Kehrwoche

Gevierteilt

Neuanfang. Schon wieder. Und ich bin unglaublich aufgeregt. Noch genau 10 Tage bleiben mir in Stuttgart – im Ländle – wo ich nicht nur Freunde, Lieblingsorte und einige meiner hübschesten Kleider, sondern wo ich auch innerhalb kürzester Zeit mein neues Zuhause gefunden habe. Noch 10 Tage, bevor es los geht, in ein neues Abenteuer, mit neuen Herausforderungen und einigen neuen Aufgaben.

Zähneknirschend und mit meinen Händen in Abwehrhaltung habe ich mich damals, vor nun 3 Jahren, ins Reich der Schwaben begeben. Nur um nach 3 Wochen voller „Pfännle“ und „Kehrwoche“ und „Maultaschen mit Kartoffelsalat“ festzustellen: Oh, hier kann man es gut aushalten. Zugegeben: An dieses „Viertele“ konnte ich mich bis heute nicht gewöhnen. Denn für einen Pfälzer ist es höchst seltsam, wenn er einen Weißwein bestellt, dem Kellner beide Hände entgegenstreckt (um den gewohnten halben Liter im „Dubbeglas“ sicher entgegen zu nehmen) und dann lediglich eine kleine Pfütze in seinem Gläschen vorfindet. Dass ich in meiner ersten Woche in Stuttgart auf dem Stuttgarter Weindorf unter erstaunten Blicken meiner Mitbewohner das Glas nahm, den kaum erkennbaren Inhalt hinunterkippte und dem Typen an der Bar (in der Annahme, es handle sich hierbei um einen Probeschluck) mit hingestrecktem, leeren Weinglas entgegnete: „Ja der passt“, sei nur am Rande erwähnt. Der Typ hinter der Bar antwortete nur: „Freut mich. Darf es noch ein Glas sein?“ und machte mir damit unmissverständlich klar: Als Schwabe werde ich niemals wieder am nächsten Tag Muskelkater in den Armen vom Heben eines schweren Weinglases haben.
Dieser Gedanke machte mich damals ziemlich traurig. Und ich schaute meine Freunde nur mitleidig an, wie Sie so dastanden, mit 0,25 l Wein in Ihren Händen. So, als sei dies ganz normal. Damals wusste ich aber auch noch nicht, dass es so etwas wie die „Kehrwoche“ tatsächlich gab. Bis zu meinem Einzug in die Großstadt hatte ich bis dahin geglaubt, die Kehrwoche sei lediglich ein Gag. Erfunden von den Badenern. Oder den Saarländern (die sind doch für Pfälzer eh an allem Schuld).
Aber nein, diese Kehrwoche besteht tatsächlich aus einem Kleinen Schild, dass dir in regelmäßigen Abständen von Deinen reizenden Nachbarn an die Tür gehängt wird, um Dich daran zu erinnern, dass Du jetzt eine Woche den Hausflur sauber machen und (je nach Witterung und Jahreszeit) das Laub, den Schnee/das Eis oder das Unkraut vor der Haustür entfernen musst. Und wer jetzt denkt, dass dieses Schild lediglich dafür gedacht ist, den entsprechenden Mitbewohner an seine Pflicht zu erinnern, der irrt. Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass dieses Schild jedem Bewohner im Haus signalisieren soll: Du hast etwas auszusetzen, findest, dass der Hausflur nicht ausreichend glänzt oder Du hast schlechte Laune? Hier kannst Du Deinem Ärger Luft machen!
Trotzdem habe ich in den ganzen 3 Jahren noch keinen einzigen meiner schwäbischen Freunde weder über die Kehrwoche, noch über das Schluckimpfung-gleiche Pfützchen an Wein klagen hören, dem sie hier in Stuttgart ausgesetzt sind.
Vielleicht ist das das Geheimnis der Stuttgarter, dass hier alles so reibungslos und effizient funktioniert?

