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Ein Fisch namens Hubert

Ein Auszug ist schwer, aber auch immer ganz praktisch um richtig auszumisten. Und während so viele meiner Freunde Probleme damit haben selbst die unnötigsten Gegenstände loszulassen (wofür braucht man ein Glitzerschwein oder dreieckiges Dekogestell in Gold?) empfinde ich es als sehr befreiend dafür zu sorgen den alten Ballast loszuwerden. Und so durchforste ich Schränke, Schubladen und Zimmerecken, um anschließend zu entscheiden, ob ich das wirklich alles noch bei mir haben sollte, was ich dort so vorfinde. Manches davon wirft bei mir sogar die Frage auf, wie ich überhaupt einmal ursprünglich auf die Idee gekommen bin, mir sowas anzuschaffen. Ich hatte wohl entweder zu viel Zeit oder zu viel Geld oder zu wenig Geschmack. Die Antwort wird wohl zwischen den beiden letzten Vermutungen liegen, denn zu viel Geld: Das hätte ich mir sicher gemerkt, wenn das bei mir mal der Fall gewesen wäre. Wie auch immer ich auf die Idee gekommen bin, dass ich unbedingt ein Kissen mit Stecknadeldruck brauche oder dass mir ganz eindeutig Gewichte für an die Arme fehlen (süß! Als sei ich beim Joggen nicht auch ohne zusätzlichen Ballast schon langsam genug) : Ein Auszug ist der perfekte Tag zur Abrechnung und Befreiung.
Zugegeben: Auch ich war nicht immer ein solch radikaler Ausmist-Fan. Ich wurde quasi dazu hinerzogen. Und zwar von mir selbst. Unfreiwillig, natürlich. Nämlich als ich einmal, vor ein paar Jahren, daran dachte, alle meine Bilder, die gerade wahllos auf zwei PCs, einem Smartphone und zwei Laptops herumlagen auf einer externen Festplatte zu speichern und die Bilder somit auch für die Zukunft – schön geordnet und alle beisammen – bei mir zu haben. Gesagt – Getan. Und die Bilder lagen kurz darauf wirklich fein geordnet auf der externen Festplatte. Wo (nur wenige Tage später) allerdings meine externe Festplatte lag, das ist wiederum eine andere Frage. Diese Frage wurde mir erst beantwortet, als ich damals beschloss meinen XXL-Röhrenbildschirmfernseher räumlich etwas geschickter zu platzieren. Ich stellte ihn in eine andere Zimmerecke, direkt (unter ungutem, krachenden Geräusch) auf die externe Festplatte, die es sich offensichtlich in dieser Zimmerecke gemütlich gemacht hatte. Und so schaffte ich es, ca. 10 Jahre Erinnerung in nur 2 Minuten zu zerstören – und mir damit selbst zu demonstrieren: Auch wenn Du nicht mehr weißt, wie doof Du damals in der Schulfreizeit in der Schweiz aussahst, als Du in einem unbeobachteten Moment beim Jacke-anziehen fotografiert wurdest, das Leben geht trotzdem weiter.

Seitdem lebe ich quasi von meinem eigenen Erinnerungen, in denen ich meist sowieso ausschließlich absolut vorteilhaft aussehe. Und ich gehe seitdem auch nur ungern emotionale Bindungen ein, zumindest zu Gegenständen, Bilddateien und externen Festplatten. Ist es da verwunderlich, dass ich vor dem Verkauf meines alten Smartphones nur wenige Minuten darauf verwendet habe, mich darüber zu informieren wie man Bilddateien vom Smartphone sichert um sie für die Zukunft aufzubewahren? Drei Fachbegriffe in einer viel zu langen Anleitung und ein nicht mehr auffindbares Datenübertragungskabel später, klickte ich einfach auf „jetzt zurücksetzen“ und löschte einfach alles mit diesem einem Fingertipp. Bilder, Videos, Adressen und Telefonnummern.
„Du hast jetzt nicht wirklich einfach alles gelöscht!?“ ruft eine meiner Schwestern mit Entsetzen. „Johanna, Du kannst doch nicht einfach alles so mir nichts dir nichts auslöschen!“ ergänzt eine Freundin das Entsetzen meiner Schwester. Und eine andere Freundin guckt sich in meinem Zimmer um und fragt: „Willst das mit Deinem ganzen Zeug jetzt so machen? Einfach alles entsorgen?“ „Na klar“ antworte ich, nehme den ersten Karton und bringe ihn zum Müll. 

Und dann entdecke ich meine Willhelma-Urkunde für die Patenschaft eines Anemonenfischs, die ganz oben drauf liegt. Die stecke ich wieder ein.Aber heimlich. Es muss niemand wissen, dass ich mich emotional doch noch binden kann. Auch wenns nur an einen Fisch namens Hubert ist.

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