Mit Geduld und Spucke…

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So. Schon wieder nähern wir uns dem Ende eines Jahres. Und schon wieder werden ringsherum Pläne für Silvester geschmiedet. Was zieht man an? Wo stößt man an? Wie feiert man? Und wie viel Aspirin wird vermutlich zur Bekämpfung des Folgekaters am 01.01. benötigt?
Fragen über Fragen…die ich mir schon gar nicht mehr stelle.
So wie bei den Italienern die rote Unterwäsche, bei den Chinesen das Ultra-Feuerwerk und bei den Spaniern die Trauben, so ist es bei mir Silvestertradition, dass alles – ja wirklich alles – schief läuft. Ganz egal, wie gut die Aussichten sind und wie detailliert die Pläne erfasst wurden.
Das begann bei mir schon ziemlich früh, denn jede Tradition braucht Ihren frühzeitigen Anfang. Der war bei mir, als ich – die 7-Jährige Johanna – an Silvester meine neue Lieblingsjacke anzog, um das tolle Feuerwerk anzuschauen, das mein Papa vorbereitet hatte. „Nimm‘ doch lieber eine alte Jacke, bei Dir weiß man nie Johanna!“ meinte Mama damals. Und nein, mit 7 Jahren wusste ich noch nicht, was für eine weise Frau Sie doch ist.
Also ging ich mit neuer Jacke nach draußen, half beim Anzünden des Feuerwerkskörpers, der in einer leeren Flasche senkrecht nach oben stand. Dann stieß ich beim Rückwärtslaufen die Flasche um, sodass der Feuerwerkskörper nun direkt auf mich zeigte. Und dann rannte ich. Um mein Leben. Leider nicht nach Links oder Rechts. Sondern schnurrschnacks geradeaus. Und da ich – unglaublicherweise – nicht schneller rennen als ein Feuerwerkskörper fliegen kann, zischte der Feuerwerkskörper auf mich zu. Meine neue Jacke wurde total verkokelt. Meine Begeisterung für Feuerwerk auch. Und ich habe bestimmt die erste Hälfte des neuen Jahres damit verbracht, über diesen Schock hinweg zu kommen.
Mit 16 dann, habe ich Silvester bei meiner besten Freundin Sophie in New York verbracht. DIE Traumstadt mit DER Traumfreundin in DEM Traumoutfit an DER Nacht überhaupt. Und wir feierten, wie es sich für einen Silvesterabend in New York gehört. Zunächst zuhause bei Raclette und Sekt, dann bei Freunden von Freunden, deren Freunde ein Appartement direkt an der Brooklinbridge besaßen, und dann wurden wir in einer Limousine durch die Straßen New Yorks gefahren. Und es hätte alles so schön sein können, wenn ich nicht – bei einem kurzen Halt – schnell und leise aus der Limousine herausgesprungen wäre, um nur kurz etwas frische Luft zu schnappen. Die frische Luft (sofern man in New York von frischer Luft sprechen kann) tat mir wirklich gut. Aber nur, bis ich merkte, dass ich leider etwas zu unauffällig ausgestiegen war. Die Limousine war weg. Meine Freundin Sophie auch. Mein Handy lag in Deutschland (und seien wir ehrlich – selbst wenn ich es mit in die USA genommen hätte, hätte ich es an diesem Abend sicherlich bereits verloren). Meine Vorahnung, nun das kommende Jahr auf New Yorks Straßen verbringen zu müssen, wurde immer klarer. Und als ich so im Nieselregen an einer unbekannten Straßenecke dastand und es genau Zwölf Uhr schlug, verfluchte ich Silvester erneut. Statt das neue Jahr ausgiebig zu begrüßen, stellte ich mir also vor, wie mein neues Leben in einer US-Straßengang wohl aussehen würde. Vielleicht lag es an meiner Glitzer-Tasche oder an meinem roten Nagellack. Aber irgendwie konnte ich es mir auch nach 10 Minuten nicht wirklich vorstellen. Das war aber nicht weiter schlimm, denn weitere 5 Minuten später fand mich meine Freundin Sophie wieder. Sie versprach: „Wir wollen uns nie, nie wieder verlieren!“.
Wir verloren und an diesem Abend noch ein paar mal, doch ich wurde nie Mitglied einer Straßengang und in Deutschland bin ich bekanntermaßen auch wieder angekommen.
Auf dieses Silvester folgten dann noch Neujahrsfeiereien, an denen ich Punkt Mitternacht vor einem überfüllten Club anstand. Und Feiern, an denen ich mich alleine Mitten in Kaiserslautern wiederfand, weil ich mich auf dem Weg von der einen zur anderen Party furchtbar verlaufen hatte. Dann gab es einen Silvesterabend, den ich gemütlich Zuhause verbrachte – und den Neujahrsbeginn einfach verschlief. Und dann gab es ein Silvester, den ich gezwungenermaßen mit meinem frischgebackenen Exfreund zwischen romantischem Kerzenlicht und leuchtend-buntem Feuerwerk verbringen musste. Zumindest mit dem Anzünden eines Feuerwerkskörpers wurde ich, seit dem 7. Lebensjahr, nicht mehr beauftragt.
Ja. Meine Silvester waren bisher eher wenig Vielversprechend und vielmehr chaotisch als elegant. Mein Freund Tobi behauptet sogar steif und fest: „So, wie man Silvesterabende verbringt, so erlebt man auch das kommende Jahr!“.
Wenn er damit recht hat, dann erklärt das zumindest, warum mir über’s Jahr verteilt so viel Chaos begegnet, warum bei mir so einiges schief läuft und warum ich von Januar bis Dezember nichts anderes tue, als durch Fettnäppfchen zu waten und Stolperfallen auszuweichen versuche.
„Johanna“, reißt mich meine Kollegin Corinna mitten in der Agentur aus meinen Gedanken. „Kannst Du Stefan mal einen Espresso in den Meetingraum bringen?“ „Bitte?“ denke ich nur empört. „Kann er seinen Espresso nicht selbst holen?“. Doch, weil ich eben ein herzensguter Mensch bin, drücke ich an der Kaffeemaschine auf „Espresso“ und transportiere das Getränk zum Meetingraum. Dort sitzt Stefan mit meiner Kollegin Sarah und scheint etwas zu besprechen. Ich reiche ihm den Espresso und rufe mit einem Grinsen in seine Richtung: „Ich hab‘ mal eben reingespuckt, ne!?“.
Im Meetingraum wird es still. Stefan grinst. Sarah reißt die Augen auf. Und Corinna – nun direkt hinter mir – flüstert mir zu: „Ähm, wir haben gerade Videokonferenz mit einem Kunden!“.
Ich drehe mich um und bemerke erst dann den großen Bildschirm mit Videoschaltung.
Okay.
Dieses Silvester.
Das muss jetzt wirklich mal gut werden!


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/maelick/22052630565

 

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