Vielleicht hält man sich hier einfach daran, wenn vor der Haustür das liebliche Schild „Kehrwoche“ baumelt? Und vielleicht begnügt man sich mit einem (OMG…ich wage es kaum zu glauben) Viertelliter Wein, wenn man am Abend etwas trinken geht? Eventuell wird es tatsächlich Zeit für mich weiterzuziehen und neue Städte zu erkunden. Obwohl ich mir gar nicht mal so sicher bin, irgendwo wieder auf ein solch liebenswert-verrücktes Völkchen zu treffen, das mit dem Begriff „Fuß“ tatsächlich das ganze Bein (vom kleinen Zeh bis zur Hüfte) meint. Ein Völkchen, das mit „Bühne“ nicht etwa die Bretter, die die Welt bedeuten, sondern den Dachboden meint (hat schon zu schlimmen Verwechslungen geführt!). Ein Völkchen, das ernsthaft Maultaschen mit Kartoffeln serviert (um Himmels willen, könnte mal jemand darauf aufmerksam machen, dass man Kartoffeln und Nudelteig niemals miteinander kombiniert? Niemals! Was haben die hier bitte für einen ungeheuerlichen Geschmack?)
Wie dem auch sei, werde ich Stuttgart ungeheuerlich vermissen. Eine Stadt, die man vielleicht so nehmen muss, wie sie ist?
Und dann öffne ich doch nochmal meinen Umzugskarton und hole mein 0,5 L Dubbeglas für reichlich Wein aus der Pfalz heraus.
Und beschließe, es hier in Stuttgart zu lassen.
Denn ich verlasse diese wunderbare Stadt zwar, aber ein Teil von mir soll doch hier bleiben.
„Und wenn es auch nur der Promille-Teil ist“, denke ich mir.
Und esse genüsslich meine Maultaschen.
Mit Zimt und Zucker.
Denn ich habe ja Geschmack.

 


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/philoup_d/16483169069

5 Gedanken zu “Gevierteilt

  1. Natalie schreibt:

    Liebe Johanna,
    das ist ein ganz toller und wehmütiger Text. Ich freue mich für dich und dein neues Lebensabschnitt. Ich hoffe auch, dass dein Blog weiterhin bestehen bleibt. Ich habe deinen Blog richtig lieb gewonnen. Deine Text sind so schön und ich freue mich riesig, dass du dich entschieden hast, dein das Schreiben beruflich umzusetzen. Falls du ein Buch schreiben willst, werde ich die erste sein, die mit deinem Buch sich an der Kasse anstellt. 🙂 In welche Stadt ziehst du demnächst um?
    Ganz liebe Grüße
    Natalie
    https://www.livolett.de

    • johannaboeshans schreibt:

      Liebste Natalie, danke Dir für Deine wunderbaren Wünsche und auch für diese herzigen Komplimente. Die haben mir meinen Tag versüßt (und das will was heißen, denn heute ist Montag 😉 Für mich geht es erst einmal 4 Monate nach Offenburg, anschließend ein halbes Jahr nach München und dann sieht man weiter, wo es mich hinverschlägt 😉 Ich werde in jedem Fall darüber auf dem Laufenden halten. Und bis dahin freue ich mich, dass Du meine Leserin bist. Was will man mehr!?

  2. Sonja schreibt:

    „Aber Maultaschen sind doch keine Nudeln!!“ denke ich mir so augenrollend bis ich kurz darauf laut lachen muss. In Kroatien haben wir nämlich ein altes Arme Leute-Essen, das deinem Satz alle Ehre macht. Es sind tatsächlich und ganz ganz wirklich nämlich Nudeln mit Kartoffeln, aber es schmeckt von Mama gekocht einfach ultimativ geil! Auch, wenn das kaum vorstellbar sein mag.

    Liebe Grüße von einer tatsächlich nicht Kehrwoche machen müssenden Stuttgarterin
    Sonja 🙂

    • johannaboeshans schreibt:

      Nur noch 10 Tage in Stuttgart…und siehste: man lernt doch noch auf die letzten Meter etwas dazu 😁 ich Versuche meine Intoleranz bezüglich der Kombi von Kartoffeln und Nudeln etwas einzudämmen. Und bis dahin hast du Zeit, dieses Essen für meinen nächsten Stuttgart-Besuch zuzubereiten 😉 hahaha! Johanna

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