Nur der Orangenmann und ich

Nur der Orangenmann und ich

Trennungsschmerz ist eine echt dumme Sache. Und während Schnittwunden, blaue Flecke und Beulen abheilen, ist der Trennungsschmerz doch irgendwo immer da. Keine noch so hohe Dosis Aspirin und auch kein verschreibungspflichtiges Schmerzmittel können diesen Schmerz komplett betäuben. Und wenn dieser Schmerz doch mal betäubt ist, ploppt er irgendwann wieder auf meist dann, wenn man nicht damit rechnet.

Trennungsschmerz. Es gibt ihn – wie alle anderen Verletzungen auch – in so unterschiedlichen Varianten. Die erste Variante begegnete mir schon früh, nämlich als ich den Kindergarten und meine Bastelarbeiten gegen die Grundschule und das Rechenbuch eintauschen musste. Ein übler Tausch, wenn man mich fragt. Ich habe schon damals gewusst, dass ein Buch voller Zahlen – in dem dir ein Drache die Rechenarten erklärt – nicht sinnvoll werden kann. Das sah echt nicht nach Spaß aus. Man merkt vielleicht, dass ich diesen Kuhhandel (Kindergarten gegen Grundschule) bis heute nicht wirklich verkraftet habe. So passiert es, dass ich mich, wenn man z.B. eine meiner Kolumnen kritisiert, weil ich ein Wort klein geschrieben habe, das man doch eigentlich groß schreibt (Pfui, Johanna), in meine Kindergartenzeit zurückwünsche. Ein Zeit, in der ich für das Bild eines Orangenmännchens mit jeweils 7 Fingern an einer Hand und einem technisch unmöglich zu öffnenden Regenschirm hoch gelobt wurde. Ein Mann, der gleichzeitig eine Orange ist. Mit Schirm. Und insgesamt 13 Fingern. Für so etwas wurde ich gefeiert. Heute wird mir nur erklärt, dass 7 plus 7 nicht 13 ergibt. Klasse!
Und dann, in der Grundschulzeit (als sei die nicht hart genug gewesen), wurde mir auch noch mein Berufswunsch zunichte gemacht. Während meine Klassenkameraden davon berichteten, einmal Bäcker, Arzt, Sänger oder Fußballmegastar zu werden, wollte ich ganz einfach nur Karla Kolumna werden. „Ach“, meinte meine Lehrerin damals entzückt, „du meinst, du willst in eine Redaktion!?“ „Neihein“, widersprach ich und verdrehte die Augen. Dass ich meiner Lehrerin etwas erklären musste, war doch irgendwie unsinnig. Sollte das nicht andersrum sein? „Ich will Karla Kolumna werden. Aber vielleicht  mit anderer Frisur.“ Ich lächelte bei diesem wundervollen Gedanken, eines Tages auch Karla zu sein. Offenbar sah meine Lehrerin, wie glücklich ich bei dem Gedanken war und brachte  mit den Worten: „Karla Kolumna ist kein Beruf, Johanna. Überlege Dir bitte etwas anderes.“ meine Karrierepläne einfach zum Platzen. Und so musste ich mich von der Vorstellung, eines Tages Karla zu sein, verabschieden. Wieder ein Trennungsschmerz, der tief im Inneren noch bis heute anhält.
Und dann gibt es noch die vielen anderen Trennungsschmerzen. Der Schmerz, wenn man die Heimatstadt verlässt, in der man so viele Jahre nackig auf den Straßen getanzt und Klingelstreiche bei den Nachbarn ausgeübt hat. Dieser Schmerz, wenn man eine große Liebe gehen lässt. Dieser ebenso große Trennungsschmerz, der auftaucht, wenn man merkt, dass man alle Fotos mit der ehemals großen Liebe leider entsorgen muss – obwohl man auf denen so gut aussieht!
Und dann gibt es einen Trennungsschmerz, von dem man niemals gedacht hätte, dass er jemals entsteht. Zum Beispiel diese Melancholie und Wehmut, die hin und wieder auftaucht, wenn ich meinen neuen Flachbildfernseher anmache und er einfach so funktioniert. Ohne langes Rütteln. Ohne den ganzen Ameisenfußball zwischendurch. Und ohne die Gefahr, vor Überhitzung nach 10 Minuten durchzuschmoren. In solchen Momenten schaue ich gerne auf meinen alten Röhrenfernseher, der in meiner WG in der hintersten Ecke einstaubt und denke an diese emotionale Zeit zurück.
Und so schlurfe ich gemütlich an dem ausgedienten Röhrenfernseher vorbei, um ihm aufmunternd zuzuzwinkern, als ich entdecke, dass er weg ist!!!
Auf der Kommode am Eingang finde ich nur einen Post-it mit einer Nachricht von meinem Mitbewohner: „Hi Johanna, habe den Fernseher mal entsorgt. Bis später!“
Ich muss kurz schlucken, der Kloß im Hals ist plötzlich sehr groß. Doch dann raufe ich mich zusammen, schaue nach vorne und schreibe auf den Post-it:
„Alles klar. Danke Dir.“
Und unterschreibe das Ganze mit „Karla“.
Man muss halt auch nicht jede Trennung hinnehmen.
Woher bekomm‘ ich jetzt ’ne gelbe Hose?


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/kumarsedit/16443534782/in

 

 

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