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Hilfe!

„Help! I need somebody… „. Ich liebe diesen Song der Beatles. Und ich singe ihn auch oft. Unter der Dusche, beim Joggen (zugegeben, da eher seltener, weil ich meist noch genug damit zu tun habe, Sauerstoff zu bekommen). Oder ich trällere das Lied lauthals beim Putzen. Und es ist kein Zufall, dass ich diesen Song nur dann über meine Lippen bekomme, wenn ich alleine bin.
Gut, der ein oder andere, der mich kennt, würde nun behaupten, dass ich ihn nur deshalb alleine singe, weil ich mit meinem Gesang niemanden verschrecken will. Und da ist natürlich was dran. Immerhin kann ich ungefähr so gut singen, wie ich einparken kann. Und wer mich schon mal in meiner Heimatstadt Kaiserslautern beobachtet hat, wie ich gerade mehrfach vergeblich versuche, einen Smart dort abzustellen, wo vorher ein LKW stand, der weiß was ich meine.

Aber es sind nicht nur die schiefen Töne, die bei mir im Verborgenen bleiben. Es ist auch die Botschaft. Die da lautet: Ich brauche Hilfe.
Denn – ob ich will oder nicht – ich lasse mir nicht gerne helfen. Nicht, weil ich andere Menschen meiden möchte (meine letzte Fahrt im Bummelzug, als ich den kompletten Wagen mit einer Geschichte aus meiner Kindheit unterhalten habe, dürfte da das Gegenteil beweisen). Nein, irgendwie sagt mir mein Unterbewusstsein ständig: „Das musst Du auch alleine hinbekommen, Johanna“. Es könnte damit zusammenhängen, dass ich mich regelmäßig in irgendwelche Schwierigkeiten verwickle, aus denen ich mich dann auch wieder selbstständig befreien muss. Wenn ich mich zum Beispiel mit versehentlich gesperrter EC-Karte, ohne Bargeld und mit leerem Handyakku nachts ausschließe. Oder wenn ich mal wieder (passiert erschreckend häufig) im falschen Zug sitze – der auch noch meist in die völlig falsche Richtung fährt. Oder wenn aus unerfindlichen Gründen kurz vor Abreise in den Urlaub mein Konto gesperrt wird, ich parallel dazu etwas zu ruppig mit meinen Sachen umgehe und ich letztendlich mit kaputtem Koffer durch Skandinavien tingle. 

Es scheint schon tief in mir verwurzelt zu sein, dass ich lieber einmal höflich fremde Hilfe ablehne und versuche, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Die Konsequenzen sind deutlich, halten sich aber noch in Grenzen. Wenn beispielsweise der nette Herr vor mir an der Kasse bemerkt, dass ich nur 2 Artikel in der Hand halte und er mir freundliche den Vortritt anbietet. Nur, damit ich ihm reflexartig entgegne: „Ach nein, das geht schon so. Danke!“ Und so ziehen sie dahin – unnötige 10 Minuten Wartezeit meines Lebens, nur, weil ich schon darauf gepolt bin „Nein, Danke“ zu sagen.

„Eigentlich ziemlich blöd von mir“ denke ich und spaziere durch die Bahn, auf der Suche nach meinem Sitzplatz. „Ich sollte mir doch mal angewöhnen, Hilfe von anderen einfach anzunehmen. Gerade, wenn ich die Hilfe wirklich brauchen könnte“
Ich finde meinen Platz mit Tisch am Fenster. Ich versuche gerade meinen vollgestopften Koffer auf die Gepäckablage über den Sitzen heben, was insgesamt wohl ein ziemlich hilfloses und jämmerliches Bild abgeben muss. Denn schon fragt mein Sitznachbar: „Darf ich Ihnen mit dem Koffer helfen?“
„Och, das geht schon“, keuche ich. Und beiße mir auf die Lippen. Genervt von mir selbst, dass ich die Hilfe mal wieder abgelehnt habe, hole ich mit aller Kraft nochmal Schwung.
Ich hieve den Koffer auf die Gepäckablage – verliere das Gleichgewicht, stütze mich auf dem Tisch ab und werfe dabei den vollen Becher mit dem frische Kaffee meines Sitznachbarn auf den Boden.
Der Kaffee schafft es tatsächlich, nicht nur auf dem Boden eine riesen Sauerei zu hinterlassen, sondern auch alle Fahrgäste (sowohl auf der linken als auch auf der rechten Seite) vollzuspritzen.
Kurze Stille.
Dann eine schier endlose Entschuldigungs-Rede von mir.
Mein Sitznachbar lacht. Die anderen Fahrgäste lachen mit. Und ich bin erleichtert.
„Ich hol mir dann mal direkt einen neuen Kaffee“, sagt mein Sitznachbar lächelnd.
„Ach quatsch, das übernehme ich“, erkläre ich ihm.
„Das müssen Sie doch nicht machen. Ich hol mir schnell selbst einen“, widerspricht er mir.
Doch da springe ich schon auf, zücke meinen Geldbeutel und starte ich Richtung Speisewagen.
„Zu spät“ rufe ich ihm augenzwinkernd zu. „Bin schon unterwegs“.
Und dann bestelle ich einen Kaffee.
Und frage mich, warum er nicht einfach „Ja, danke“ gesagt hat, als ich Ihm den neuen Kaffee angeboten habe.
Ich verrolle die Augen.
Manche Menschen lassen sich scheinbar einfach nicht helfen.

