Mikrofon

Warum mein Schalldruckpegel auch für Freiheit steht

Es gibt doch da diese Menschen mit ganz zarten Stimmen. Stimmen, die wirken, als bestünden sie aus vielen, ganz winzigen und zerbrechlichen Federn, die es gerade so mit viel Glück und gutem Wind zum Ohr des Zuhörers schaffen.
Und dann gibt es da Stimmen, wie meine. Eine Stimme, bei der mein Kollege Max nur trocken meint: „Spricht da die Johanna oder ist es das Horn Gondors, das da ertönt?“
Zugegeben: Mir ist schon klar, dass ich nicht in die Feder-Kategorie passe. Dass meine Stimme aber scheinbar schnell die gleiche Dezibel-Zahl erreicht wie ein gut geschmierter Presslufthammer, das war mir neu. Bis jetzt. Bis eben zu diesem Zeitpunkt, an dem, als angehende Journalistin, Sprache (ja, nicht nur die geschriebene) eine große Rolle spielt.
„Ihr bekommt alle ein Sprachcoaching“, erklärte man mir in der Journalistenschule und ich war mir sicher, dass das keine Herausforderung für mich sein würde. Sprechen war noch nie wirklich mein Problem. Größere Hindernisse bestanden für mich da schon eher immer im Schweigen.
Und so stand ich vor der Kamera und neben dem Sprachcoach und musste etwas zu mir und meiner Redaktion erzählen. Und das tat ich dann auch. Ich erzählte. Und erzählte. Und erzählte.
Dass man von mir keine derart lange Stimmprobe gebraucht hatte, wusste ich ja nicht. Definitiv nicht mein Fehler.
Was mir schon eher zuzuschreiben ist, wurde dann in der Auswertung der entstandenen Videos deutlich: Alle meine Kollegen berichteten in sehr dezenter und angenehmer Zimmerlautstärke (und sogar in nur wenigen Minuten) von sich und ihrem Thema. Dann kam mein Video – Und mit ihm der drohende Hörsturz. Gleich musste der Techniker hervorspringen und die Lautstärke nach unten fahren (man wolle ja die Mitarbeiter von Burda aus den oberen Etagen nicht stören).

Ja. Ok. Da ist sogar mir aufgefallen, dass meine Stimme gefühlt auch Atomschutzbunkerwände durchdringen kann. Aber ist das nicht ganz normal? Für ein Sandwichkind, dass sich doch irgendwie bemerkbar machen musste. Für ein Mitglied einer Familie, in der gewöhnlich jeder mit jedem redet – gleichzeitig! Für ein Mädchen, das nun mal nach 158 Zentimetern aufgehört hat zu wachsen und in ständiger Angst lebt, dass man eines Tages versehentlich auf es drauf treten könnte!?
„Man versteht dich gut, das ist doch schon mal toll“, erklärte mein Sprachcoach im Anschluss an die Videoanalyse versöhnlich.
„…und das sogar, wenn Du eigentlich in einem anderen Gebäude sitzt“ ergänzt Max, wesentlich weniger versöhnlich.
Und trotz der Tatsache, dass ich anderen eine Menge Arbeit erspare, weil ich wohl niemals ein Mikrofon zur Verstärkung meiner Stimme benötige, musste ich mich dann noch Stimmübungen zur Regulierung der Lautstärke unterziehen.

„Sag mal ganz ehrlich“ frage ich dann meine Kollegin Katrin auf dem Weg nach Hause. „Sooo laut bin ich doch auch wieder nicht!?“
„Naja. Schon ein bisschen“ sagt Katrin leise.
„Weißt Du, irgendwann kommt der Tag, da wird uns diese Stimme sicher nützlich sein“ antworte ich sehr sauer. Und laut. Und dann rauschen Katrin und ich direkt hintereinander durch die Glas-Drehtür aus dem Gebäude. Bevor wir ins Freie gelangen bleibt die Drehtür stehen.
Und so stehen wir da. Eingeklemmt zwischen zwei Glaswänden. Und sitzen in der Falle.
Die Panik macht sich in mir breit und mir schießen Gedanken durch den Kopf wie: „Wie lange genau hält man es ohne Essen aus?“ und „Ich glaube, der Sauerstoff wird schon knapp“.
Und dann schreie ich so laut ich kann – und wir wissen inzwischen, dass das sehr laut ist – um Hilfe.
Die Empfangsdame, die gerade kurz im zweiten Stock unterwegs war, kommt hektisch angerannt und setzt die Drehtür (und damit auch Katrin und mich) in Bewegung.
In der Freiheit angekommen juchze ich laut: „Katrin! Ich habe es doch gesagt. Meine laute Stimme hat uns soeben das Leben gerettet!“
„Naja. Du. Johanna. Es war aber halt auch nur eine Drehtür“ antwortet Katrin in meinen Freudentaumel hinein. „Und außerdem“ ergänzt sie „Guck mal, hier wäre sogar ein Notknopf gewesen, mit dem wir die Drehtür selbstständig wieder zum Laufen hätten bringen könnten“.
Doch so leicht lasse ich mir meine Freude über mein kräftiges Sprachorgan nicht nehmen.
Also stecke ich mir demonstrativ  beide Finger in die Ohren und rufe: „Lalalalala, ich kann dich gar nicht hören“.
Und verpasse dabei den dezenten Seufzer von Katrin:
„Ich wünschte, ich könnte das mal zu Dir sagen!“

 


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