-Yoda-Anhänger.
„Yoda?“ fragt mich mein Schwager Ben etwas ungläubig. „Du magst Star-Wars?“
„Klar“, antworte ich. „Ich bin doch jetzt voll der Star-Wars-Fan!“
Und dann hätte ich still sein sollen.
Stattdessen ergänze ich: „Ich kann sogar bisschen was auf Klingonisch“
„Johanna. Du verwechselst gerade Star-Wars mit Star-Treck“, antwortet Ben und verrollt die Augen.
Alle gucken mich skeptisch an.
Ein sehr unweihnachtliches Gefühl!
Ich rufe: „Ist das nicht ein herrrrrliches Weihnachtsfest!?“
Doch niemand lässt sich beirren.
Mist!
Plötzlich entdeckt meine Schwester Anna ihr Wichtel-Geschenk und ruft: „Oh nee. Die Johanna ist schon wieder mein Wichtel?“
Alle schauen Anna etwas mitleidig an.
Und da merke ich dann wirklich:
Ja. Wir haben Weihnachten.

 


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Kalender

Irgend so ein Wochentag

Diese Sache mit den Plänen. Die man immer so schön träumt und inszeniert. Sei es der Vorsatz, von nun an mindestens einmal in der Woche vor der Arbeit schwimmen zu gehen. Oder eine Kolumne, die jeden 2. Sonntag erscheinen soll.
Und am Ende?
Am Ende ist die Zeit vergangen, man bemerkt, dass man es in fast drei Monaten gerade nur einmal vor der Arbeit ins Schwimmbad geschafft hat. Und man sitzt an einem Sonntag, um 21:40 Uhr, müde und etwas orientierungslos, vor seinem Laptop – weil man vor 15 Minuten bemerkt hat, dass eigentlich wieder Kolumnen-Sonntag ist.

„Jeden zweiten Sonntag um Punkt 20 Uhr erscheinen meine Kolumnen“, lautete damals mein Plan. Ziemlich naiv, die Sache mit der Uhrzeit – wenn man bedenkt, dass ich generell ziemlich zeitlos, mit falsch laufender Armbanduhr, unterwegs bin. Aber auch die restliche Planung schien doch sehr ambitioniert. Spätestens vor zwei Wochen in der Kantine hätte mir auffallen müssen, dass ich für solche Pläne nicht gemacht bin. Nämlich, als ich vor der Dame an der Essensausgabe stand, mein Tablett hinhielt und einmal das Tagesgericht verlangte. Ich erwartete: Gemüsecurry. Ich bekam: Linsen mit Würstchen und Spätzle.
„Ähm, sorry. Aber das Mittwochs-Menü war doch Curry?“ fragte ich.
„Stimmt schon. Aber wir haben nun mal Dienstag“ erklärte die Dame.
Und schlagartig wurde mir bewusst: 1. Es gibt offensichtlich wirklich viele Leute, die finden, dass man Linsen mit Spätzle guten Gewissens auf einen Teller packen kann. Und 2. Wenn ich einen Dienstag nicht von einem Mittwoch unterscheiden kann, wie soll ich mir dann bitte jeden zweiten Sonntag als Kolumnen-Tag einprägen?
„Johanna, mach Dir doch einfach einen Plan. Dann hast Du die Übersicht“, beriet mich eine Freundin. Und das versuchte ich. Direkt nach meiner Kantinen-Misere machte ich einen Plan. Jenen Plan, der besagte: Am 11.12.2016 ist Kolumnen Sonntag.