 


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/quinnanya/8572353057

Kalender

Irgend so ein Wochentag

Diese Sache mit den Plänen. Die man immer so schön träumt und inszeniert. Sei es der Vorsatz, von nun an mindestens einmal in der Woche vor der Arbeit schwimmen zu gehen. Oder eine Kolumne, die jeden 2. Sonntag erscheinen soll.
Und am Ende?
Am Ende ist die Zeit vergangen, man bemerkt, dass man es in fast drei Monaten gerade nur einmal vor der Arbeit ins Schwimmbad geschafft hat. Und man sitzt an einem Sonntag, um 21:40 Uhr, müde und etwas orientierungslos, vor seinem Laptop – weil man vor 15 Minuten bemerkt hat, dass eigentlich wieder Kolumnen-Sonntag ist.

„Jeden zweiten Sonntag um Punkt 20 Uhr erscheinen meine Kolumnen“, lautete damals mein Plan. Ziemlich naiv, die Sache mit der Uhrzeit – wenn man bedenkt, dass ich generell ziemlich zeitlos, mit falsch laufender Armbanduhr, unterwegs bin. Aber auch die restliche Planung schien doch sehr ambitioniert. Spätestens vor zwei Wochen in der Kantine hätte mir auffallen müssen, dass ich für solche Pläne nicht gemacht bin. Nämlich, als ich vor der Dame an der Essensausgabe stand, mein Tablett hinhielt und einmal das Tagesgericht verlangte. Ich erwartete: Gemüsecurry. Ich bekam: Linsen mit Würstchen und Spätzle.
„Ähm, sorry. Aber das Mittwochs-Menü war doch Curry?“ fragte ich.
„Stimmt schon. Aber wir haben nun mal Dienstag“ erklärte die Dame.
Und schlagartig wurde mir bewusst: 1. Es gibt offensichtlich wirklich viele Leute, die finden, dass man Linsen mit Spätzle guten Gewissens auf einen Teller packen kann. Und 2. Wenn ich einen Dienstag nicht von einem Mittwoch unterscheiden kann, wie soll ich mir dann bitte jeden zweiten Sonntag als Kolumnen-Tag einprägen?
„Johanna, mach Dir doch einfach einen Plan. Dann hast Du die Übersicht“, beriet mich eine Freundin. Und das versuchte ich. Direkt nach meiner Kantinen-Misere machte ich einen Plan. Jenen Plan, der besagte: Am 11.12.2016 ist Kolumnen Sonntag.

Und so saß ich Freitagsabends im Zug nach Kaiserslautern. Zeit für Familie. Zeit für Heimat. Und Zeit für die Arbeit an der neuen Kolumne. Also zog ich meinen Notizblock hervor und wollte gerade anfangen zu schreiben.
„Oh, Sie schreiben noch mit der Hand? Charmant!“ meinte ein älterer Herr – mein Sitznachbar.
„Irgendwie mag ich das ganz gerne. So kann ich doch immer alle Ideen ganz unkompliziert festhalten“, antwortete ich. Und dann unterhielten wir uns. Über Arbeit. Und Pläne. Und Ziele.
„Und was ist Ihr Ziel?“ fragte der ältere Herr.
„Also eigentlich ist mein Ziel, jeden zweiten Sonntag weiterhin pünktlich eine Kolumne auf meinem Blog hochzuladen“ erkläre ich. „Aber ich bin etwas planlos, müssen Sie wissen. Aber ich denke, dass ich…“
„Nein, nein“, unterbrach mich der Herr. „Ich meine: Wo müssen Sie aussteigen?“
„Achso“ sagte ich, etwas verlegen. „In Kaiserslautern.“
„Na das Ziel erreichen Sie aber so schnell nicht“, rief plötzlich eine Dame vom Platz hinter mir. „Da sitzen Sie im falschen Zug.“
Zu gerne hätte ich Sie ausgelacht. Hätte ich auch tatsächlich gemacht – wenn Sie mit Ihrer Aussage nicht so recht gehabt hätte.
„Die nächste Station können Sie aussteigen“, meinte ein weiterer Fahrgast. „Da haben Sie dann Anschluss an Kaiserslautern.“
„Der kommt sogar schon in 20 Minuten“, erklärte die Schaffnerin, die gerade an mir vorbeihuschte.
Und während ich auf den nächsten Halt wartete und sich der Rest der Passanten inzwischen eingehend über mich, meine weiteren Reisepläne und den aktuellen Leistungsstand des 1.FC Kaiserslautern unterhielten, waren meine Kolumnen-Pläne schon wieder vergessen.
Dann hielt der Zug. Und bevor ich ausstieg, drehte ich mich nochmal zu den Mitfahrenden um und fragte: „Heute ist aber schon Freitag, oder?“
Der alte Mann lachte und nickte mir freundlich zu.

Und rückblickend betrachtet bin ich doch etwas verblüfft.
Davon, trotz dieser Planlosigkeit einen Freitag als Freitag identifiziert zu haben.
Und davon, dass ich es doch immer schaffe an meinem Reiseziel anzukommen. Auch wenn ich im falschen Zug sitze.
Aber besonders davon, dass sie mir geglückt ist.
Die neue Kolumne.
An einem Sonntag.



Moment.
Wir haben doch Sonntag!?

 

 


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/andreanna/2837855969