DIE STRUMPFHOSENDEPRESSION

Ich bin verrückt nach Röcken und Kleidern in ganz vielen Formen und Farben. Ich trage Sie fast ausschließlich. Zum einen, weil’s einfach so schön feminin ist. Zum anderen, weil die Stoffe so fröhlich-belebend im Wind tanzen und das doch gleich irgendwie glücklicher macht. Und nicht zuletzt hab‘ ich Sie am liebsten, weil Hosen die gravierende Begrenzung meiner Beinlänge (ja, die sind zu kurz) einfach zu schockierend wahrheitsgetreu offen legen. Kurz nach dem Hosenbund trifft man bei mir schon auf die Knöchel. Nicht schön.
Da lobe ich mir zum Beispiel meinen neuen Lederrock. High-Waist natürlich – dann denkt gleich jeder Laie, wie uuuunglaublich groß ich doch bin. Dass mein Bauchnabel immer noch auf gleicher Höhe sitzt, wie schon am Tag zuvor und dass meine Beine über Nacht kaum 10 cm länger geworden sein können, diese Fakten gehen an dem Betrachter vorbei. Ein Glück!

Es gibt nur einen schrecklichen Nachteil, wenn man so gerne das neue Kleidchen ausführt, statt sich in die Jeans zu quetschen: Wenn es zu kalt ist, braucht Frau einfach Strumpfhosen.
Ich gehöre leider zu der Spezies, der immer zu kalt ist; die auch dann noch im Wollpullover über die Straße läuft, wenn andere Menschen schon längst die kurzärmelligen, hochsommerlichen Shirts herausholen und in Flip-Flops umher eilen. Nun wohne ich eben nicht in Spanien, sondern in Deutschland. Und da es damit gefühlte neunzig Prozent des Jahres zu kalt für “beinfrei” ist, bleibt mir eben nur noch der Griff zur Strumpfhose.
Versteht mich nicht falsch, Strumpfhosen finde ich generell ganz super. Gerade in schwarz machen sie das Bein gleich noch ein wenig schlanker (kann ja auch nie schaden). Leider jedoch sind Strumpfhosen nicht unzuerstörbar. Mehr noch. Ich gehe soweit, zu behaupten: Strumpfhosen sind die suizidgefärdesten Kleidungsstücke, die ein weiblicher Kleiderschrank so hergeben kann.
Manchmal laufe ich die Straße entlang, stolpere, falle hin: Schon habe ich ein Loch in Kniebereich der Strumpfhose. Manchmal laufe ich zu knapp an einer Wand vorbei, bleibe mit der Strumpfhose hängen: Schwupps – mein halber Oberschenkel ist frei.
Manchmal ziehe ich meinen allerliebsten Armschmuck an, der so schön klimpert, gestikuliere etwas zu wild: Direkt im Anschluss bin ich übersät mit kleinen Laufmaschen und Löchern.
Und dann gibt es die Tage, an denen ich mich von allem distanziere, was Ecken und Kanten hat, ziehe keinen Schmuck an, versuche mich so wenig wie möglich zu bewegen. Dann freue ich mich, dass ich die Strumpfhose ein zweites mal tragen kann, bis ich dann abends die riesen Laufmasche entdecke, die (auf dubiose Art und Weise) ganz ohne mein Zutun in meine Strumpfhose gelangt ist. Verdammt selbstmörderisch, die Dinger. Und teuer.
Zu teuer, auf die Dauer. Deswegen vermeide ich diesen Stress hin und wieder. Heute zum Beispiel. Und so quetsche ich mich eben mal wieder in die quälend-ehrlichen Jeans. Auch wenn ich nun wieder optisch meiner Standardgröße entspreche, so hat es doch etwas befreiendes, sich bewegen zu können, wie man will. Adrenalin-getrieben schlendere ich nur haarscharf an der Wandtapete mit rasierklingenähnlicher Struktur entlang (ich alter Draufgänger). Behangen von Ringen und Armreifen (sogar mit Nieten), gestikuliere ich mich wild durch den Tag. Ich kann so oft über etwas drüber stolpern und hinfallen, wie ich nur will (und dies mache ich wirklich sehr oft!): Am Ende des Tages wird die Jeans noch in genau dem Zustand sein, in dem sie heute Morgen war.
Und auf meinem Heimweg, ohne löchrige Beinbekleidung, frage ich mich, warum ich mir diese Strumpfhosen-Dramatik wieder und wieder antue. Wie leicht und bequem das Leben doch in einer Hose sein kann.
Wie unbekümmert.
Das will ich jetzt immer!
Nie wieder Strumpfhosen!

Dann begegne ich einer Bekannten.
„Hey Johanna, ich hätte Dich fast gar nicht erkannt. Mir ist vorher gar nicht aufgefallen wie klein Du bist.“
Ich lächle gequält.
„Ich kann leider gerade gar nicht quatschen….muss noch einkaufen.“
„Lebensmittel?“

„Nee, einen Jahresvorrat an Strumpfhosen.“

 

 


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/carmenjost/6876004795

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