GROSSSTADTSAFARI

Sich durch etwas durchzuwühlen, das macht man inzwischen ziemlich oft. Regelmäßig beim Lebensmitteldiscounter, wo man die verschiedenen Artikel meist noch verpackt in Kartons findet und die wichtigsten Dinge natürlich immer verstreut in irgendwelchen unübersichtlichen Regalen lagern. Nicht selten hängt die Käuferin neben mir bis zur Hüfte in einem der Bananenkartons, um sich den letzten grünen Apfel zu angeln. Oder aber in besonders günstigen Kleiderläden, in denen man Hemd, Jacke und Co weniger an – als vielmehr unter der Kleiderstange findet. Meist noch übersät mit Pumps, von denen es in der Regel nur noch einen Rechten oder Linken zu erstehen gibt.

“Sich durch etwas durchwühlen” kann aber auch unglaublich Spaß machen. Nämlich dann, wenn man sich extra darauf vorbereitet, früh aufsteht und sich dazu noch die Zeit nimmt, bei jedem herausstechenden Artikel kurz innezuhalten und zu separieren: “Ist das Fashion oder kann das weg?”

Dieses Gefühl bekommt man in der heutigen Zeit ganz einfach auf einem Flohmarkt – Der Safari der Großstädter.
Wer jetzt denkt, der Vergleich eines Flohmarktes mit einer Safari, auf der man von ungezähmten und angsteinflößenden Tieren umgeben ist, ist zu weit hergeholt, der war noch nie auf einem Mädchenflohmarkt. Der Moment, wenn drei Mädels gleichzeitig die neue MCM Clutchbag mit leichten Gebrauchsspuren zum Spottpreis entdeckt haben, gleicht der Situation, wenn sich eine kleine Gazelle zwischen Löwen und Hyänen verirrt hat. Bei den Mädels wird in solchen Augenblicken kurz durchgeatmet und dann wird gezogen, gezetert und gekeift… Dagegen ist der Raubzug einer Löwengruppe der reine Kindergeburtstag. Aber wie frohlockend und herzallerliebst ist doch das Gefühl, wenn man eines dieser drei Mädels ist und die MCM-Schlacht für sich entschieden hat. Das Geld geht über den wackeligen Malertisch, der die besten Jahre schon hinter sich hat und die Tasche wandert in die eigenen Hände, die sofort gierig das genutzte Leder befummeln. Nein, ein hämisches und siegreiches Grinsen kann man sich da einfach nicht verkneifen, wenn man an den beiden anderen Interessentinnen vorbei stolziert, die sich mit Mühe und Not ihre Tränen verkneifen und mit leicht gesenktem Kopf neue Beute suchen.

Meine bisher glücklichste Errungenschaft auf einem Flohmarkt war eine Jeansjacke von Levis, die ich mir für 8 € gesichert hatte. Kühl, distanziert und total abgebrüht hatte ich die Verkäuferin von 15 € auf 8 € heruntergehandelt. Mein Herz hüpft noch vor Glück, wenn ich daran denke. Mein Vorteil war, dass andere potentielle Konkurrentinnen außer Sichtweite waren und mir dadurch genügend Freiraum zum Handeln gelassen haben. Wenn ich auch im realen Leben manchmal Schwierigkeiten damit habe, das 2€-Stück vom 1€-Stück zu unterscheiden und oft stundenlang vor Sale-Angeboten ausharren muss, um herauszubekommen, wieviel die 40% Rabatt nun von dem Originalpreis ausmachen, so werde ich auf Flohmärkten schon fast zu einem Wirtschaftsprofi und Zahlenjongleur. Ich denke, es macht diese Mischung aus Vintagecharme, abgenutztem Kitsch und den kleinen Goldstücken, die sich in der Menge verstecken, die den Zauber eines Flohmarktes auslösen. Ja, man entflieht für kurze Zeit dem geregelten Großstadtleben.

Auch beim nächsten Flohmarktbesuch werde ich wieder gut gerüstet sein. Ich werde wieder extrem früh aufstehen, meine bequemsten Laufschuhe tragen, um mich schnell und agil von A nach B bewegen zu können. Und wenn ich meine potentielle Beute erblicke, so werde ich mich nicht scheuen, auch mal ein eindeutiges Knurren von mir zu geben. Denn wenn ich das neue Lieblingsteil erfolgreich erlegt habe, bleibt mir nichts als diese wunderbaren Glückgefühle und mein eigener Zuspruch: “Gut gebrüllt, Löwe!”.

 


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