JUST CALL ME JOOP-HANNA

In der gestrigen Mittagspause habe ich etwas Interessantes gehört: Alles, was wir mögen oder verabscheuen hängt nicht an unserem persönlichen Geschmack, sondern daran, welche einschneidenden Erfahrungen wir damit gemacht haben.

So ein Quatsch! Ich kann dieser Theorie wirklich nicht zustimmen!
Im Teenageralter habe ich beispielsweise meine erste Röhrenjeans geschenkt bekommen, die ich auch gleich in der Schule trug – und wurde daraufhin ganz bitterböse ausgelacht. Ein kleines, speckiges Mädchen in absolutem Retro-Chic… Offenbar war ich meiner Zeit voraus und damit die Witzfigur der gesamten Klasse 5c. Diesen Auftritt kann man aus wirklich keinem Blickwinkel als positiv verbuchen. Die Röhrenjeans wurde natürlich nach Schulschluss von mir persönlich in die hinterste Ecke meines Kleiderschrankes verbannt.
Doch heute? Heute trage ich nur noch Röhre. Und den Gedanken an mich als Witzfigur in Röhrenjeans habe ich lediglich als “Erfahrung” verbucht. Ich liebe meine Röhrenjeans – trotz dieser ersten Erfahrung.
Und bin damit offenbar ein ganz fabelhaftes Vorbild, an dem sich jeder ein Beispiel nehmen sollte!

Denn wenn ich mich so umhöre, dann trifft die oben genannte Theorie bei so ziemlich allen anderen Personen in meinem Umkreis zu. So erklärt mir eine Freundin, dass sie unglaubliche Panik vor Friseurbesuchen hat, weil ihr vor 15 Jahren einmal ein Friseur einen Bob verpasst hat. Ein Bob trotz Mondgesicht. Natürlich verstehe ich die damalige Dramatik im Hinblick auf dieses Verbrechen. Aber nach 15 Jahren könnte man doch auch diesen Vorfall einfach mal nur als “Erfahrung” abhaken!? Eine andere Freundin hatte im Sommer vor einigen Jahren ein Tanktop an. Worauf ihr dann ihre 80-jährige Großtante Ruth attestierte, sie habe einfach nicht die Arme für so etwas. Seit besagtem Tag meidet sie Tanktops und alles, was so ganz und gar ärmellos ist und begründet dies in regelmäßigen Abständen mit der bereits verinnerlichten Aussage von Großtante Ruth: Ich habe einfach nicht die Arme für sowas. Dass sie inzwischen regelmäßig Fitness macht und so definierte Arme hat, wie Madonna sie sich nur wünschen könnte, blendet sie aus. Großtantchen hat das irgendwann mal gesagt. Großtantchen hat also Recht. Großtantchen trägt auch Socken unter den Gesundheitssandalen – aber das tut ja hier nichts zur Sache. Zumindest nicht für meine tanktoplose Freundin.
Somit habe ich gerade in Sachen Mode und Stil ein eindeutiges Ergebnis zu verzeichnen: Es stimmt! Wenn wir etwas Neues ausprobieren, fällt und steht dieser neue Look mit der ersten einschneidenden Erfahrung, die wir damit machen. Von dieser Theorie ist scheinbar wirklich jeder betroffen – außer ich! Denn ich trage meine Röhrenjeans weiter mit Stolz, Anmut und Grazie!
Und ich bin es damit wohl wirklich: Ein ganz fabelhaftes Vorbild, an dem sich jeder ein Beispiel nehmen sollte!

Und plötzlich lacht Helen, meine Kollegin und Sitznachbarin, laut auf. Du hast Dir nicht wirklich gerade diesen abgehalfterten Joop!-Pullover mit J-Print bestellt!?
Doch! Ich liebe diesen Pullover, seit meine Mama mir zu Grundschulzeiten erklärte, der “J-Aufdruck” stünde eigentlich gar nicht für Joop, sondern für Johanna. Ja, nur deswegen bin ich solch eine Joop-Verehrerin, selbst wenn mir diese Schnitte absolut nicht stehen.

Ich weiß, was ihr jetzt denkt.
Das zählt aber nicht.
Denn ich wills doch unbedingt sein: Ein ganz fabelhaftes Vorbild, an dem sich jeder ein Beispiel nehmen sollte!

 


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/jeffbelmonte/390681971

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *