Hier könnte Ihre Headline stehen

Ich weiß nicht so recht, ob es einfach eine langgehegte Eigenart von mir ist oder ob es damit zusammenhängt, dass ich in meinem Inneren schon immer ein Stück weit Journalistin war. Woher es auch kommt: für mich beginnt jede Tat, jede Entscheidung, jeder Tag und jedes neue Jahr zunächst mit einer ausgesuchten Headline. Zunächst dachte ich (als bekannte Hobby-Psychologin und Selbst-Analystin), das sei ausschließlich eine fortwährende Form von Struktur. Und abwägig wäre dies wohl nicht für jemanden, der zunächst in Heidelberg nach Wissen strebt, dann in Köln ein bisschen in der Modewelt ertrinkt, anschließend in Stuttgart sein Heim & Herz findet und kurz nach dem Ausruf „Hier will ich nie mehr weg“ – nach München zieht. Struktur tut da not. Und gut. Denn wie befreiend erscheint es, den Tag schon am frühen Morgen mit „I’m Walking on Sunshine“ zu betiteln. Denn dann weißt du, auf was du dich freuen kannst. In diesem Fall auf Bewegung. Und Sonne. Dass dieser angekündigte Sonnentag manchmal kurz darauf in einem donnernden und regenüberströmten Fiasko endet, das ist wieder eine ganz andere Geschichte (die dann natürlich wieder ihre ganz eigene Headline bekommt).

Überschriften sind für mich einfach so viel mehr, als aneinandergereihte Worte. Sie drücken Gefühle aus, wecken Erwartungen, erzeugen Spannung und rahmen die darauffolgende Geschichte gleichzeitig so schön ein. Und je länger die Story, desto kniffliger oft die Suche nach einer passenden Überschrift. Ein ganzes Jahr zu betiteln, das fällt da schon wirklich schwer. Und so hatte ich Anfang 2017 noch Ideen, die jetzt, ganz am Ende, keinen Sinn mehr ergeben würden. Ist ja klar, denn ich wusste am ersten Januar selbstverständlich einiges noch nicht. Ich wusste nicht, dass es das Jahr wird, an dem ich „Streber“ genannt werde. Ein Titel, über den meine ehemaligen Mitschüler und Klassenlehrer angesichts meiner miserablen Schulnoten und meines damals fehlenden Mathebuchs (Zitat: „Dies wäre in meinem Fall eine Fehlinvestition, deswegen hab‘ ich mir das gar nicht erst gekauft“) wohl nur lachen können. Auch habe ich zu Beginn des Jahres noch nicht ahnen können, wie viele alte Freunde und Bekannte meinen Weg verlassen und wie viele neue Menschen wie aus dem Nichts auftauchen würden. Manchmal wirklich wie aus dem Nichts. Leute, hört auf damit. Ich bin total schreckhaft!

 

Aber auch meine Naivität musste ich in diesem Jahr nach und nach etwas ablegen. Zu viel habe ich gewollt, manches nicht geschafft. Mein schwedisches Übungsbuch verstaubt zusehends in der Ecke, obwohl ich 2017 eigentlich Astrid Lindgren mit ihren Muttersprachler-Künsten in den Schatten stellen wollte. Meine Kolumnen, die ich trotz Arbeit & Alltagsstress regelmäßig schreiben wollte, mussten pausieren. Meine innere Ruhe und Ausgeglichenheit, auch die ursprünglich durch regelmäßiges Yoga zulegen wollte, scheinen noch immer auf irgendeiner Dauer-Kerwe wilde Maus zu fahren.
Und trotzdem finde ich das jetzt, am Ende des Jahres, irgendwie gar nicht wirklich schlimm. Denn das gute an Überschriften ist, doch, das man sie immer noch einmal anpassen, korrigieren und verfeinern kann. Und selbst dann, wenn du denkst: „Was ist das bitte für ein genialer Titel!?“ kann es passieren, dass jemand anderes für dich einfach eine neue Überschrift findet. Zum Beispiel dein bester Freund. Oder dein Papa. Oder der Textchef. Und bei letzterem tut es dann richtig weh.
Aber das halte ich aus, lasse mich darauf ein und warte einfach ab, wofür die Änderung gut war.

Ich warte ab? Ich lasse mich darauf ein? Ich halte etwas aus? Habe ich etwa doch, so kurz vorm Ziel, zu der gewünschten inneren Ruhe gefunden?
Vad härdligt!
Und, oh, mein Schwedisch scheint ja doch noch irgendwo verankert zu sein.
So sitze ich nun ziemlich entspannt und sehr zufrieden beim Friseur und lasse mir – zum letzten mal in diesem Jahr – eine neue Frisur verpassen.
Und die Headline dafür wird lauten: Ganz schön schnittig. Oder so ähnlich. In jedem Fall wird sie positiv. Ich hab‘ ja jetzt meine innere Ruhe und so.
Dann zeigt meine Friseurin auf meinen Kopf und meint: „Ach du meine Güte, sowas habe ich ja noch nie gesehen. Dein Hinterkopf ist ja extrem flach!“
Ich lächle gequält, suche gedanklich bereits einen deutlich düsteren Titel für diesen Moment. Und während mir bewusst wird, dass die neue Headline-Auswahl von Google aufgrund unangemessener Wortwahl gesperrt werden würde, winken mir meine Innere Ruhe und meine Gelassenheit kurz und knapp zum Abschied zu und laufen wieder Richtung Kerwe.
„Dann bin ich eben erst 2018 super ausgeglichen und entspannt“ denke ich mir. Und erkenne: Trotz allem –  eine neue Kolumne steht!
Also irgendwie doch noch ein Grund zu feiern.
Sieht meine innere Ruhe genauso, die mir gerade mit einem großen Glas Negroni vom Riesenrad aus zuprostet. Ich hoffe, sie belässt es bei dem einen Drink. Sie muss mir schließlich morgen früh dabei helfen, neue Headlines zu finden.

 

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