Schachmatt!

Ich sitze also hier und schreibe an meiner Kolumne. Vor mir der Laptop. Unter mir, am Fußende, einer meiner vielen vorrätigen Kühlakkus.
Ja, ich brauche oft Kühlakkus…und dies auch meistens für mich selbst. Quetschungen, Prellungen, Blutergüsse, Schürfwunden, Risse und Schnittwunden – all dies sind tägliche Begleiter in meinem Leben. Sieht man an meine Knie, fällt schnell auf: Eine Narbe neben der anderen. Sogar ein blauer Punkt ist dabei, von damals, als ich mit Bleistift etwas zeichnen wollte und die Spitze des Stiftes statt auf dem Blatt in meinem Knie landete.

Wie sowas passieren kann? Ich weiß es nicht genau. Denn ich schwöre, hoch und heilig, dass ich immer mit äußerster Vorsicht durch Leben laufe. Mit äußerster Vorsicht. Aber auch mit zwei linken Händen, dem Kopf voller Gedanken. Manchmal mit einer Gabel, die ich vergesse wegzulegen. Und manchmal laufe ich einfach los, ohne vorher das Licht anzumachen.
Aber alles mache ich immer mit Vorsicht!
Vielleicht gibt es ein bisher noch unerforschtes Tollpatsch-Gen, dem ich einfach nicht entkommen kann? Dieser Überlegung gehen mein engstes Umfeld und ich schon länger nach.
Ich denke schon seit jenem Tag, in meiner Zeit in der Grundschule, als ich die erste Kerze auf dem Adventskranz anzünden durfte. Alles klappte prima. Und dann stelle ich den Kranz auf den Tisch.
Ich strahlte vor Stolz. Und alle meine Freunde starrten mich an. Vor Ehrfurcht, dachte ich. Aber es lag wohl eher an meinen brennenden Haaren.
Merkwürdig daran ist in erster Linie, dass dies eine Tradition war, die bisher immer von Mädchen mit langer Wallemähne fortgeführt wurde. Und bei denen ist – bis auf die Kerze –  nie etwas in Brand geraten. Und kaum kommt ein Mädchen mit Kurzhaarfrisur und Latzhosen daher, muss die Adventstradition abgeschafft werden.

Mysteriös wurde es dann auch, als ich mit meinen Klassenkameradinnen in der 5. Klasse draußen im Pausenhof das erste mal Riesenschach spielte.
Bis zu jenem Tag galt dieses Spiel als Form von intellektueller Bildung und diente der Konzentrationsfähigkeit.
Nach jenem Tag zählte es zu den risikoreichsten Spielen der ganzen Schule.
Ich begann mit dem ersten Schachzug – in bester körperlicher Verfassung (über meine geistige Verfassung streiten sich Freunde, Bekannte und meine Familie seit Jahren) und beendete das Spiel mit zwei verstauchten und einem gebrochenen Finger, sowie mehreren tiefen Schürfwunden an Kinn, Ellenbogen und Stirn.
Wie ich das geschafft habe? Ich weiß es nicht. Und auch für die Schule ist dies ein bisher fast unerklärtes Rätsel.

Als ich meinen Job in einer Werbeagentur in Stuttgart angetreten bin, habe ich natürlich auch Kollegen von diesem gewissen Extra berichtet, dass ich in die Agentur miteinbringen werde.
Alle haben gelacht.
Jetzt lachen Sie nicht mehr.
Inzwischen gucken Sie schon fast nicht mehr hoch, wenn Sie hören, dass der schmerzverzerrte Schrei aus der Küche von mir stammt.
Ich verlange auch inzwischen gar nicht mehr, dass man sich größere Sorgen macht. Denn ob brennende Haare beim Adventssingen im Kindergarten oder gebrochene Finger nach einem Schachspiel…ich habe bisher alles ziemlich gut überstanden!
Vielleicht ist es gar kein Tollpatsch-Gen, das da in mir schlummert!? Vielleicht ist es nur die tägliche, unbewusste Demonstration an meine Mitmenschen, wie hart ich doch im Nehmen bin?
Das denken auch bestimmt meine Kollegen!
Denn dann, als mir plötzlich eine Holzkiste, mit einer vollen Weinflasche im inneren, auf den fast nackten Fuß fällt, mir die Kante der Kiste einen Teil der Zehen aufgeschlitzt, die eine Hälfte des Fußes anschwillt und die andere Hälfte in kürzester Zeit in einem maritimen Blau erstrahlt – kommt lediglich mein Kollege Rolf auf mich zu und fragt trocken: „Ist die Weinflasche noch heil?“

Nachdem mein Fuß nach einer Rundumkühlung noch immer den Eindruck macht, als gehöre er eher zu Shrek als zu mir, begebe ich mich doch mal zum Arzt. Klar, ich weiß es nun, ich bin hart im Nehmen. Aber ob das auch auf meinen Knochenbau zutrifft, kann ich jetzt so nicht unbedingt beschwören.
Und während ich untersucht werde, überlege mir schon mal, was ich auf unsere Dokumentationsliste für Arbeitsunfälle eintragen könnte…und ob da neben „Johanna fällt über Ihren Ventilator und fügt sich dabei eine Schürfwunde zu“ und „Johanna knallt die Kühlschranktür zu und vergisst dabei, Ihre linke Hand rechtzeitig herauszuziehen“ überhaupt noch Platz ist…?

„Sie arbeiten sicher mit schweren Maschinen?“ fragt der Stuttgarter Arzt, als er sich den blutenden, blauen und gequetschten Fuß anschaut.
„Ähm, nee. Ich arbeite in einem Büro“ erkläre ich.
„Die hedd so oi Verledzung vo der Gschäft im Büro“ raunt die eine Arzthelferin im Hintergrund der anderen Arzthelferin zu.
Ich habe nicht verstanden, was das heißt.
Aber ich bin mir sicher, es muss sowas gewesen sein wie:
„Wow, die ist wirklich hart im Nehmen“.


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/geishaboy500/2694663069

Ein Gedanke zu “Schachmatt!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *