Art

Was heißt nochmal „Ich verstehe das nicht“ auf Kunst?

„Da ist so eine Ausstellung.“
Fünf Worte, Acht Silben, Zweiundzwanzig Buchstaben, die mir kurz den Atem nehmen. Nicht unbedingt vor Freude. Eher vor deutlich bemerkbarer Panik.
Mit Ausstellungen verbinde ich Geduld und Stille. Beides Dinge, die mir bereits von Natur aus irgendwie abgehen. Und trotzdem bewundere ich sie, diese ominösen Ausstellungsbesucher. Eben jene, die die Gabe haben, sich länger als Fünfzehn Minuten einem (sogenannten) Kunstwerk zu widmen, es zu beobachten. Obwohl sich eben jenes Kunstwerk in dieser Viertelstunde nicht verändert und bewegt. Das Kunstwerk beantwortet auch keine Fragen (mir zumindest nicht).
Eine Viertelstunde auf ein Bild zu starren, das bringe ich nicht fertig.

Hinzu kommt dann noch diese Atmosphäre. Ein Raum, der oft so kahl ist, dass dagegen ein Reinraum im Krankhaus fast schon eine Kuschelecke darstellt. Keine Gemütlichkeit, keine Wohlfühlatmosphäre, kein fröhliches Geplapper im Hintergrund. Und ich frage mich unweigerlich: Schließen sich Kunstinteresse und gute Laune eigentlich aus?
Wo ist das Popcorn, das man bei dem Rundgang durch die Kunstwelt prima knabbern könnte? Wo ist die heiße Tasse Tee, mit der man doch gleich viel lieber mal vor einem undefinierbaren Bild verweilen könnte. Und so Zeit hat. Um den Tee zu genießen. Und vielleicht ein bisschen Bilder zu gucken. Wo sind die bunten Wände? Ja, schon klar. Es soll bloß nichts von der Kunst ablenken. Aber sollte die Kunst nicht so gut sein, dass sie sich auch gegen farbige Wände, kuschelige Sofas und dekorative, vielleicht sogar kitschige Lampen durchsetzen kann?

Nein, Ausstellungen sind nicht meine Welt. Vielleicht auch, weil ich den falschen Start hatte? Meine erste große Kunstausstellung, die mir in Erinnerung geblieben ist, war mit Neun. Man traute mir offenbar etwas zu und dachte, ich könnte der nächste große Kunstversteher sein (wohlbemerkt mit Neun! Also in jener Zeit, in der ich gerne mal versehentlich mit meinen Hausschuhen in die Schule ging und meinen Pullover regelmäßig falschherum anhatte). Und so klemmte mich die Mutter meiner besten Freundin unter den Arm, flog kurzerhand mit mir nach New York um mir im Museum Of Modern Art zu zeigen, wie wunderbar diese Kunst doch ist. Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie lange wir in dieser Ausstellung waren. Aber wenn ich mich so in mein neunjähriges Ich hineinversetze, dann müssten es so ungefähr 180 Stunden gewesen sein. Meine Mama sagt mir noch heute, dass das niemals 180 Stunden gewesen sein konnten, da wir bereits nach 3 Stunden nach Ankunft in New York einen Anschlussflug nach Buenos Aires hatten. Aber ich könnte schwören, dass dieser Anschlussflug mindestens 177 Stunden Verspätung gehabt haben muss.