Und so saß ich Freitagsabends im Zug nach Kaiserslautern. Zeit für Familie. Zeit für Heimat. Und Zeit für die Arbeit an der neuen Kolumne. Also zog ich meinen Notizblock hervor und wollte gerade anfangen zu schreiben.
„Oh, Sie schreiben noch mit der Hand? Charmant!“ meinte ein älterer Herr – mein Sitznachbar.
„Irgendwie mag ich das ganz gerne. So kann ich doch immer alle Ideen ganz unkompliziert festhalten“, antwortete ich. Und dann unterhielten wir uns. Über Arbeit. Und Pläne. Und Ziele.
„Und was ist Ihr Ziel?“ fragte der ältere Herr.
„Also eigentlich ist mein Ziel, jeden zweiten Sonntag weiterhin pünktlich eine Kolumne auf meinem Blog hochzuladen“ erkläre ich. „Aber ich bin etwas planlos, müssen Sie wissen. Aber ich denke, dass ich…“
„Nein, nein“, unterbrach mich der Herr. „Ich meine: Wo müssen Sie aussteigen?“
„Achso“ sagte ich, etwas verlegen. „In Kaiserslautern.“
„Na das Ziel erreichen Sie aber so schnell nicht“, rief plötzlich eine Dame vom Platz hinter mir. „Da sitzen Sie im falschen Zug.“
Zu gerne hätte ich Sie ausgelacht. Hätte ich auch tatsächlich gemacht – wenn Sie mit Ihrer Aussage nicht so recht gehabt hätte.
„Die nächste Station können Sie aussteigen“, meinte ein weiterer Fahrgast. „Da haben Sie dann Anschluss an Kaiserslautern.“
„Der kommt sogar schon in 20 Minuten“, erklärte die Schaffnerin, die gerade an mir vorbeihuschte.
Und während ich auf den nächsten Halt wartete und sich der Rest der Passanten inzwischen eingehend über mich, meine weiteren Reisepläne und den aktuellen Leistungsstand des 1.FC Kaiserslautern unterhielten, waren meine Kolumnen-Pläne schon wieder vergessen.
Dann hielt der Zug. Und bevor ich ausstieg, drehte ich mich nochmal zu den Mitfahrenden um und fragte: „Heute ist aber schon Freitag, oder?“
Der alte Mann lachte und nickte mir freundlich zu.

Und rückblickend betrachtet bin ich doch etwas verblüfft.
Davon, trotz dieser Planlosigkeit einen Freitag als Freitag identifiziert zu haben.
Und davon, dass ich es doch immer schaffe an meinem Reiseziel anzukommen. Auch wenn ich im falschen Zug sitze.
Aber besonders davon, dass sie mir geglückt ist.
Die neue Kolumne.
An einem Sonntag.



Moment.
Wir haben doch Sonntag!?

 

 


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/andreanna/2837855969

Shoppingbag

Man nannte mich Chewbacca

Eine weiße Rüschenbluse. Ein flauschiger Kunstfellmantel im Leo-Look.
Ich verstehe, dass Geschmack etwas absolut Subjektives ist. Dass jeder einen anderen Stil hat. Oder auch gar keinen. Und dass es Leute gibt, die einen Leo-Mantel „super geil“ finden oder ihn eben für „unsagbar hässlich“ halten. Meine Kollegin Katrin geht da noch einen Schritt weiter. Als ich in eben jenem Kunstfellmantel vor ihr stand, meinte sie nur trocken: „Johanna, du siehst damit irgendwie aus wie eine Edelnutte.“
Und schon passierte es: Dieses wunderbar-flauschige Leo-Teilchen, das ich gerade noch so angehimmelt hatte, verschwand nun im entsprechenden Pappkarton auf dem Weg zurück ins Zara-Lager. Und so stand ich da: In der Hand der Retourenschein. Auf dem Gesicht die bittere Enttäuschung.

„Was fragst Du auch andere Leute nach ihrer Meinung?“ fragte meine Kollegin Sarah kurz darauf als ich ihr von der Misere erzählte. Und sie hatte damit natürlich so Recht. Selbstverständlich sollte ich mich an der Meinung anderer nicht so aufhängen. Ich sollte das tragen, was mir gefällt, was ich schön finde und worin ich mich gut fühle. Auch wenn es ein Kunstellmantel mit Leo-Muster ist.
Soweit die Theorie. Leider schaffe ich es noch immer nicht, diese in die Praxis umzusetzen. Eine Schande. Und so fristen schon zu viele wunderbar herrliche Kleidungsstücke ihr einsames Dasein im dunklen Kleiderschrank – einfach weil sie hier und da mit spitzen Kommentaren bedacht wurden. Der goldene Plisee-Rock in Midi-Länge, mit dem ich angeblich wie ein „wandelnder Weihnachtsbaum“ aussehe. Und ich wurde „Chewbacca“ genannt, als ich meine dunkelbraune, wuschelige Langfelljacke spazieren trug. Außerdem wurde ich regelmäßig zum Roboter „C-3Po“ (ziemlich Star-Wars-lastig, was mein Schrank so hergibt), sobald ich mir meine goldene XL-Statement-Kette mit ihren vielen übergroßen Metallplatten umhängte.

Warum nur lasse ich mich davon noch verunsichern? Und warum frage ich immer und immer wieder Menschen um modischen Rat, die nun einmal einen ganz anderen Geschmack haben, als ich selbst? Zudem ist ein Weihnachtsbaum ja gar nichts Negatives. Und auch Chewbacca ist, wenn ich mich nicht irre, ein echter Sympathieträger in den Star-Wars Episoden.
Da sollte ich doch vielleicht den ein oder anderen Witz einfach mal als Kompliment sehen? „Klar ist das manchmal etwas merkwürdig was du trägst, aber es steht Dir trotzdem gut!“ erklärte mir erst kürzlich ein Freund. Irgendwie ja schon ein Kompliment. Und es macht deutlich: Entweder, ich kann mit den Sprüchen umgehen und lasse mich dadurch nicht beirren – oder ich darf gar nicht erst um einen Kommentar zu meinen Outfits bitten. Für den Anfang versuche ich mich vielleicht mal an dem zweiten Vorschlag.
Weg mit der Kaufberatung. Alleine entscheiden ist angesagt.

Und so stöberte ich kurze Zeit später durch die Regale einer H&M-Filiale und blieb an einer weißen Bluse hängen. Elegant, leicht tailliert und voller großer Rüschen. Ich verliebte mich sofort. „Und? Wie ist die?“ fragte ich Katrin, die gerade neben mir hertrottete.
Autsch.
Warum lerne ich es nicht?
Ich biss mir auf die Unterlippe und drehte mich schnell wieder weg. Zu spät. Meine Shoppingbegleitung schüttelt sich etwas und meint dann: „Johanna. Die ist sooo hässlich!“
War klar. Doch dann atmete ich tief ein, schluckte meine Zweifel runter, setzte mein selbstbewusstestes Lächeln auf und antwortete: „Ich kauf die jetzt trotzdem.“

Und dann stehe ich am nächsten Morgen vor dem Spiegel.
Mit meinen schwarzen Sneakern. Mit der schwarzen Röhrenjeans. Und mit der weißen Rüschenbluse.
Und Fragen wie „Doch zu viele Rüschen?“ und „War es vielleicht ein Fehlkauf?“ oder „Seh ich damit jetzt blöd aus?“ drängen sich auf.
„Mach doch einfach, wozu Du Lust hast, Johanna!“ sagt mein Kollege David immer. Und das versuche ich nun.
Ich stolziere in die Küche und trete vor Katrin.
Selbstbewusst und stolz. Und voller Rüschen.
„Ich find‘ die Bluse super“, sage ich bestimmt.
„Hmmm“ beginnt Katrin. „Naja. Jetzt wo ich’s nochmal sehe: Sooo hässlich ist s gar nicht!“
Und ich freue mich. Wegen dieses kleinen Sieges, den ich soeben errungen habe.
Über Katrin.
Und über mich selbst.
Und ein bisschen auch über eine Tatsache:
Diesmal sehe ich offenbar nicht aus wie eine Edelnutte, wie C-3PO, wie Chewbacca oder ein Weihnachtsbaum.
Diesmal bin ich einfach nur „gar nicht mal sooo hässlich.“
Und für den Anfang muss das reichen.

