Das J steht für Gefahr oder Johanna verreist Teil 3

Oslo und Bergen. Beides überlebt – und das völlig auf mich und meinen eingedellten, aufgerissenen, aufgebrochenen Reisekoffer gestellt.
Ich habe natürlich schon von Anfang an gewusst, dass ich nach einem solchen Unterfangen noch entsprechenden Beistand brauchte – deswegen habe ich Barcelona in meine Reiseplanung hineingenommen. In Barcelona sitzt nämlich – neben der Sagrada Familia und unendlich vielen Möwen – meine beste Freundin Sophie. Die ist mindestens genauso chaotisch wie ich und hat deswegen immer vollstes Verständnis für den Wirbel, den ich um mich herum verursache.
Und so stehe ich (schon wieder) am Gepäckband am Flughafen und hoffe (schon wieder) dass mein Koffer mitsamt Inhalt den Weg zu mir findet und ich ihn nicht in seinen Einzelteilen vom Flugplatz fischen muss. Einerseits, weil dies total anstrengend wäre und ich in meinem Urlaub echt besseres zu tun habe. Andererseits, weil ca. 50% meines Kofferinhaltes aus Kaviar besteht und mich das Schild, das mir kurz vor meinem Abflug in Norwegen aufgefallen ist, etwas an der Legalität meines Export-unterfangens zweifeln lässt. Auf dem Schild war nämlich ein Bild von einem Glas Kaviar. Durchgestrichen. Mit Ausrufezeichen. Doch nach allem, was ich im Urlaub schon erlebt hatte, war ein versehentlicher, illegaler Kaviarexport keine allzu große Nummer mehr für mich. „Mein Kaviar befindet sich ja in Tuben, nicht in Gläsern“, denke ich, schüttele alle Sorgen ab und freue mich darüber, dass ich mich selbst immer so gut überzeugen kann.
Am Gepäckband in Barcelona dann die endgültige Erleichterung: Mein Koffer mitsamt Inhalt hat den Flug überstanden, selbst alle Kaviartuben und die geräucherte Rentiersalami (von der ich gar nicht wissen will, ob die überhaupt zum Export freigegeben war) liegen noch dort, wo sie hingehören.
Und wie schon so oft in diesem Urlaub, hebe ich den Koffer vom Gepäckband, richte meine Strickmütze, schnüre meinen Wollschal fest und werfe mir meine Norwegerweste über meine Lederjacke, die einen Wollpullover umhüllt. Ja. In Norwegen war das ein tolles Outfit und windige 8 Grad konnten mir nichts anhaben. Hier, in Barcelona, bei sonnigen 28 Grad, ist dies ein Outfit, das nicht nur absolut unpraktisch und viel zu warm ist, es ist auch ein Outfit, mit dem man garantiert auffällt. Selbst ein dicker Tourist in Blümchenshorts mit weißen Socken und Sandalen steht hier weniger im Zentrum der Aufmerksamkeit als ich selbst. Ich würde unter all den Blicken wohl ins Schwitzen kommen…wenn ich das, unter all dem Strick, nicht sowieso schon täte.
Ohne Chance, auch nur ein Kleidungsstück auszuziehen (mein Koffer war ja bereits randvoll mit Schmuggler-Kaviar) mache ich mich also auf den Weg zu Sophies Wohnung. Ein paar Mal hatte ich Sie bereits besucht, Ihre Wohnung zu finden sollte also keinerlei Schwierigkeiten bereiten. Ich schiele kurz auf Ihre SMS, in der Sie mir nochmal den Namen Ihrer Metro-Station und den Straßennamen genannt hatte und begebe mich dorthin. An der Station angekommen, laufe ich den bereits bekannten Weg, biege in Ihre Straße ein und entdecke: Das ist gar nicht die Straße, wo Sophie wohnt! In diesem Moment komme ich dann wirklich (bzw. noch mehr) ins Schwitzen. Und es wird auch nicht besser, als ich bemerke, dass ich weder die Möglichkeit auf Internet habe, noch hilfsbereite Freunde in den Katalanern finden werde. Völlig auf mich alleingestellt ziehe ich also mit meinem Kaviar-Koffer und in Strick und Wolle durch die sonnigen Straßen, auf denen in Sommerkleidchen und Sandalen Eis gegessen wird, als ich plötzlich – tatsächlich – und nach nur einer Stunde herumirren vor Sophies Tür stehe.
„Sophie, warum konnte ich Deine Wohnung nicht finden?“ rufe ich.
„Ach, ups. Ich habe ganz vergessen Dir zu sagen, dass ich doch ein paar Straßen weiter gezogen bin“, meint Sophie.
Und ich frage mich, mehr von uns der chaotischere Mensch ist.
Gut – in diesem Moment, in dem ich in winterlicher Montur mit überhitztem, hochroten Kopf und meinem zertrümmerten Koffer so herumstehe – bin ich es eindeutig selbst.
Also richte ich mir mein Gästezimmer ein, spiele mit Sophies Hund und berichte Ihr, was ich in Norwegen erlebt habe. „Jetzt hast Du ja Zeit, Dich davon zu erholen“, lacht Sophie. Ich lache auch. Denn in diesem Moment weiß ich ja noch nicht, dass ich morgen etwas Ärger mit der Polizei in Barcelona bekomme.
Am nächsten Morgen geht Sophie zur Arbeit und ich erkunde entspannt das sonnige Barcelona. Ohne Strickpullover. Dafür aber im sommerlichen Kleidchen. Mit einer Metro-10er-Karte bewaffnet und diesem hervorragenden Liniennetz kann nichts schief gehen, denke ich mir, als ich auf dem Weg zum Treffpunkt bin, an dem Sophie und ich Mittagessen wollen. Ich entdecke eine Metro-Station. Die sieht zwar auf den ersten Blick etwas seltsam aus, aber Metro ist Metro, denke ich mir und freue mich darüber, dass alles endlich so reibungslos läuft. Wie ein normaler Tourist gehe ich durch die elektronische Absperrung und wundere mich etwas darüber, dass ich mein Ticket nicht abstempeln lassen muss, wo das doch bei allen Metro-Stationen so Gang und Gäbe ist. „Voll gut, eine Fahrt gespart“, jubiliere ich innerlich. Und erstarre. Denn ich bemerke ich dass ich mich hier nicht in einer Metro-Station befinde. Nein, hier fahren die Regionalzüge ab. Gut, wenn ich etwas außerhalb von Barcelona sehen will. Schlecht, wenn ich einfach nur zu dem einen Restaurant um die Ecke gelangen will. Und ich will nun mal Letzteres.
Also drehe ich um und will wieder durch die elektronischen Absperrungen zurück. Der Automat zeigt mir an, dass ich mein Ticket zum Abstempeln einschieben muss, was mich dann eine Fahrt von meinem Ticket kostet und ich anschließend in die Freiheit gelange.. „Eine Fahrt zu opfern, obwohl ich doch gar nicht gefahren bin?“ frage ich mich selbst. Und entscheide, dass mir dies schon die Lebensphilosophie meines neuen, schwäbischen Zuhauses ganz eindeutig untersagt. Also schaue ich mich um und klettere so damenhaft und elegant, wie dies in Sandalen und kurzem Sommerkleid eben möglich ist, über diese Absperrung. Ein kleines Kind beobachtet mich mit großen Augen. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn nicht direkt daneben zwei Polizisten stehen würden, die genau das Gleiche tun. Und während alle Katalaner jeden nicht-einheimischen zu meiden scheinen, wollen die beiden Polizisten von mir alles ganz genau erfahren. Es fallen Fragen wie: „Warum sind Sie über die Absperrung geklettert?“, „Wollten Sie damit eine Fahrt unterschlagen?“, „Wissen Sie nicht, wie das Ticketsystem hier funktioniert?“.
„Aber“, falle ich den Polizisten ins Wort, „ich wollte eigentlich in die Metro und habe die Stationen verwechselt. Das ist mir erst aufgefallen, als ich schon durch die Absperrung war. Dann wollte ich wieder raus und da ich nicht gefahren bin, muss ich ja wohl auch nichts zahlen.“ Der eine Polizist entgegnet in rauem Ton: „Signora, niemand verwechselt diese Bahnstation mit einer Metro!“. Daraufhin fange ich an, von meinem bisherigen Urlaub zu erzählen. Davon, wie mein Koffer mehrfach aufgeplatzt ist, wie meine Bank versehentlich mein Konto gelöscht hat, wie ich zu meiner Freundin finden wollte und diese vergessen hat, mir zu sagen, dass Sie inzwischen ungezogen ist.
Vielleicht ist es Mitleid, vielleicht ist es auch meine Stimme, die den beiden in meiner endlosen Erzählung so auf die Nerven geht: Am Ende lassen Sie mich laufen. Und die Fahrt habe ich gespart. Yeah.
Und abends, beim gemütlichen Strandspaziergang, denke ich darüber nach, ob ich vielleicht doch irgendwie ein Adrenalin-Junkie bin. Vielleicht exportiere ich unterbewusst mit Absicht Schmuggelware. Wer weiß, was ich schon – ganz unbewusst natürlich- mit mir herum getragen habe.
„Tsja, vielleicht steht mein Name einfach für Gefahr“ überlege ich und fühle mich ein bisschen wie eine Actionheldin.
In diesem Moment schreit eine Möwe über mir auf und kackt auf meine Schulter.
„Da ist sie. Die überall-lauernde Gefahr“, bestätige ich mich selbst.
Und habe mich mal wieder vollends überzeugt.
Nur das mit dem Gedanken an mich als Actionheldin verwerfe ich wieder.
Kommt grad irgendwie nicht so rüber.
Wegen der Möwenkacke und so.


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/thomasletholsen/9433393337

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