HAI-FASHION

Das Leben spielt oft genug verrückt. Gerade in Sachen Mode.
Erst vor einigen Tagen saß ich beim Zahnarzt, zur leidlichen Kontrolluntersuchung, in der ich mich – wie so viele – regelmäßig versuche wegzuträumen. Gar nicht mal so leicht, wenn ich an der Decke mein Spiegelbild erkenne und dabei genau sehe, wie der Mensch mit Kittel in meinem Mund herumfuchtelt. Dabei ist mir direkt aufgefallen, dass mein Jeanshemd offensichtlich die besten Jahre hinter sich hat. Mitgenommen und ausgefranst sieht das ganze aus und ich bekomme direkt das Gefühl von Unordnung und dem Drang, mich umzuziehen.
Doch warum fühle ich mich bei der Entdeckung dieses unbeabsichtigten Löchleins plötzlich so schlecht, obwohl eine Kollegin erst vor kurzem mit einer komplett durchlöcherten Jeans ins Office kam? Destroyed ist wieder im kommen, bestätigt Sie die Vermutung von uns allen und wird damit zum Hingucker des Tages.
Es ist schon lustig, wie ein Fashion-Fauxpas manchmal nur einen wohlklingenden Namen braucht – um ihn der Umgebung als Stilrichtung verkaufen zu können. Was man dazu braucht? Einfach nur den nötigen Stolz und die passende Einstellung, damit das ganze auch glaubhaft rüberkommt. Und zur Sicherheit präsentiert man ihn einfach auf dem eigenen Modeblog.

Man hat gerade erst 4 Wochen auf diese absurd schmackhaften Kohlenhydrate verzichtet, das Fitnessstudio mehr als einmal im Jahr besucht und die Kleider sind deswegen plötzlich viel zu weit? Gar kein Problem, einfach mit Gürtel an den Körper schnüren und nebenbei erwähnen, wie trendy Oversized schon wieder ist. Alle Lieblingsoutfits, die sich in Ihrer Kombination bisher unglaublich gut bewährt haben, sind noch in der Wäsche und übrig bleibt nur die Karobluse zur Pünktchenhose? Spitze, Patternmix geht – gerade an sonnigen Tagen – doch immer.
Dann blättere ich ein Modemagazin durch und sehe Selma Blair, wie Sie mit einer ausgeleierten Jeans, abgewetzten Chucks und ziemlich unförmigen Pullover durch die Gegend läuft, Ihre Haare (eindeutig Bad-Hair-Day) unter einer weiten Mütze versteckt.
Die Arme. Bestimmt gestresst und kein bisschen Zeit sich zurecht zu machen – denke ich.
Die Grandiose. Lässig gestylt, im immer wiederkehrenden Boyfriendlook mit hipper Beany gelingt es Selma Blair auch hier wieder beim schlendern durch New Yorker Straßen Trends zu setzen – sagt mein Modemagazin.
Soso, während ich Miss Blair also bemitleide, bewundern Sie so viele andere in diesem Aufzug, in dem ich höchstens den Müll untertragen würde, als IT-Girl. Was da wohl noch so alles möglich ist?

Gerade als ich überlege, welche Fashionsünden sich noch so in meinem Schrank verstecken, die ich mit ein bisschen Kreativität und den passenden englischen Begriffen in neue Trends verwandeln könnte, unterbricht mich mein Zahnarzt: “Johanna, ist Dir bewusst, dass dir gerade hinter Deinem Schneidezahn ein weiterer Zusatzzahn wächst?” Nein, das war mir bisher nicht bewusst. Und tatsächlich entdecke ich mit halb verdrehtem Gesicht diesen kleinen, spitzen Neuankömmling, der schon etwas an einen Haifischzahn erinnert. Und nun? Raus damit? fragt mein Arzt. Niemals, rufe ich. Der bleibt erstmal drin. Das Praxisteam guckt mich verwundert an. Sicher, dass Du mit dem Look leben kannst? hakt die Arzthelferin nach. Wenn Selma Blair es mit dem “Boyfriendlook” schafft, macht mir so ein bisschen “Hai-Fashion” nichts aus, und ich zeige Ihr sofort mein überzeugendstes Lächeln.

Hai-Fashion? Die Arzthelferin guckt verwundert in die Runde.
Ich geb dem Trend noch wenige Wochen, dann hat er sich rumgesprochen.
Ganz bestimmt.
Und zur Sicherheit sollte ich vielleicht einen Modeblog dazu eröffnen.

 


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/lovemaegan/4622283405

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