 


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Mikrofon

Warum mein Schalldruckpegel auch für Freiheit steht

Es gibt doch da diese Menschen mit ganz zarten Stimmen. Stimmen, die wirken, als bestünden sie aus vielen, ganz winzigen und zerbrechlichen Federn, die es gerade so mit viel Glück und gutem Wind zum Ohr des Zuhörers schaffen.
Und dann gibt es da Stimmen, wie meine. Eine Stimme, bei der mein Kollege Max nur trocken meint: „Spricht da die Johanna oder ist es das Horn Gondors, das da ertönt?“
Zugegeben: Mir ist schon klar, dass ich nicht in die Feder-Kategorie passe. Dass meine Stimme aber scheinbar schnell die gleiche Dezibel-Zahl erreicht wie ein gut geschmierter Presslufthammer, das war mir neu. Bis jetzt. Bis eben zu diesem Zeitpunkt, an dem, als angehende Journalistin, Sprache (ja, nicht nur die geschriebene) eine große Rolle spielt.
„Ihr bekommt alle ein Sprachcoaching“, erklärte man mir in der Journalistenschule und ich war mir sicher, dass das keine Herausforderung für mich sein würde. Sprechen war noch nie wirklich mein Problem. Größere Hindernisse bestanden für mich da schon eher immer im Schweigen.
Und so stand ich vor der Kamera und neben dem Sprachcoach und musste etwas zu mir und meiner Redaktion erzählen. Und das tat ich dann auch. Ich erzählte. Und erzählte. Und erzählte.
Dass man von mir keine derart lange Stimmprobe gebraucht hatte, wusste ich ja nicht. Definitiv nicht mein Fehler.
Was mir schon eher zuzuschreiben ist, wurde dann in der Auswertung der entstandenen Videos deutlich: Alle meine Kollegen berichteten in sehr dezenter und angenehmer Zimmerlautstärke (und sogar in nur wenigen Minuten) von sich und ihrem Thema. Dann kam mein Video – Und mit ihm der drohende Hörsturz. Gleich musste der Techniker hervorspringen und die Lautstärke nach unten fahren (man wolle ja die Mitarbeiter von Burda aus den oberen Etagen nicht stören).

Ja. Ok. Da ist sogar mir aufgefallen, dass meine Stimme gefühlt auch Atomschutzbunkerwände durchdringen kann. Aber ist das nicht ganz normal? Für ein Sandwichkind, dass sich doch irgendwie bemerkbar machen musste. Für ein Mitglied einer Familie, in der gewöhnlich jeder mit jedem redet – gleichzeitig! Für ein Mädchen, das nun mal nach 158 Zentimetern aufgehört hat zu wachsen und in ständiger Angst lebt, dass man eines Tages versehentlich auf es drauf treten könnte!?
„Man versteht dich gut, das ist doch schon mal toll“, erklärte mein Sprachcoach im Anschluss an die Videoanalyse versöhnlich.
„…und das sogar, wenn Du eigentlich in einem anderen Gebäude sitzt“ ergänzt Max, wesentlich weniger versöhnlich.
Und trotz der Tatsache, dass ich anderen eine Menge Arbeit erspare, weil ich wohl niemals ein Mikrofon zur Verstärkung meiner Stimme benötige, musste ich mich dann noch Stimmübungen zur Regulierung der Lautstärke unterziehen.

