Kartoffel-Tamtam oder Johanna verreist Teil 2

 

Allein, allein. Allein, allein.
Das war mein Plan. Ein paar Tage Oslo, weitere Tage Bergen und damit dann also einige Tage, in denen ich ganz und gar auf mich alleine gestellt war. Und nachdem ich also mit demoliertem Koffer, nicht funktionierender Kreditkarte, inaktivem Girokonto und ziemlich leerem Geldbeutel am Stuttgarter Flughafen stand, da musste ich mich doch mal fragen: Dieses „Ich reise jetzt alleine“ – Ding…war das bei mir wirklich so eine geniale Idee?
Wie oft wurde ich schon von Freunden vor heranfahrenden Autos gerettet, weil mir mitten auf der Straße Zweifel kamen: „Hmm..hab‘ ich meinen Schlüssel dabei?“ und ich dies dann noch an Ort und Stelle überprüfen musste. Oder meine Schwestern, die mich schon vor einigen unnötigen Investitionen bewahrten: „Johanna, dieses Kleid hast Du bereits in 3 weiteren Farben in Deinem Schrank!“
Und jetzt sitze ich im Flugzeug, im Bauch heftiges Kribbeln vor Aufregung, auf den Lippen den Song „Allein, allein.“ „Du reist auch allein?“ fragt mich ein blondes, bebrilltes Mädchen zu meiner Linken. „Jap“, antworte ich kurz. „Das erste Mal.“ „Bei mir auch“, meint Sie. Und es stellt sich heraus, dass Sie Conny heißt, dass auch Sie noch nie vorher in Oslo war und  auch kein Gluten verträgt. Ich lächle, denn offenbar war ich plötzlich gar nicht mehr so alleine und scheinbar hatte ich hier eine Seelenverwandte vor mir. „Also, ich habe für den Notfall mal schon ein paar Euro in Norwegische Kronen getauscht, habe den aktuellen Währungskurs recherchiert und meine Kreditkarte habe ich auch noch eingepackt“ berichtet Sie mir. Und den Gedanken mit der Seelenverwandtschaft verwerfe ich sofort wieder.
„Ähh..ja…ich auch“, erwähne ich schnell. Sie muss ja nicht wissen, dass ich aktuell quasi pleite bin und mich mit geliehenem Geld in eine der teuersten Städte der Welt traue. „Nun“, denke ich dann. „Sie kennt mich ja nicht. Das eröffnet mir die Chance, mal so zu machen, als hätte auch ich alles im Griff!“
Dieser Plan findet am Gepäckband jedoch ein jähes Ende. Zunächst erblickt Conny Ihren Koffer. Ein nigelnagelneuer Markenkoffer, verschlossen mit zusätzlichen Kofferbändern, gesichert mit einem Zahlenschloss und markiert mit einem übergroßen, pastellrosa Kofferanhänger mit Ihren fein-säuberlich – in Schreibschrift – eingetragenen Daten. Sie nimmt dieses Prachtexemplar von Reiseutensil vom Band und meint „Ich denke, wer an Dingen wie Koffern und Taschen spart und Sie nicht ausreichend schützt, muss sich nicht wundern, wenn was verloren geht!“ Dann lacht Sie und zeigt auf einen heranfahrenden Koffer, der offensichtlich genau dem entspricht, was für Sie als Gepäckstück keinesfalls zu rechtfertigen ist. „Der zum Beispiel!“
Dieser Koffer sieht offensichtlich ziemlich mitgenommen aus, schwarz und voller Kratzer, eine Rolle ist eingedellt und die Risse am Koffer wurden nur notdürftig mit Gaffa-Tape zusammengehalten.
Es ist mein Koffer.
Ich hebe ihn vom Band. Connys Blick ändert sich abrupt von amüsiert in gravierendes Mitleid. Und ich mache so, als würde mir dies nicht auffallen. „Anstand hat Sie ja“, denke ich. Denn Conny lässt keinen einzigen weiteren Kommentar zu meinem etwas dürftigen Gepäckstück fallen. Auch nicht während des langen Weges zu der Bahn, auf dem mein Koffer (dank der eingedrückten linken Rolle) unerträglich laut über den Boden rutscht. Und auch, wenn Sie hin und wieder etwas pikiert und zweifelnd auf das rollend-quietschende Etwas hinter mir schielt, scheint Sie doch nicht zu sehr abgeschreckt, denn wir verabreden uns gleich für den nächsten Morgen zum Frühstück. Ich denke, eine gute Gelegenheit, um mal zu schauen, ob wir doch noch irgendwelche Gemeinsamkeiten haben.
