MEHR PIRATEN BRAUCHT DAS LAND!

“Ooooch, wie ein Pralinée”, dies ist wohl der Lieblingsausruf meiner Mutter, wenn sie mich an Silvesterabenden sieht. Es ist einfach DER Abend im Jahr, an dem in Sachen Mode fast alles erlaubt ist. Übertreibungen? Gibt’s hier nicht. Die Kombination von Pink und rot? Silber zu Gold und dazu noch die ein oder anderen Glitzersteinchen? Extra-Mini-Kleid zu Extra-Maxi-High-Heels?
All diese “No-Gos”, die ich während des Jahres mit Müh’ und Not umschiffen will, habe ich bereits an den letzten Silvesterabenden komplett ausgeschöpft. Und auch meine Freundinnen zeigen sich an solch einem Abend stetig unerschrocken mutig. Ob Glitzerkleid mit Schimmer-Make-Up und Glitter-Clutch, oder Ledermini zu Overknees. Auf einer ordentlichen Silvesterparty findet wirklich alles zusammen. Man wird unbeschreiblich mutig und trägt das, wonach einem der Sinn steht. Im Alltag leider, wird’s dann schon nicht mehr ganz so mutig und selbstbewusst. So ist das Schicksal meiner tollen Schnürschuhe leider kein Einzelfall. Diese tollen und hinreißenden Budapester aus Leder, die ich bereits beim ersten Anblick in mein Herz geschlossen, gekauft und angezogen habe. Doch dann begegnete ich meiner Mutter. “Ahhh ja, DIE Schuhe findest Du an Dir gelungen?”. Seit diesem Tag befinden sich meine beiden Schmuckstücke in meinem virtuellen Kleiderschrank, frei zum Verkauf.
Lina, aus unserem Concierge Service, ist immer erstaunt, was für nahezu ungetragene Sachen ich da immer zum Verkauf anschleppe. “Warum verkaufst Du das bitte alles?”, fragt sie dann. Die Antwort ist ganz einfach: Ich lasse mich einfach zu schnell von anderen verunsichern. Leider. Und Lina akzeptiert das, stellt brav einen Artikel nach dem anderen online und schüttelt dabei stetig verwundert den Kopf.

Aber ist es nicht ein Trauerspiel, dass man sich meist nur an diesem einen Abend des Jahres von seinen eigenen modischen Gelüsten leiten lässt und man seinen stilistischen Instinkten nahezu nichts zutraut? Auch neben Silvester sollte man sein ganz eigenes Ding durchziehen. Deswegen rufe ich mich fortan selbst dazu auf: Mehr Mut, mehr Eigensinn, mehr Auffallen!
Um als gutes Beispiel voran zu gehen (mache ich ja sonst nie) habe ich mir nun auch einen lange gehegten Traum erfüllt. Ein – wie ich finde – wunderbar fabelhaftes Denim-Latzkleid hat meine Kleiderfamilie bereichert und wird von mir auch sogleich ins Office ausgeführt. Natürlich muss ich nicht lange auf Kommentare warten Ich bin etwas verwundert, von “wunderbar” bis “herzallerliebst” ist diesmal alles positive dabei, was der Wortschatz so hergibt. Da scheint man einmal andere Meinungen nicht mehr berücksichtigen zu wollen, schon wird der eigene Mut belohnt! Seht Ihr!?
Umso beschwingter tippele ich nach der Arbeit nachhause und tänzele entzückt durch meine WG.
Nie wieder werde ich auf eigenwillige modische Kreationen verzichten! Nie wieder lasse ich mir meinen Geschmack durch andere Meinungen verderben! Nie wieder warte ich bis Silvester, um neu zu kombinieren und gewagte Schnitte vorzuzeigen!
Ich fühle mich auf einmal so mutig, fast wie ein Pirat. Naja, ein modisch-fortschrittlicher Pirat. Und in meiner Piratenlaune hopse ich zur Küche. Dort steht Anne, die Freundin meines Mitbewohners: “Johanna, ein Latzkleid? SOWAS gefällt Dir?”

Lina, ich hab’ da wieder was für den Concierge Service!

 


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/chocolatereviews/5142840700

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