Mensch_ärgere_dich_nicht

Irgendwie Tabu

Früher sagte ich oft, dass ein Teil meiner Familie ein bisschen Cholera hat.
Und wie das so ist, wenn ich im Kindesalter etwas zu sagen hatte, stieß ich auch mit dieser Aussage auf verwirrte und fragende Gesichter. Manche Gesprächspartner hielten daraufhin unheimlich viel Abstand von mir. Und ein paar der Leute fragten bestürzt, ob meine Familie denn damit schon beim Arzt gewesen sei.
„Ähm, ich glaube nicht, dass man das behandeln kann. Das haben die ja schon so lange“ erklärte ich. Und während viele der Zuhörer irgendwas murmelten von „Das gibt es ja nicht“ oder „Cholera hier in Deutschland!?“ oder „Da muss man doch was tun“, fand ich diese Reaktionen irgendwie ganz seltsam.
Erst meine Mama klärte mich dann freundlicherweise auf, dass Cholera nicht das gleiche ist wie Choleriker. Und bat mich, in der Öffentlichkeit zukünftig auf diesen Unterschied zu achten.
Im Nachhinein verständlich. Irgendwie.

Dass ich damals so locker und leicht berichten konnte, dass einige in meiner Familie Choleriker sind, lag vermutlich an einer besonderen Tatsache: Ich wusste zu dieser Zeit nicht, dass ich einer davon war. Und nicht irgendeiner. Während Taylor Swift der Star der bekanntesten Hollywood-Clique an It-Girls ist und Blair Waldorf in Gossip Girl die High School anführt, bin ich schon fast die Königin des cholerischen Anfalls. Nichts, worauf ich besonders stolz bin. Aber etwas, womit man irgendwie leben muss. Besonders, wenn man zu meinem näheren Umfeld gehört. Und ganz besonders, wenn man auf die Idee kommt, mit mir einen „ganz lustigen und gemütlichen“ Spieleabend zu veranstalten. Nicht falsch verstehen. Bei mir gibt es Spieleabende. Die sind dann aber sicher nicht lustig. Und gemütlich sind die auch nicht.
So spielte ich einmal mit einer Gruppe von Freunden Tabu. Und mit dem Öffnen des Spielbretts und dem hervorkramen von „Knoten Knut“ nahm das Drama seinen Lauf: „Endlich mal wieder Tabu“, freute sich meine Freundin Katrin. „Oh, darin bin ich gar nicht gut“, meinte meine daraufhin Sarah. Und dann antwortete Laura, die auch noch in meinem Team war: „Ist doch nicht schlimm. Hier geht es um den Spaß. Nicht um’s gewinnen.“
Das war der Zeitpunkt, an dem ich das Spiel hätte vorzeitig beenden müssen. Stattdessen versuchte ich mich selbst zu beruhigen und zischte lediglich leise: „Wenn es nicht ums gewinnen geht brauchen wir doch gar nicht zu spielen!!!“
Die erste Runde lief an und ich musste einen Tabu-typischen Begriff erklären. Ich machte das entsprechend ambitioniert, in 100%igem Einsatz meines Stimmvolumens und hopste im Raum aufgeregt hin und her. Anstatt die begrenzte Zeit (hatte da jemand die Sanduhr manipuliert???) zu nutzen, um den gesuchten Begriff zu erraten, lachte Laura nur laut und rief: „Ey Johanna, chill mal!“. Und dann – während die letzten Sandkörner der Uhr flink nach unten rieselten – nahm sie ganz gemütlich einen Schluck von Ihrem Bier. Eine entspannte Person würde dann lächeln, vielleicht sogar laut lachen und höchstens ein „Ach Laura“ hauchen. Und dann würde sie sich damit abfinden, diese Runde verloren zu haben. Eine eher angespannte Person (wie ich es bin) reagiert dann doch etwas anders. Ich brüllte dann zunächst Laura in Grund und Boden, fragte, ob es bitte noch einen anderen Sinn zum Spielen gibt, als zu gewinnen. Und dann stellte ich Freundschaft, Spielweise, Zusammensetzung des Teams und eigentlich auch den Sinn des Lebens in Frage.

Klar. Zu Spieleabenden werde ich nur noch höchst selten eingeladen. Zumindest nicht zu denen, an denen man in Teams eingeteilt wird. „Bitte, bitte. Ich will nicht zu Johanna ins Team“. Dieser Satz ist einfach zu oft gefallen.
Ich bin nicht traurig darüber. Denn ich weiß, dass ich mit dem Umgehen von Team-Spieleabenden auch gleichzeitig meine cholerischen Anfälle vermeiden kann.
Und ich glaube auch, dass ich die Choleriker-Johanna über die Jahre inzwischen ganz gut im Griff habe.

Und jetzt sitze ich hier. An der Journalistenschule. In einer Themenbesprechung. Weit weg von Spielabenden. Statt Tabu gibt es hier die Aufgabe, sich Themen für eine bestimmte Zeitschrift zu überlegen und diese dann überzeugend zu präsentieren.
„Und als kleinen Anreiz machen wir daraus ein Gewinnspiel“, flötet der Seminarleiter fröhlich und winkt mit dem 1. Preis.
Alle strahlen.
Ich bekomme Bauchschmerzen.
Und schaue schon gequält in die Runde.
Ich beiße die Zähne zusammen und rolle entnervt mit den Augen.
Doch ich reiße mich zusammen.
„Das ist meine Chance, mein cholerisches Ich an dieser Stelle zu verbergen“, denke ich.
Denn cholerisch zu sein ist in Deutschland nicht meldepflichtig.
Ganz im Gegensatz zur Cholera.

 


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