„Ich will möglichst alle Museen sehen, vor allem dieses fan-tas-tische Technikmuseum!“, meint Sie Euphorisch bei frischem Kaffee und warmen Kanelbullar. „Gestern habe ich schon ein Drittel davon geschafft! Und welche Museen interessieren Dich besonders?“ Da denke ich unweigerlich an meinen gestrigen Weg Richtung Schifffahrtsmuseum, das man wohl unbedingt gesehen haben muss. Kurz vor dem Eingang habe ich allerdings einen Second Hand Shop für Norwegerpullover entdeckt. Gerne kann man sich an dieser Stelle selbst ausmalen, wie wohl der weitere Tagesablauf von mir aussah.
In jedem Fall sitze ich nun beim Frühstück, in der einen Hand der Kaffee und neben mir auf dem Stuhl, meine neue Norwegerweste mit passendem Schal.
„Och, was Museen angeht fällt die Auswahl hier sooo schwer“, entgegne ich. Sie muss ja nicht wissen, was für ein Kulturbanause in mir steckt. „Aber was machst Du denn sonst so?“, wechsle ich schnell das Thema, bevor Sie mich fragt, ob ich mit Ihr in dieses komische Technikmuseum gehe! „Ich tanze viel Ballett“, meint Conny. Ach, doch noch eine Gemeinsamkeit. „Ich habe das auch gemacht, bis ich 16 war“, erkläre ich und bin froh, von diesem Museums-Thema weggekommen zu sein. „Fan-tas-tisch!“, strahlt Sie. „Tanzt Du auch nach den Richtlinien der Royal Academy of Dancing? Oder tanzt Du gar nicht in englischem Stil? Ihr habt in Eurer Ballettschule aber nicht die Vaganova-Methode angewendet? Und sag mal, hast Du auch so Probleme beim Rond de jambe en l’air? Manchmal klappt´s ja, aber spätestens wenn ein Temps levé sauté mit anschließendem Soutenu kommt, bin ich oft raus. Das ist doch manchmal so schwer. Oder? Oder?“ Ich antworte nur kurz: „Ja, dieses Soutenu. Immer dieses Soutenu“, rolle theatralisch mit den Augen und seufze laut, um zu demonstrieren, wie sehr mich dieses Soutenu schon angestrengt hatte. Natürlich ohne zu wissen, was dieses „Soutenu“ genau sein soll. „Klingt irgendwie nach einem Kartoffelgericht“, denke ich im Stillen.
Doch Kartoffelgerichte hin oder her, nach diesem Gespräch ist für mich klar: Die restliche Zeit in Oslo werde ich ohne Conny verbringen. Und ohne Conny verging diese Zeit dann auch plötzlich wie im Flug.
Also sitze ich – viel zu schnell – wieder im Flugzeug, breite meine Sachen aus und mache es mir bequem (diesmal hatte ich keinen Platz am Notausgang erwischt). Ich bin entspannt. Ich fliege hin – ins wunderschöne Bergen. Und weg von Conny und Ihren Ballett-Gesprächen.
Da ertönt plötzlich eine Durchsage der Stewardess: „Leider verzögert sich unser Abflug um einige Minuten. Wir haben Probleme mit der Gepäckverladung.“ Alle Mitreisenden stöhnen laut auf. Aus gruppendynamischen Gründen beteilige ich mich direkt daran. Die Stewardess fährt fort: „Ein schwarzer Hartschalenkoffer ist aufgeplatzt, die Crew versucht ihn wieder zu schließen. Der Koffer war bereits stark beschädigt und wird von Gaffa-Tape zusammengehalten.“
Und während ich tiefer und tiefer in meinem Sitz versinke und dabei überlege, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass die Stewardess nicht meinen schwarzen Hartschalenkoffer mit Gaffa-Tape-Verschnürung meinte, wünsche ich, ich sei wieder bei Conny.
Meinetwegen auch zu Ballettgesprächen und einer ordentlichen Portion Kartoffel-Soutenu.


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/mararie/7272361354

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