Gesetzestreue oder Johanna verreist Teil 1

 

Murphys Gesetz besagt: Alles was schiefgehen kann, geht auch schief. Ich kenne Leute die rufen „Arrgh, Murphys Gesetz!!“ wenn Sie sich einen Nagel abgebrochen haben und partout keinen Termin für den gleichen Tag in Ihrem Nagelstudio bekommen. Obwohl’s doch ein Notfall ist.
Ich kann bei solchen Vorfällen nur lachen.
„Ach komm, als hättest DU immer so ein Pech“, zweifelt mein halber Bekanntenkreis an meiner These, dass Murphys Gesetz einfach einer Kurzbeschreibung meines Lebens entspricht.
„Sicher ist auch einiges in Deinen Kolumnen frei erfunden, Johanna“, meint mein Kollege Michael und wird direkt von Stefan ergänzt: „Die Johanna übertreibt halt gerne mal“.
Und ich frage mich: Übertreibe ich wirklich so sehr? Habe ich vielleicht gar nicht so viel Pech? Und ist mein Leben am Ende gar nicht so chaotisch, wie es mir so oft vorkommt?
Den ganzen Tag beschäftigten mich diese Fragen. Beim Joggen im Rosensteinpark. Beim Backen der Kirschmuffins für den nächsten Tag. Auch bei der Entfernung des frischen Kirschflecks auf meinen neuen weißen Sneakers, den ich versuche mit einem Lappen zu entfernen – der offensichtlich vorher in einem Glas Erdbeermarmelade hing. Am Ende begutachte ich also meine ehemals weißen, nun aber zum Teil rosa-glänzenden Sneakers und denke unweigerlich wieder: „Da ist es! Murphys Gesetz!!“
Nein, ich kann Murphy jetzt auch echt nicht alles in die Schuhe schieben!
Also beschließe ich, zukünftig nicht mehr so voreingenommen zu sein und zu denken, dass bei mir immer das pure Chaos ausbricht. Es muss ja auch nicht immer alles schiefgehen! Vielmehr konzentriere ich mich auf meinen bevorstehenden Urlaub, meine erste Reise so ganz alleine und freue mich über eine entspannte Zeit in Norwegen.
Diese positive Denkweise verschwindet auch dann nicht, als meine Bank anruft und mir mitteilt, dass Sie meine PIN für die neue Kreditkarte leider verloren hat und ich somit erst in einigen Wochen eine neue (funktionierende) Kreditkarte besitzen werde. „Kein Ding!“ grinse ich, denn ich hatte vorgesorgt und eine weitere Kreditkarte zuhause liegen – extra für den Notfall. Ich lache erleichtert. „Na also, alles unter Kontrolle“. Bis ich merke, dass ich diese Kreditkarte erst freischalten muss: „Ganz einfach“, erklärt mir mein hilfsbereiter und freundlicher Kundenberater. „Sie brauchen dazu einfach nur die Android oder iOS App. Was haben Sie für ein Smartphone? iPhone? Samsung?“ „Mal angenommen, ich hätte ein Windowsphone. Wäre das schlecht?“ frage ich vorsichtig nach und denke an die mahnenden Worte meiner Kollegen vor dem Kauf dieses Gerätes. „Ja, das wäre schlecht“, erklärt mir der Kundenberater. Und ich finde ihn plötzlich gar nicht mehr so sympathisch. „Wir können sie auch anders freischalten, das dauert dann aber 1-2 Wochen.“
Also auch keine Plan-B-Kreditkarte im Urlaub. Und gerade als ich herausbrüllen will, warum ich eigentlich immer so ein Pech habe, halte ich doch lieber inne – und verschweige vor meinen Kollegen die Tatsache, dass mir mein Windowsphone wieder ein Stückchen Lebensqualität geraubt hat. Stolz und so.
Ich gebe mir alle Mühe und grabe schnell wieder diese Gelassenheit und die positive Einstellung hervor, die ich doch von jetzt an immer bei mir tragen will. „Ich habe immer noch mein Geld auf dem Konto“, lächele ich beruhigt, stehe vor dem Geldautomaten, um mir genügend Bargeld für den Start in den morgigen Urlaub abzuheben und – ich habe keinen Zugriff mehr auf mein Konto.
Meine Gelassenheit ist plötzlich nicht mehr wirklich vorhanden. Und sie kommt auch dann nicht zurück, als mein Bankberater mir am Telefon erklärt: „Natürlich haben Sie keinen Zugriff auf Ihr Konto. Ihr Konto wurde gestern gelöscht!“.
Das war es mit der Gelassenheit und der positiven Einstellung. Dafür stieg eine etwas ungesund aussehende Blässe in mein Gesicht – gefolgt von ein wenig Übelkeit und ziemlich panischen Blicken. „Wo ist denn dann mein ganzen Geld?“ frage ich den Berater. Im Hintergrund hatten sich nun einige Kollegen versammelt, um das Schauspiel mitzuerleben. Ich denke, der ein oder andere hätte sich dazu eine Tüte Popcorn gewünscht.
„Wo Ihr Geld ist? Das kann ich Ihnen leider gerade auch nicht sagen. Wir finden es heraus und melden uns dann wieder bei Ihnen!“.
Und während ich in meinem Geldbeutel krame und überlege, ob ich wohl eine Woche in Norwegen mit 5,45 € (immerhin in Bar!) überleben kann, schüttelt mein Kollege Uli den Kopf und fragt mich (mit etwas Besorgnis in der Stimme): „Und du bist dir sicher, dass DU alleine verreisen willst?“.
Auch meine restlichen Kollegen erkennen nun den Ernst der Lage (und scheinen verstanden zu haben, dass ich tatsächlich ein Leben nach Murphys Gesetz führe), zücken direkt Ihre Geldbeutel und richten umgehend einen „Johanna-ist-pleite“-Fond ein. Ich bin gerührt. Und mir kommen wirklich die Tränen. Ein bisschen vor Rührung. Und ein bisschen, weil mir dann gerade einfällt, dass ich den ganzen Abend damit zubringen muss, meinen gebrochenen Hartschalenkoffer mit Gaffa-Tape einzuwickeln…der ist mir nämlich einen Tag zuvor die Treppe herunter gefallen).
Und nun? Nun sitze ich pleite aber ziemlich glücklich, mit meiner Handtasche – voller Proviant – bewaffnet im Flugzeug und freue mich auf ein wenig Entspannung. Was sollte da auch jetzt noch kommen?!
„Entschuldigung“, stört mich die Stewardess und demonstriert mir sogleich, dass da wirklich noch was kommt. „Sie sitzen am Notausgang, deswegen dürfen Sie nichts bei sich auf dem Sitz haben!“.
„Gar nichts?“
„Gar nichts!“
„Na gut“ gebe ich mich geschlagen, verstaue meine Handtasche im Fach über meinem Sitz und schiebe schnell und heimlich noch eine Packung Kekse unter meinen Pullover.
Vorwurfsvoll schaut mich mein Sitznachbar an, als hätte er gerade das Verbrechen seines Lebens beobachtet.
Wenn er wüsste, dass ich mit Geld aus einem Mitleids-Fond, einem provisorisch zusammengeklebten Koffer und halb verfärbten Schuhen reise – er hätte mir die illegale Packung Kekse sicher gegönnt.
Besonders weil ich doch sonst so Gesetzestreu bin.
Nicht wahr, Murphy?

 

 

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