Eingefädelt!

Natürlich sollte man im Leben immer nach vorne blicken. Manchmal ist man aber auch dazu genötigt, zurück zu sehen. Ganz besonders, wenn man, wie ich, regelmäßig eine Kolumne schreibt, die ganz eindeutig festhält, was man macht, wer man ist und wie das eigene Leben gerade so mit einem umgeht.
„Weißt Du Johanna“, meint Chris, der Verlobte meiner Freundin Laura, vor kurzem lachend, „ich lese Deine Kolumnen echt gern. Aber wenn man sich die mal in der Gesamtheit betrachtet, fragt man sich doch immer: „Wo ist da bei dir der rote Faden? Du läufst im Zickzack durchs Leben…und rennst dabei immer irgendwo dagegen!“
Tsja, wo ist bei mir der rote Faden? Ich weiß es, zugegebenermaßen, selbst nicht so genau.
Da ist z.B. meine Freundin Joanna, die sich voller Hingabe mit Leib und Seele für eine studentische Organisation engagiert. Selbst in der Freizeit ist Sie immer auf Akquise-Mission und schafft es scheinbar problemlos, mein verloren gegangenes Handy zu suchen, dabei einen Aperol Spritz zu schlürfen und ganz nebenbei Kontakte zu knüpfen, Infos auszutauschen und mitten in der Nacht in der Tequila-Bar so mirnichtsdirnichts irgendwelche Studenten an irgendwelche Unternehmen in irgendwelchen Städten zu irgendwelchen Workshops zu vermitteln. Ich bin immer etwas beeindruckt von dieser Gradlinigkeit und Wünsche mir dann auch so viel Struktur. Einen ganz eigenen roten Faden eben.
Oder meine Freundin Laura, die immer so schön durchdacht am Planen ist und dann – To Do-Listen-Mäßig – alles abzuhaken scheint. Sie hat sich mit Ihrem Verlobten selbstständig gemacht, arbeitet nun fleißig am Erfolg mit und baut sich dabei (schön geregelt eben) eine Wohnung, eine Familie, …also ein ganz geordnetes Leben auf. Und wenn Sie davon erzählt, wie viel Arbeit vor Ihr liegt, wohin das Unternehmen wachsen soll und was noch alles dafür getan werden muss, dann denke ich unweigerlich daran, dass ich es noch nicht einmal innerhalb einer Woche geschafft habe, meine Pflanzen zu gießen.
Ja, der rote Faden. Man möchte meinen, er sei erblich. Ist er aber nicht. Denn während meine Mama Ihrem roten Faden mit Begeisterung folgt, ihr Cateringunternehmen auf- und ausgebaut hat und nun – zur Krönung – Ihren Meistertitel erworben hat, kann ich nur hinter der Tür, unterm Bett oder im Schrank nachschauen, in der Hoffnung, dass er da irgendwo liegt, mein eigener roter Faden.
Selbst mein Papa hat einen roten Faden. Der besteht darin, immer über die anstrengenden Griechenlandurlaube mit seinen Freunden und deren verehrende Skatkünste zu meckern. Um dann zum Skatspielen im kommenden Jahr wieder mit ihnen in Urlaub zu fahren.
Ja, auch das ist ein roter Faden.
Und ich sitze hier, auf meinen Holzstuhl und überlege wirklich angestrengt, wo er sich nun versteckt, dieser rote Faden. Um ihn zu finden, müsste ich wohl erst einmal überlegen, ob sich in meinem Wirrwarr überhaupt ein Faden spinnen lässt: Zwischen meinem aufreibendem Schauspielunterricht und meiner Leidenschaft für die ruhige Arbeit an meiner kleinen Nähmaschine, zwischen meiner Kolumne und meinen Jogging-Einheiten, zwischen meiner Zeit bei Replay und beim Verlag und bei einem Startup und einer Werbeagentur mit immer grundverschiedenen Aufgaben, zwischen meiner Liebe zu Tieren und dem Hass gegenüber Eichhörnchen und Marienkäfern, zwischen meiner Präferenz für Maultaschen mit Zimt und Zucker und meinem Ekel vor Schokolade mit Minze, zwischen meiner pfälzischen Verwurzelung in Schwäbischen Gefilden und meiner Art „Friche Fiche“ zu sagen, dafür dann aber „Schemie“.

Dass ich offensichtlich keinen roten Faden habe, ist echt traurig. Oder ist gerade das mein roter Faden?
Mir bleibt nichts anderes übrig, als damit zu leben und diese Kolumne hiermit abzuschließen.
Und während ich – doch etwas enttäuscht – durch mein Zimmer schaue, bleibt mein Blick an meiner Kleiderstange hängen. Mir fällt mein Blazer auf. Er ist rot und hat deutlich sichtbar eine eingerissene Naht. Und dort entdecke ich Ihn dann doch, wie er da aus der offenen Naht baumelt:
Der rote Faden. 
Mein roter Faden.
Und niemand hat gesagt, dass der nicht auch einfach mal aus billigem Material bestehen und industriell gefertigt sein darf.


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/carbonnyc/5241459773

2 Gedanken zu “Eingefädelt!

  1. Andre schreibt:

    Hallo Frau Böshans! Da soll mal noch einer sagen, dass es sich nicht lohnt, nach dem roten Faden zu suchen, wenn das Thema, wie in Ihren Beispiel, einen so schönen Text hervor bringt. Sehr schön geschrieben auch wenn mich im ersten Moment die Nadel etwas abschreckte – autsch! Ich hoffe, Sie schreiben weitere, solche Beiträge und denken über eine Veröffentlichung zur gegebenen Zeit nach, denn es wäre es wert und ein Buch ist halt auch ein Buch.

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