Icecream

Heiß, heiß, Baby

Welch große, überraschende Neuigkeit: Ich scheitere nicht gerne. Ich gewinne viel lieber und bevorzuge doch eher die Höhen des Lebens. Ja, bei mir könnte es ständig bergauf gehen. Ist ja irgendwie klar, keiner durchlebt gerne Tiefs und keiner freut sich darüber, wenn es im Leben mal bergab geht.
„Ohne die Tiefs kannst Du auch keine Hochs erleben“, meint meine Mama ständig. Und natürlich hat sie damit irgendwie Recht. Wenn immer alles klappt, wie man sich das vorgestellt hat, dann könnte man sich vermutlich über die Erfolge gar nicht mehr so freuen. Und überhaupt, wenn wir im Leben mal fallen, kann sich das nicht letztendlich auch manchmal als wahrer Glücksgriff entpuppen?

Zum Beispiel in der Grundschule, als es darum ging den Fahrradführerschein zu machen. Da ich aufgrund der alphabetischen Reihenfolge in der Schule immer ganz vorne mit dabei war (das war schulisch gesehen aber auch wirklich meine einzige Pole-Position), musste ich als Erste einen vorgegebenen Weg mit meinem Fahrrad abfahren. Ich hatte bereits darauf hingewiesen, dass ich mir vorgegebene Wege nicht merken kann (schon gar nicht, wenn man im Fahrradfahren so schlecht ist, dass man genug damit zu tun hat, das Gleichgewicht zu halten). „Junge Dame, den Weg hat bisher noch jeder einhalten können“, meinte der nette Polizist und erklärte mir nochmal ausführlich die korrekten Abzweigungen, die ich zu nehmen hatte. Ich fuhr los und bog – bereits an der ersten Ampel unter ungläubigen Blicken des Polizisten – falsch ab. Ein wahrer Tiefpunkt, wenn man bedenkt, dass ich es kurz darauf auch noch schaffte, eine Mitschülerin zu rammen (die kam aus dem Nichts, ehrlich!) und den kompletten Prüfungsablauf durcheinander zu bringen.
Ich habe meinen Fahrradführerschein an diesem Tag erhalten. Und ich bin mir sicher, dass dies lediglich daran lag, dass mir das Bestehen dieser Prüfung über meinen nicht-existenten Orientierungssinn hinweghelfen sollte.

Oder der Vorfall in Sizilien, als meine ganze Familie im Meer herumschwamm und ich (als einzige) auf eine Feuerqualle zusteuerte. Ich heulte, es brannte, ich schloss mit meinem Leben ab. „Ach was, nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird“ versuchte mich meine Mutter aufzuheitern. Aber Lebensweisheiten die das Wort „Hitze“ enthalten, konnten mich in meinen Feuerqallen-Qualen erst recht nicht beruhigen. Und so war ich am Boden zerstört. Bis ich meine Oma am Abend zu meinen Geschwistern sagen hörte: „Nein, nein, jetzt kümmere ich mich erst einmal um unseren Patienten“. Und Sie brachte mir (vor allen anderen) einen Haufen an Süßigkeiten. Und an diesem Punkt erkannte ich – als geplagtes Sandwichkind – dass mir diese Feuerqualle gerade einige Aufmerksamkeit und reichlich Zucker beschert hatte.

Und so stimmt es doch irgendwie, was meine Mama so oft sagt: „Wer weiß schon, wozu es am Ende gut ist?“
Vielleicht muss man auf eine Schule, auf die man doch keinesfalls wollte, und trifft genau dort die beste Freundin, die einen bis heute begleitet? Vielleicht wandert eine Freundin, mit der man Haustür an Haustür aufgewachsen ist, in jungen Jahren mit ihrer Familie nach Argentinien aus und bietet dir letztendlich die Möglichkeit, unglaublich viele Reisen zu unternehmen? Vielleicht zwingt ein Job dich in eine Stadt, die du immer verabscheut hast, und du findest genau dort dein neues Zuhause? Vielleicht verträgst du eines Tages kein Gluten und hast dadurch… nein….echt, da ist nun wirklich nichts positiv dran.
Aber auch hier muss ich meine Mama zitieren:
„Wenn du im Leben mal hinfällst, denk nicht lange drüber nach, steh auf, erhobenen Hauptes, und lauf weiter“.
„Sie hat ja so Recht“, denke ich, als ich in München gemütlich aus der U-Bahn laufe und meinen Blick umherschweifen lasse. „Wie viele Misserfolge immerhin doch dazu beigetragen haben, dass ich jetzt durch diese schöne Stadt laufe!“
Und dann rutsche ich auf einem am Boden liegenden Bällchen Eis mit passender Portion Schlagsahne aus und knalle mit voller Wucht mitten in die Süßspeise hinein.
Und wie ich da so Zucker-überzogen am Boden liege, denke ich an Mamas Aussage: „Wenn Du im Leben mal hinfällst, denk nicht lange drüber nach, steh auf, erhobenen Hauptes, und lauf weiter.“
Und ich stehe auf:
Ich laufe weiter.
Aber das mit dem erhobenen Haupt lasse ich jetzt einfach mal.
Denn mit Eis am Hintern läuft es sich schon schwer genug.

 


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/mercylane/8436605985

3 Gedanken zu “Heiß, heiß, Baby

  1. Kati schreibt:

    Oh Johanna, das hast Du aber nicht erzählt. Wir hätten bestimmt auch noch Stoff gehabt. Aber ich unter uns, ich bewundere Dich ganz ehrlich wie Du das machst. Bleib wie Du bist dann ist alles perfekt. Ich mag Deinen Blog total gerne und bin so froh Dich getroffen zu haben. Ganz lieben Gruß Kati

    • johannaboeshans schreibt:

      Danke dir liebe Kati! Ich kann gar nicht beschreiben wie sehr ich mich über deine Worte gefreut habe!! Das motiviert mich noch mehr!!! Und ich kann die Komplette nur zurückgeben 😉

  2. Karin schreibt:

    Liebe Johanna,
    wieder einmal ein ganz ganz toller Artikel. Ich freue mich darauf, noch viel
    mehr von dir zu lesen. Auch Glutenunverträglichkeit hat etwas Gutes. ☺️ Ich bin ja mittlerweile leider davon betroffen, und dadurch musste ich meine Ernährung umstellen. Auf diesem Wege habe ich einige meiner lästigen Kilos verloren. Also auch das hat etwas Gutes. 👌🏼 Ich hoffe wir sehen uns ganz bald wieder und haben wieder solche lustigen Stunden zusammen.

    Alles Liebe, Karin

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