Art

Was heißt nochmal „Ich verstehe das nicht“ auf Kunst?

„Da ist so eine Ausstellung.“
Fünf Worte, Acht Silben, Zweiundzwanzig Buchstaben, die mir kurz den Atem nehmen. Nicht unbedingt vor Freude. Eher vor deutlich bemerkbarer Panik.
Mit Ausstellungen verbinde ich Geduld und Stille. Beides Dinge, die mir bereits von Natur aus irgendwie abgehen. Und trotzdem bewundere ich sie, diese ominösen Ausstellungsbesucher. Eben jene, die die Gabe haben, sich länger als Fünfzehn Minuten einem (sogenannten) Kunstwerk zu widmen, es zu beobachten. Obwohl sich eben jenes Kunstwerk in dieser Viertelstunde nicht verändert und bewegt. Das Kunstwerk beantwortet auch keine Fragen (mir zumindest nicht).
Eine Viertelstunde auf ein Bild zu starren, das bringe ich nicht fertig.

Hinzu kommt dann noch diese Atmosphäre. Ein Raum, der oft so kahl ist, dass dagegen ein Reinraum im Krankhaus fast schon eine Kuschelecke darstellt. Keine Gemütlichkeit, keine Wohlfühlatmosphäre, kein fröhliches Geplapper im Hintergrund. Und ich frage mich unweigerlich: Schließen sich Kunstinteresse und gute Laune eigentlich aus?
Wo ist das Popcorn, das man bei dem Rundgang durch die Kunstwelt prima knabbern könnte? Wo ist die heiße Tasse Tee, mit der man doch gleich viel lieber mal vor einem undefinierbaren Bild verweilen könnte. Und so Zeit hat. Um den Tee zu genießen. Und vielleicht ein bisschen Bilder zu gucken. Wo sind die bunten Wände? Ja, schon klar. Es soll bloß nichts von der Kunst ablenken. Aber sollte die Kunst nicht so gut sein, dass sie sich auch gegen farbige Wände, kuschelige Sofas und dekorative, vielleicht sogar kitschige Lampen durchsetzen kann?

Nein, Ausstellungen sind nicht meine Welt. Vielleicht auch, weil ich den falschen Start hatte? Meine erste große Kunstausstellung, die mir in Erinnerung geblieben ist, war mit Neun. Man traute mir offenbar etwas zu und dachte, ich könnte der nächste große Kunstversteher sein (wohlbemerkt mit Neun! Also in jener Zeit, in der ich gerne mal versehentlich mit meinen Hausschuhen in die Schule ging und meinen Pullover regelmäßig falschherum anhatte). Und so klemmte mich die Mutter meiner besten Freundin unter den Arm, flog kurzerhand mit mir nach New York um mir im Museum Of Modern Art zu zeigen, wie wunderbar diese Kunst doch ist. Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie lange wir in dieser Ausstellung waren. Aber wenn ich mich so in mein neunjähriges Ich hineinversetze, dann müssten es so ungefähr 180 Stunden gewesen sein. Meine Mama sagt mir noch heute, dass das niemals 180 Stunden gewesen sein konnten, da wir bereits nach 3 Stunden nach Ankunft in New York einen Anschlussflug nach Buenos Aires hatten. Aber ich könnte schwören, dass dieser Anschlussflug mindestens 177 Stunden Verspätung gehabt haben muss.

Und so stand ich da. Mit Neun. Vor einem dieser Tausend-milliarden Bilder und trainierte die Kunst, im stehen und gehen schlafen zu können. „Johanna, Du bist doch so kreativ. Du musst Dir bei jedem Bild eine ganz eigene Geschichte ausdenken. Dann kann das richtig spannend werden“, erklärte man mir. Und das versuchte ich. Und stand dann vor einem Bild, das schwarz angemalt war. Nur schwarz. Nichts als schwarz. Also sah ich das, was man dann so sieht: Ich sah absolut schwarz.
Für mich. Für meine Zukunft als Kunstversteherin. Und für zukünftige Ausstellungsbesuche.
Und doch stehe ich jetzt hier. Viele Jahre später. In München, vor den Türen einer Foto-Ausstellung. Denn heute morgen wurden sie mir entgegen geschmettert, eben jene Worte, die mich etwas erzittern lassen: „Du….da ist so eine Ausstellung.“ Doch ich überwand mich, wollte meinem neunjährigen Ich die Chance geben, diese Einstellung zur Kunst noch einmal zu korrigieren. Ich wollte auch mal Kunstkennerin sein. Einmal, wenigstens.
Und so betrete ich die Ausstellungsräume. Gewohnt kühl. Gewohnt Clean. Schwarz-Weiß-Fotografie. Als wäre diese ganze Atmosphäre nicht schon trist genug.
Und dann sehe ich sie.
Eine Frau im roten Mantel.
Sie steht vor einem Bild, begutachtet ausführlich ein Bild, auf dem nur eine Hauswand zu sehen ist.
Sie schaut. Noch etwas genauer. Geht nochmal näher ran.
Dann runzelt sie ihre Stirn. Sie legt nachdenklich ihren Zeigefinger auf Ihrem Kinn ab und kräuselt ihre Lippen. Und dann murmelt sie leise: „Ah ja….interessant. Sehr interessant.“
Dann geht sie zum nächsten Bild.
Also stelle ich mich vor dieses Bild mit der Hauswand.
Und ich entdecke: Ein Bild mit einer Hauswand.
Ich starre das Bild an, doch es passiert nichts.
Ich runzle die Stirn, als mich plötzlich die Frau mit dem roten Mantel anspricht:
„Wunderbar, nicht war? Was dieses Bild alles für Geschichten erzählt!“
Und dann wird mir schlagartig bewusst, warum ich mit den Bildern nichts anfangen kann.
Ich setze mich auf die unbequeme Bank mitten im Raum, packe mein Smartphone aus und fange an zu tippen.
Meine neue Sonntagskolumne.
Denn Geschichten, die erzähle ich am liebsten selbst.
Auch wenn sie vielleicht nicht ganz so spannend sind, wie die von einer schwarz-weißen Hauswand.

 


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help_sign

Hilfe!

„Help! I need somebody… „. Ich liebe diesen Song der Beatles. Und ich singe ihn auch oft. Unter der Dusche, beim Joggen (zugegeben, da eher seltener, weil ich meist noch genug damit zu tun habe, Sauerstoff zu bekommen). Oder ich trällere das Lied lauthals beim Putzen. Und es ist kein Zufall, dass ich diesen Song nur dann über meine Lippen bekomme, wenn ich alleine bin.
Gut, der ein oder andere, der mich kennt, würde nun behaupten, dass ich ihn nur deshalb alleine singe, weil ich mit meinem Gesang niemanden verschrecken will. Und da ist natürlich was dran. Immerhin kann ich ungefähr so gut singen, wie ich einparken kann. Und wer mich schon mal in meiner Heimatstadt Kaiserslautern beobachtet hat, wie ich gerade mehrfach vergeblich versuche, einen Smart dort abzustellen, wo vorher ein LKW stand, der weiß was ich meine.

Aber es sind nicht nur die schiefen Töne, die bei mir im Verborgenen bleiben. Es ist auch die Botschaft. Die da lautet: Ich brauche Hilfe.
Denn – ob ich will oder nicht – ich lasse mir nicht gerne helfen. Nicht, weil ich andere Menschen meiden möchte (meine letzte Fahrt im Bummelzug, als ich den kompletten Wagen mit einer Geschichte aus meiner Kindheit unterhalten habe, dürfte da das Gegenteil beweisen). Nein, irgendwie sagt mir mein Unterbewusstsein ständig: „Das musst Du auch alleine hinbekommen, Johanna“. Es könnte damit zusammenhängen, dass ich mich regelmäßig in irgendwelche Schwierigkeiten verwickle, aus denen ich mich dann auch wieder selbstständig befreien muss. Wenn ich mich zum Beispiel mit versehentlich gesperrter EC-Karte, ohne Bargeld und mit leerem Handyakku nachts ausschließe. Oder wenn ich mal wieder (passiert erschreckend häufig) im falschen Zug sitze – der auch noch meist in die völlig falsche Richtung fährt. Oder wenn aus unerfindlichen Gründen kurz vor Abreise in den Urlaub mein Konto gesperrt wird, ich parallel dazu etwas zu ruppig mit meinen Sachen umgehe und ich letztendlich mit kaputtem Koffer durch Skandinavien tingle. 

Es scheint schon tief in mir verwurzelt zu sein, dass ich lieber einmal höflich fremde Hilfe ablehne und versuche, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Die Konsequenzen sind deutlich, halten sich aber noch in Grenzen. Wenn beispielsweise der nette Herr vor mir an der Kasse bemerkt, dass ich nur 2 Artikel in der Hand halte und er mir freundliche den Vortritt anbietet. Nur, damit ich ihm reflexartig entgegne: „Ach nein, das geht schon so. Danke!“ Und so ziehen sie dahin – unnötige 10 Minuten Wartezeit meines Lebens, nur, weil ich schon darauf gepolt bin „Nein, Danke“ zu sagen.

„Eigentlich ziemlich blöd von mir“ denke ich und spaziere durch die Bahn, auf der Suche nach meinem Sitzplatz. „Ich sollte mir doch mal angewöhnen, Hilfe von anderen einfach anzunehmen. Gerade, wenn ich die Hilfe wirklich brauchen könnte“
Ich finde meinen Platz mit Tisch am Fenster. Ich versuche gerade meinen vollgestopften Koffer auf die Gepäckablage über den Sitzen heben, was insgesamt wohl ein ziemlich hilfloses und jämmerliches Bild abgeben muss. Denn schon fragt mein Sitznachbar: „Darf ich Ihnen mit dem Koffer helfen?“
„Och, das geht schon“, keuche ich. Und beiße mir auf die Lippen. Genervt von mir selbst, dass ich die Hilfe mal wieder abgelehnt habe, hole ich mit aller Kraft nochmal Schwung.
Ich hieve den Koffer auf die Gepäckablage – verliere das Gleichgewicht, stütze mich auf dem Tisch ab und werfe dabei den vollen Becher mit dem frische Kaffee meines Sitznachbarn auf den Boden.
Der Kaffee schafft es tatsächlich, nicht nur auf dem Boden eine riesen Sauerei zu hinterlassen, sondern auch alle Fahrgäste (sowohl auf der linken als auch auf der rechten Seite) vollzuspritzen.
Kurze Stille.
Dann eine schier endlose Entschuldigungs-Rede von mir.
Mein Sitznachbar lacht. Die anderen Fahrgäste lachen mit. Und ich bin erleichtert.
„Ich hol mir dann mal direkt einen neuen Kaffee“, sagt mein Sitznachbar lächelnd.
„Ach quatsch, das übernehme ich“, erkläre ich ihm.
„Das müssen Sie doch nicht machen. Ich hol mir schnell selbst einen“, widerspricht er mir.
Doch da springe ich schon auf, zücke meinen Geldbeutel und starte ich Richtung Speisewagen.
„Zu spät“ rufe ich ihm augenzwinkernd zu. „Bin schon unterwegs“.
Und dann bestelle ich einen Kaffee.
Und frage mich, warum er nicht einfach „Ja, danke“ gesagt hat, als ich Ihm den neuen Kaffee angeboten habe.
Ich verrolle die Augen.
Manche Menschen lassen sich scheinbar einfach nicht helfen.