Und so stand ich da. Mit Neun. Vor einem dieser Tausend-milliarden Bilder und trainierte die Kunst, im stehen und gehen schlafen zu können. „Johanna, Du bist doch so kreativ. Du musst Dir bei jedem Bild eine ganz eigene Geschichte ausdenken. Dann kann das richtig spannend werden“, erklärte man mir. Und das versuchte ich. Und stand dann vor einem Bild, das schwarz angemalt war. Nur schwarz. Nichts als schwarz. Also sah ich das, was man dann so sieht: Ich sah absolut schwarz.
Für mich. Für meine Zukunft als Kunstversteherin. Und für zukünftige Ausstellungsbesuche.
Und doch stehe ich jetzt hier. Viele Jahre später. In München, vor den Türen einer Foto-Ausstellung. Denn heute morgen wurden sie mir entgegen geschmettert, eben jene Worte, die mich etwas erzittern lassen: „Du….da ist so eine Ausstellung.“ Doch ich überwand mich, wollte meinem neunjährigen Ich die Chance geben, diese Einstellung zur Kunst noch einmal zu korrigieren. Ich wollte auch mal Kunstkennerin sein. Einmal, wenigstens.
Und so betrete ich die Ausstellungsräume. Gewohnt kühl. Gewohnt Clean. Schwarz-Weiß-Fotografie. Als wäre diese ganze Atmosphäre nicht schon trist genug.
Und dann sehe ich sie.
Eine Frau im roten Mantel.
Sie steht vor einem Bild, begutachtet ausführlich ein Bild, auf dem nur eine Hauswand zu sehen ist.
Sie schaut. Noch etwas genauer. Geht nochmal näher ran.
Dann runzelt sie ihre Stirn. Sie legt nachdenklich ihren Zeigefinger auf Ihrem Kinn ab und kräuselt ihre Lippen. Und dann murmelt sie leise: „Ah ja….interessant. Sehr interessant.“
Dann geht sie zum nächsten Bild.
Also stelle ich mich vor dieses Bild mit der Hauswand.
Und ich entdecke: Ein Bild mit einer Hauswand.
Ich starre das Bild an, doch es passiert nichts.
Ich runzle die Stirn, als mich plötzlich die Frau mit dem roten Mantel anspricht:
„Wunderbar, nicht war? Was dieses Bild alles für Geschichten erzählt!“
Und dann wird mir schlagartig bewusst, warum ich mit den Bildern nichts anfangen kann.
Ich setze mich auf die unbequeme Bank mitten im Raum, packe mein Smartphone aus und fange an zu tippen.
Meine neue Sonntagskolumne.
Denn Geschichten, die erzähle ich am liebsten selbst.
Auch wenn sie vielleicht nicht ganz so spannend sind, wie die von einer schwarz-weißen Hauswand.

 


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/loriho/4387158895

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Hilfe!

„Help! I need somebody… „. Ich liebe diesen Song der Beatles. Und ich singe ihn auch oft. Unter der Dusche, beim Joggen (zugegeben, da eher seltener, weil ich meist noch genug damit zu tun habe, Sauerstoff zu bekommen). Oder ich trällere das Lied lauthals beim Putzen. Und es ist kein Zufall, dass ich diesen Song nur dann über meine Lippen bekomme, wenn ich alleine bin.
Gut, der ein oder andere, der mich kennt, würde nun behaupten, dass ich ihn nur deshalb alleine singe, weil ich mit meinem Gesang niemanden verschrecken will. Und da ist natürlich was dran. Immerhin kann ich ungefähr so gut singen, wie ich einparken kann. Und wer mich schon mal in meiner Heimatstadt Kaiserslautern beobachtet hat, wie ich gerade mehrfach vergeblich versuche, einen Smart dort abzustellen, wo vorher ein LKW stand, der weiß was ich meine.

Aber es sind nicht nur die schiefen Töne, die bei mir im Verborgenen bleiben. Es ist auch die Botschaft. Die da lautet: Ich brauche Hilfe.
Denn – ob ich will oder nicht – ich lasse mir nicht gerne helfen. Nicht, weil ich andere Menschen meiden möchte (meine letzte Fahrt im Bummelzug, als ich den kompletten Wagen mit einer Geschichte aus meiner Kindheit unterhalten habe, dürfte da das Gegenteil beweisen). Nein, irgendwie sagt mir mein Unterbewusstsein ständig: „Das musst Du auch alleine hinbekommen, Johanna“. Es könnte damit zusammenhängen, dass ich mich regelmäßig in irgendwelche Schwierigkeiten verwickle, aus denen ich mich dann auch wieder selbstständig befreien muss. Wenn ich mich zum Beispiel mit versehentlich gesperrter EC-Karte, ohne Bargeld und mit leerem Handyakku nachts ausschließe. Oder wenn ich mal wieder (passiert erschreckend häufig) im falschen Zug sitze – der auch noch meist in die völlig falsche Richtung fährt. Oder wenn aus unerfindlichen Gründen kurz vor Abreise in den Urlaub mein Konto gesperrt wird, ich parallel dazu etwas zu ruppig mit meinen Sachen umgehe und ich letztendlich mit kaputtem Koffer durch Skandinavien tingle. 

Es scheint schon tief in mir verwurzelt zu sein, dass ich lieber einmal höflich fremde Hilfe ablehne und versuche, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Die Konsequenzen sind deutlich, halten sich aber noch in Grenzen. Wenn beispielsweise der nette Herr vor mir an der Kasse bemerkt, dass ich nur 2 Artikel in der Hand halte und er mir freundliche den Vortritt anbietet. Nur, damit ich ihm reflexartig entgegne: „Ach nein, das geht schon so. Danke!“ Und so ziehen sie dahin – unnötige 10 Minuten Wartezeit meines Lebens, nur, weil ich schon darauf gepolt bin „Nein, Danke“ zu sagen.

„Eigentlich ziemlich blöd von mir“ denke ich und spaziere durch die Bahn, auf der Suche nach meinem Sitzplatz. „Ich sollte mir doch mal angewöhnen, Hilfe von anderen einfach anzunehmen. Gerade, wenn ich die Hilfe wirklich brauchen könnte“
Ich finde meinen Platz mit Tisch am Fenster. Ich versuche gerade meinen vollgestopften Koffer auf die Gepäckablage über den Sitzen heben, was insgesamt wohl ein ziemlich hilfloses und jämmerliches Bild abgeben muss. Denn schon fragt mein Sitznachbar: „Darf ich Ihnen mit dem Koffer helfen?“
„Och, das geht schon“, keuche ich. Und beiße mir auf die Lippen. Genervt von mir selbst, dass ich die Hilfe mal wieder abgelehnt habe, hole ich mit aller Kraft nochmal Schwung.
Ich hieve den Koffer auf die Gepäckablage – verliere das Gleichgewicht, stütze mich auf dem Tisch ab und werfe dabei den vollen Becher mit dem frische Kaffee meines Sitznachbarn auf den Boden.
Der Kaffee schafft es tatsächlich, nicht nur auf dem Boden eine riesen Sauerei zu hinterlassen, sondern auch alle Fahrgäste (sowohl auf der linken als auch auf der rechten Seite) vollzuspritzen.
Kurze Stille.
Dann eine schier endlose Entschuldigungs-Rede von mir.
Mein Sitznachbar lacht. Die anderen Fahrgäste lachen mit. Und ich bin erleichtert.
„Ich hol mir dann mal direkt einen neuen Kaffee“, sagt mein Sitznachbar lächelnd.
„Ach quatsch, das übernehme ich“, erkläre ich ihm.
„Das müssen Sie doch nicht machen. Ich hol mir schnell selbst einen“, widerspricht er mir.
Doch da springe ich schon auf, zücke meinen Geldbeutel und starte ich Richtung Speisewagen.
„Zu spät“ rufe ich ihm augenzwinkernd zu. „Bin schon unterwegs“.
Und dann bestelle ich einen Kaffee.
Und frage mich, warum er nicht einfach „Ja, danke“ gesagt hat, als ich Ihm den neuen Kaffee angeboten habe.
Ich verrolle die Augen.
Manche Menschen lassen sich scheinbar einfach nicht helfen.

 


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