MAN KANN’S DOCH NOCHMAL NUTZEN!

Trotz der großen Herausforderung – die durchaus auch für mich bei der alljährlichen Geschenkesuche besteht – konnte ich den fortwährenden Vorschlag meines Vaters, Weihnachten ohne Geschenke zu feiern, bisher einfach noch nicht gut heißen. Ein Weihnachtsfest ohne diese kribbelige Aufregung? Diese Spannung, was mich wohl erwarten mag? Ohne die große Freude, wenn ich mein Geschenk dann endlich auspacken darf?
Ungeduldig rupfe ich dann immer das Geschenkpapier in kleine Fetzen, unter kritischen Blicken meiner Tante (“Das kann ein Anderer doch nochmal nutzen!”), bis ich dann endlich am geheimen Inhalt angekommen bin. Beim Blick auf das Geschenk, heißt es dann nur noch: Top oder Flop! Und jede Reaktion von mir, wird vom Schenker mit Argusaugen beobachtet.
Die komplette Harry-Potter-Büchersammlung? Eindeutig Top. Quietschrosa Nagellack mit der passenden Schweinchenrosa Nixon Armbanduhr, die ich vor zwei Jahren von meiner Tante feierlich erhielt? Hier waren schon schauspielerische Höchstleistungen gefragt, um meine angebliche Freude über dieses rosa Ensemble möglichst realitätsgetreu darstellen zu können. Auch ich will ja niemanden enttäuschen. Und gerade wenn es um meine Tante geht, die sich beim Schenken immer alle Mühe gibt, kann ich unmöglich darauf hinweisen, dass mir rosa in etwa so gut steht wie Tierprintleggings und bauchfreie Tops. Nämlich gar nicht.

Aber so geheuchelt ist meine Freude inzwischen gar nicht mehr. Selbst wenn ich gespielt (und zugegeben, etwas übertrieben) säusele: „Ohhhh, wie hüüüübsch!“. Anfangs sah ich in einem solchen Geschenk noch eine Enttäuschung. Eben etwas, was zusammen mit anderen unbrauchbaren Dingen, wie meiner Jahreskarte fürs Fitnessstudio, elendig verstauben wird. Inzwischen aber, sehe ich darin eine gekonnte Aufbesserung meines, eher dürftig bestückten, Geldbeutels. Was mir nicht steht, hat sich so manch anderes Mädchen sicherlich schon lange gewünscht!
Und so stelle ich die Armbanduhr schnellstens in meinen virtuellen Kleiderschrank, um einer anderen Person das Glück zu beschehren, genau diese rosa Uhr ergattern zu können. An andere zu denken ist doch auch der Sinn von Weihnachten! Deswegen bin ich mir ganz sicher: Unnütze Geschenke wieder zu verkaufen – daran ist so gar nichts Verwerfliches!

Doch manchmal klappt’s auch mit dem Beschenken. Gerade erst im letzten Jahr hat meine Tante ein brilliantes Päckchen ausgewickelt, natürlich ihrem Naturell entsprechend, besonders vorsichtig. “Das Geschenkpapier(eine grenzwertige Geschmacksverirrung aus Gold, Silber und Rot) kann ein Anderer doch nochmal nutzen!”, musste sie mich natürlich nochmal auf die Relevanz von Nachhaltigkeit hinweisen.
In Ihrem Paket steckte ein nagelneuer Tablet PC! Meine Tante hat sich darüber sichtlich gefreut (vermute ich zumindest, denn eine gute Schauspielerin war sie nie) und nachdem sie verstanden hat, was das Teil alles kann (“Ist das ein Fernseher?”), fing sie direkt an zu surfen. Dabei strahlte Sie mit ihrem viel zu hell eingestellten Bildschirm um die Wette.
Klar, dass ich in diesem Moment voller Hoffnung war, auch solch entzückenden Inhalt in meinem Päckchen vorzufinden. Also blieb mir nur, mein Paket zu suchen. Und während ich besonders vorsichtig mein Paket öffnete, aus Rücksicht auf die Nerven meiner Tante, wurde es plötzlich ganz still im Raum.
“Johanna, ist das da meine rosa Nixon Uhr, auf der Mädchenflohmarkt-Seite?”
Ups.
Naja, ich dachte, die kann ein Anderer doch nochmal nutzen!

 


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/fazen/5021336

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