„Sag mal ganz ehrlich“ frage ich dann meine Kollegin Katrin auf dem Weg nach Hause. „Sooo laut bin ich doch auch wieder nicht!?“
„Naja. Schon ein bisschen“ sagt Katrin leise.
„Weißt Du, irgendwann kommt der Tag, da wird uns diese Stimme sicher nützlich sein“ antworte ich sehr sauer. Und laut. Und dann rauschen Katrin und ich direkt hintereinander durch die Glas-Drehtür aus dem Gebäude. Bevor wir ins Freie gelangen bleibt die Drehtür stehen.
Und so stehen wir da. Eingeklemmt zwischen zwei Glaswänden. Und sitzen in der Falle.
Die Panik macht sich in mir breit und mir schießen Gedanken durch den Kopf wie: „Wie lange genau hält man es ohne Essen aus?“ und „Ich glaube, der Sauerstoff wird schon knapp“.
Und dann schreie ich so laut ich kann – und wir wissen inzwischen, dass das sehr laut ist – um Hilfe.
Die Empfangsdame, die gerade kurz im zweiten Stock unterwegs war, kommt hektisch angerannt und setzt die Drehtür (und damit auch Katrin und mich) in Bewegung.
In der Freiheit angekommen juchze ich laut: „Katrin! Ich habe es doch gesagt. Meine laute Stimme hat uns soeben das Leben gerettet!“
„Naja. Du. Johanna. Es war aber halt auch nur eine Drehtür“ antwortet Katrin in meinen Freudentaumel hinein. „Und außerdem“ ergänzt sie „Guck mal, hier wäre sogar ein Notknopf gewesen, mit dem wir die Drehtür selbstständig wieder zum Laufen hätten bringen könnten“.
Doch so leicht lasse ich mir meine Freude über mein kräftiges Sprachorgan nicht nehmen.
Also stecke ich mir demonstrativ  beide Finger in die Ohren und rufe: „Lalalalala, ich kann dich gar nicht hören“.
Und verpasse dabei den dezenten Seufzer von Katrin:
„Ich wünschte, ich könnte das mal zu Dir sagen!“

 


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Mensch_ärgere_dich_nicht

Irgendwie Tabu

Früher sagte ich oft, dass ein Teil meiner Familie ein bisschen Cholera hat.
Und wie das so ist, wenn ich im Kindesalter etwas zu sagen hatte, stieß ich auch mit dieser Aussage auf verwirrte und fragende Gesichter. Manche Gesprächspartner hielten daraufhin unheimlich viel Abstand von mir. Und ein paar der Leute fragten bestürzt, ob meine Familie denn damit schon beim Arzt gewesen sei.
„Ähm, ich glaube nicht, dass man das behandeln kann. Das haben die ja schon so lange“ erklärte ich. Und während viele der Zuhörer irgendwas murmelten von „Das gibt es ja nicht“ oder „Cholera hier in Deutschland!?“ oder „Da muss man doch was tun“, fand ich diese Reaktionen irgendwie ganz seltsam.
Erst meine Mama klärte mich dann freundlicherweise auf, dass Cholera nicht das gleiche ist wie Choleriker. Und bat mich, in der Öffentlichkeit zukünftig auf diesen Unterschied zu achten.
Im Nachhinein verständlich. Irgendwie.

