Einmal eine gemischte Tüte mit Technik, bitte.

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Es gibt Tage, an denen holt einen die Vergangenheit unweigerlich ein. Z.B. durch einen Kollegen, der gerade erst alle gängigen Sorten an Center Shock ins Büro gebracht und damit einen unglaublichen Spaß ausgelöst hat. Man erinnerte sich gemeinsam an die gemischten Tüten vom Kiosk und an die verzerrten Gesichter, die man unweigerlich machen musste, wenn man so ein saures Center Shock-Kaugummi in den Mund genommen hat.
Inzwischen wurden die Center Shocks von uns allen natürlich durch zeitgemäße, zuckerlose Bonbons ersetzt. Wir holen uns keine gemischten Tüten mehr am Kiosk, sondern nur noch gemischte Smoothies und unsere Gesichter verzerren wir nicht mehr durch zu viel Säure im Mund, sondern eher bei Fragen wie „Was ist denn dieses Internet und wo kann man das kaufen?“
Solch eine Frage kommt natürlich nicht von mir! Jemand der so Online-Shopping-affin ist wie ich und fast schon Wöchentlich die Päckchen von Asos ins Büro geliefert bekommt (begleitet von den Worten des Postmannes: „Wie groß ist eigentlich bitte Dein Kleiderschrank?“) weiß ich ganz genau, was dieses Internet ist und wie man es bekommt.
Mein Kollege Walter würde diese Aussage sicher nicht unterschreiben und wäre vermutlich über eine solche Frage von mir nur wenig verwundert. Walter ist einer der Nerds in unserer Agentur – und damit so ungefähr der Superman der Neuzeit.
Aber würde Superman eine 26 Jährige als veraltet bezeichnen?
Sicher nicht!
Walter schon.
„Johanna, Dein Betriebssystem ist veraltet“, hat er mir einfach so ins Gesicht gesagt, als ich seine Hilfe brauchte, um eine App zu installieren. Ich höre nur „veraltet“ (denn wir Frauen haben gelernt, immer das Wichtigste aus den Sätzen der Männer zu filtern) und ich war mir sicher: Das macht nur der doofe, neue Haarschnitt. Damit seh ich ja wirklich deutlich älter aus. Und schon verfluchte ich die Friseurin, die mir zu dem Bob riet. In der Hölle sollst Du schmoren!
„Ganz ehrlich, was hast Du auch für ein Smartphone?“ fuhr Walter fort und in mir blühte der Gedanke auf, dass er lediglich meine technischen Grundlagen für veraltet hält. Zugegeben…dieser Gedanke ist auch mir schon gekommen.
Das erste Mal, als ich in der Oberstufe eine Präsentation zum Thema chlorophyllproduktion bei Pflanzen halten sollte. Im Gegensatz zu den Pflanzen in meiner Präsentation, hatte ich mit Entwicklung nicht sonderlich viel am Hut. Während alle meine Mitschüler mit Ihren USB-Sticks nach vorne kamen, habe ich den ganzen chlorophylltastischen Wahnsinn auf eine Diskette gebannt.
Gut, man konnte die Präsentation (damals) tatsächlich noch mit Mühe und Not abspielen. Und am Ende habe ich eine 1 abgestaubt. Ob das aber tatsächlich daran lag, dass ich so leidenschaftlich über das Grün der Sonnenblumenblätter philosophierte oder aber mein Lehrer lediglich dem armen, zurückgebliebenen Mädchen etwas Trost schenken wollte – das konnte ich bis heute nicht klären.

Und nun, einige Jahre später, stehe ich in der Agentur, in der Abteilung unserer Nerds und erkenne, dass sich in meiner technischen Entwicklung noch immer nichts getan hat.
Auch das Betriebssystem meines Tablets ist nach Walter „veraltet“. Selbst die Präsentation der qualitativ hochwertigen Familienbilder von meinem Urlaub auf Sizilien, die ich mit diesem Tablet hinbekommen habe, konnte Ihn von dieser Meinung nicht abbringen. „Aber vielleicht kann man da mithilfe Deines Laptops was machen!?“ schlägt Walter vor. Und in seinen Augen sehe ich ganz deutlich einen kleinen Hoffnungsschimmer, dass wenigstens mein Laptop mit der heutigen Entwicklung standhalten kann. Doch genau wie bei meiner Mathelehrerin, die immer sagte, Sie glaube fest daran, dass ich mal irgendetwas in Mathe verstehe, musste ich auch bei Walter eines tun: Ich musste die Hoffnung im Keim ersticken. Und so habe ich schnell die Fakten aufgezählt: Mein Laptop wird diesen Sommer 8 Jahre alt (vielleicht sollte ich zu diesem Anlass etwas backen?) und er ist so groß und schwer, dass ich wahrscheinlich eine gesonderte Fahrkarte für die  U-Bahn zahlen müsste, wenn ich Ihn mal mitnehme. Abgesehen davon, geht er immer aus, sobald das Ladekabel aus der Steckdose flutscht und da auch mein Kabel fast 8 Jahre alt ist, passiert das schon durchaus regelmäßig. Auch das mit dem Hochfahren ist so eine ganz spezielle, zeitaufwändige Sache, die immer etwas Glück erfordert.
„Wie alt ist Dein Laptop bitte?“ fragt mich Walter mit einer Mischung aus aufsteigendem Lachkrampf, Fassungslosigkeit und unendlicher Verwirrung. „Du hast bestimmt auch noch einen Röhrenfernseher“, wirft Stefan ein, auch ein Nerd. Ich nicke. Und Stefans Lachen Wandelt sich in kürzester Zeit in ein mitleidiges Lächeln. Und sieht damit etwas aus wie mein Biolehrer von damals.

Und nun sitze ich hier, an meinem Laptop, der so laut brummt, dass ich fast Angst habe, meine Nachbarn könnten sich jede Minute wegen Ruhestörung beschweren, und denke darüber nach, ob es nicht wirklich an der Zeit ist, sich technisch einfach mal auf aktueller Ebene zu bewegen.
Schweren Herzens suche ich also im Internet nach aktuellen Laptops, die z.B. auch die neueste Verbotene Liebe-Folge in der ARD Mediathek problemlos abspielen und gucke gleichzeitig nach den Smartphone-Empfehlungen, die ich von Walter erhalten habe.
Und während sich mein Smartphone mal wieder unerklärlicher Weise selbstständig an- und ausschaltet, ich meine Fernbedienung, die notdürftig mit Tesafilm zusammengehalten wird weglege und ich meinen Fernseher wegen Überhitzungsgefahr kurz mal aus der Steckdose nehmen muss (3 Folgen Big Bang Theorie am Stück waren wohl doch etwas zu viel für den Kleinen) , spüre ich, wie bei mir ein neues Zeitalter anbricht. Ein Zeitalter, in dem auch ich die neuesten Apps herunterladen, 4 Folgen einer Serie am Stück schauen kann und meinen Laptop auch mal in der Küche oder im Zug oder sogar mal auf dem Balkon ohne Stromanschluss nutzen kann. Ich fühle mich verwegen, modern und lasse die Vergangenheit einfach hinter mir.
Und dann stecke ich mir schnell ein grünes Center Shock in den Mund, genieße mein Säure-verzerrtes Gesicht und beschließe, mir doch etwas Vergangenheit zu behalten.
Aber heimlich.
Und Walter wird nie etwas erfahren.

 


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/epsos/8336691931

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