 


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Stahlgerüst

Vom Suchen und Finden von Stahlgerüsten und SEO-optimierter Überschrift und überhaupt

Immer schneller und besser und höher und weiter. Da gilt heute doch fast überall. Auch beim Bloggen. Woran ich das merke? Ich merke das vor allem an den Fragen, die mir gestellt werden. Während die Fragen eher nach „Warum bloggst Du eigentlich?“ oder „Über was schreibst Du denn?“ klangen, werde ich heute regelmäßig ausgequetscht, wie viele „visits per day“ ich so habe und wie es denn eigentlich um meine „Bounce-Rate“ steht.
Und anschließend folgt dann die wirklich alles entscheidende Frage: „Jetzt sag mal…verdienst Du eigentlich was mit Deinem Blog?“ Meine antwortet darauf lautet immer: „Nein, ich verdiene nichts mit meinem Blog.“ Ich lächle dann. Mein Gegenüber nicht. Denn seiner Ansicht nach gibt es darauf nur eine passende Reaktion: Der betroffene Blick auf. Jener Blick, der mir sagen soll: „Hey, mach Dir nichts draus. Es kann eben nicht jeder erfolgreich sein.“ Eben der Blick, der mir die Botschaft sendet: „Naja, Du und Dein Blog seid trotzdem was wert. Halt nicht so viel und auch eigentlich nur auf emotionaler Ebene…aber das ist doch auch schon was.“

Und wenn man dann da steht und bemitleidet wird und einem der Tea to Go großzügig bezahlt wird (ist ja klar, das Mädel verdient doch nichts mit Ihrem Blog), dann möchte ich doch sehr gerne Einspruch erheben. Mache ich dann natürlich nicht. Denn einen Tea to Go kann man sich doch hin und wieder mal ausgeben lassen.
Auch wenn es mein Gegenüber in diesem Moment gar nicht vermutet: Ich weiß selbst, dass ich mit meinem Blog, so wie er ist, sicher nicht reich und auch nicht berühmt werde (das werde ich dann auf ganz anderen Wegen). Aber ich weiß, dass ich damit schlicht und ergreifend eines schaffe: Ein kleines, persönliches Herzensprojekt.

Selbstverständlich könnte ich das Herzensprojekt jetzt einfach gegen etwas scheinbar Vielversprechenderes eintauschen. Ich könnte anfangen, auf Nichts von der Stange nur noch über ein Nischenthema zu schreiben. Stahlgerüste, zum Beispiel. Ich könnte Bauunternehmen finden, die an meinen Texten interessiert wären. Und vielleicht finde ich auch ganz gewöhnliche Menschen, die einfach zur Entspannung und zur eigenen Wissensbildung sehr gerne über Stahlgerüste lesen. Sowas soll es ja geben. Ich könnte Hersteller von Stahlgerüsten finden, die ebenso an meinen Texten interessiert wären und die würden mir dann vielleicht das ein oder andere Stahlgerüstchen nach Hause schicken. Daraus würde sich dann fabelhaft ein Stahlgerüst-Unboxing machen lassen, zum Beispiel über Instagram-Stories. Vorausgesetzt ich lerne bis dahin, wie man die Kamera richtig herum hält.***
Ich könnte aber auch ganz investigativ auf allen Stahlgerüsten Münchens probeweise herumtänzeln und sie testen. Auf Ihre – im besten Falle – hohe Stabilität.  Es gäbe von mir natürlich auch ein Stahlgerüst-Upcycling, also Tutorials in denen ich in 3 Schritten zeige, wie man aus einem alten, nicht mehr brauchbaren Stahlgerüst vierhundertdreiundneunzig Briefbeschwerer macht. Oder Bleistifthalten. Denn ein ungenutztes Stahlgerüst hat bestimmt jeder noch irgendwo herumstehen.
Oder ich gehe gleich in den Deko-Bereich und zeige schnell & easy, wie auch Du das hässlichste Stahlgerüst vor Deiner Wohnung mit etwas Glitzer, Farbspray und Washi-Tape zum Highlight in Deiner Straße zauberst.
Und all meine Texte würde ich natürlich erstklassig SEO-Optimieren. Ich würde Texte verfassen, die Google wissen lassen würden, dass ich von Stahlgerüsten eine Ahnung hätte. Indem ich zum Beispiel ganz oft das Wort Stahlgerüst verwende. Stahlgerüst. Stahlgerüst.