Dass ich damals so locker und leicht berichten konnte, dass einige in meiner Familie Choleriker sind, lag vermutlich an einer besonderen Tatsache: Ich wusste zu dieser Zeit nicht, dass ich einer davon war. Und nicht irgendeiner. Während Taylor Swift der Star der bekanntesten Hollywood-Clique an It-Girls ist und Blair Waldorf in Gossip Girl die High School anführt, bin ich schon fast die Königin des cholerischen Anfalls. Nichts, worauf ich besonders stolz bin. Aber etwas, womit man irgendwie leben muss. Besonders, wenn man zu meinem näheren Umfeld gehört. Und ganz besonders, wenn man auf die Idee kommt, mit mir einen „ganz lustigen und gemütlichen“ Spieleabend zu veranstalten. Nicht falsch verstehen. Bei mir gibt es Spieleabende. Die sind dann aber sicher nicht lustig. Und gemütlich sind die auch nicht.
So spielte ich einmal mit einer Gruppe von Freunden Tabu. Und mit dem Öffnen des Spielbretts und dem hervorkramen von „Knoten Knut“ nahm das Drama seinen Lauf: „Endlich mal wieder Tabu“, freute sich meine Freundin Katrin. „Oh, darin bin ich gar nicht gut“, meinte meine daraufhin Sarah. Und dann antwortete Laura, die auch noch in meinem Team war: „Ist doch nicht schlimm. Hier geht es um den Spaß. Nicht um’s gewinnen.“
Das war der Zeitpunkt, an dem ich das Spiel hätte vorzeitig beenden müssen. Stattdessen versuchte ich mich selbst zu beruhigen und zischte lediglich leise: „Wenn es nicht ums gewinnen geht brauchen wir doch gar nicht zu spielen!!!“
Die erste Runde lief an und ich musste einen Tabu-typischen Begriff erklären. Ich machte das entsprechend ambitioniert, in 100%igem Einsatz meines Stimmvolumens und hopste im Raum aufgeregt hin und her. Anstatt die begrenzte Zeit (hatte da jemand die Sanduhr manipuliert???) zu nutzen, um den gesuchten Begriff zu erraten, lachte Laura nur laut und rief: „Ey Johanna, chill mal!“. Und dann – während die letzten Sandkörner der Uhr flink nach unten rieselten – nahm sie ganz gemütlich einen Schluck von Ihrem Bier. Eine entspannte Person würde dann lächeln, vielleicht sogar laut lachen und höchstens ein „Ach Laura“ hauchen. Und dann würde sie sich damit abfinden, diese Runde verloren zu haben. Eine eher angespannte Person (wie ich es bin) reagiert dann doch etwas anders. Ich brüllte dann zunächst Laura in Grund und Boden, fragte, ob es bitte noch einen anderen Sinn zum Spielen gibt, als zu gewinnen. Und dann stellte ich Freundschaft, Spielweise, Zusammensetzung des Teams und eigentlich auch den Sinn des Lebens in Frage.

Klar. Zu Spieleabenden werde ich nur noch höchst selten eingeladen. Zumindest nicht zu denen, an denen man in Teams eingeteilt wird. „Bitte, bitte. Ich will nicht zu Johanna ins Team“. Dieser Satz ist einfach zu oft gefallen.
Ich bin nicht traurig darüber. Denn ich weiß, dass ich mit dem Umgehen von Team-Spieleabenden auch gleichzeitig meine cholerischen Anfälle vermeiden kann.
Und ich glaube auch, dass ich die Choleriker-Johanna über die Jahre inzwischen ganz gut im Griff habe.

Und jetzt sitze ich hier. An der Journalistenschule. In einer Themenbesprechung. Weit weg von Spielabenden. Statt Tabu gibt es hier die Aufgabe, sich Themen für eine bestimmte Zeitschrift zu überlegen und diese dann überzeugend zu präsentieren.
„Und als kleinen Anreiz machen wir daraus ein Gewinnspiel“, flötet der Seminarleiter fröhlich und winkt mit dem 1. Preis.
Alle strahlen.
Ich bekomme Bauchschmerzen.
Und schaue schon gequält in die Runde.
Ich beiße die Zähne zusammen und rolle entnervt mit den Augen.
Doch ich reiße mich zusammen.
„Das ist meine Chance, mein cholerisches Ich an dieser Stelle zu verbergen“, denke ich.
Denn cholerisch zu sein ist in Deutschland nicht meldepflichtig.
Ganz im Gegensatz zur Cholera.

 


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Bauernhof

Von Hühneraugen und Landeiern

Landleben. Ich habe schon öfter mal etwas davon gehört. Meist von Freunden, die in irgendwelchen Orten wohnen, wo jeder jeden kennt und der Postbote nicht nur mürrisch „Hier…Ihre Post“ murmelt. Sondern eher sowas wie: „Guten Morgen Claudia. Und? Wie geht es der Arthritis? Ist Dein kleiner Viktor jetzt eigentlich auch bei Frau Müller in der 1b?“
Meine Freunde vom Land haben sich in erster Linie dadurch ausgezeichnet, dass Sie exzellent Auto fahren konnten. Mussten Sie auch, ganz einfach um zu überleben. Denn Busse oder Bahnen fuhren doch eher selten. Und wenn man meinen Freunden so zuhörte, wie Sie so oft über das Landleben fluchten, bekam man wirklich den Eindruck: Da wird nicht allzu viel los sein, auf dem Land. Weiterlesen