Schon klar, ich bin ein Fan von Wortwiederholungen. Aber eben nicht von Stahlgerüsten, nicht von Briefbeschwerern und auch nicht von investigativem Journalismus der tänzelnd auf Gerüsten stattfindet. Stattdessen schreibe ich über das, von dem ich glaube – nach unendlich langem Recherche- und Zeitaufwand – etwas Ahnung zu haben: Ich schreibe über mich selbst.
Ganz ohne Tutorials und Unboxing und Mehrwert.
Ich schreibe von der Leber weg und nicht zur Suchmaschine hin.

Stattdessen gehe ich das Risiko ein, dass man mich nicht so leicht findet.
Denn es ist doch so: Die schönsten Sachen wie pures Glück, die große  Liebe und echte Freundschaft findet man höchst selten bei Google auf Seite Eins.
So ist das auch mit meinem Blog:
Man begegnet ihm ganz spontan, unverhofft und durch puren Zufall.
Oder durch eine penetrante Stimme, die in falschem Format über Instagram-Stories lauthals mitteilt:
LEST MEINEN BLOG.

 

***Anmerkung der Autorin: Bitte mal in meine Instagram-Stories schauen. Dann wisst Ihr, was ich meine!

 


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Arrow

Zahlt eine Zahnfee inzwischen auch mit Karte?

„Ich wünschte, ich würde wieder in meiner Heimatstadt wohnen“, „Wie schön wäre es, nochmal zur Schule zu gehen“ oder „Noch einmal wieder 20 sein“. Sätze, die ich so oft höre und noch öfter nicht verstehe.
Du kannst nicht in der Vergangenheit leben, heißt es doch so schön. Und warum sollte man das auch?

Würde ich wieder in meiner Heimatstadt wohnen wollen? Einer Stadt, in der mich die ganze Nachbarschaft schon nackt Rollschuh fahren gesehen hat! Würde ich nochmal zur Schule gehen wollen? Dorthin, wo ich an vier von fünf Schultagen in der Woche entweder mit Lehrern oder Referendaren oder sonstigen Pädagogen über meine unzureichenden Leistungen in Mathe und Chemie diskutieren musste. Und mir anhören durfte, dass eine Mädchenschule der ideale Ort sei, um seine naturwissenschaftlichen Fähigkeiten – die ich wirklich nie besaß – auszubauen.
Würde ich noch einmal 20 sein wollen? Nun ja, aktuell weiß ich gar nicht mehr wirklich, was mir mit 20 so alles widerfahren ist. Aber wer meine Kolumnen kennt und weiß, dass mindestens 99%*** der Geschehnisse, die ich darin beschreibe, wirklich passierten, versteht vielleicht: Ein zweites Mal muss man sowas dann auch nicht durchleben. Die Kolumne dazu steht ja eh schon.

Warum überhaupt nochmal in die Vergangenheit reisen? Nur, um abermals von seinem Zahnarzt die Schockdiagnose zu erhalten: „Johanna. Dir wächst da ein Zahn in der zweiten Reihe“? Oder sollte man sogar noch etwas weiter zurück, um wieder den Fehler zu begehen und dieses geschmacklose schwarze Tattoo-Halsband aus der Wendy in der dritten Klasse anzuziehen. Genau an dem Tag, als die Klassenfotos gemacht werden. Nur, damit man immer und immer wieder an etwas erinnert wird, was doch bereits jeder weiß: Die 90er waren einfach eine dunkle Zeit in der Modegeschichte.

Ich bin mit der aktuellen Modeentwicklung ganz zufrieden und finde auch meine derzeitige Situation so gar nicht übel.
Okay, vielleicht nicht gerade diese. Denn in diesem Moment sitze ich wieder mal beim Zahnarzt. Und lasse meine Zähne kontrollieren.
„Aber nicht, dass sie da wieder einen unerwarteten Zahn in der zweiten Reihe finden“, meine ich etwas angespannt. „Einen zweiten davon kann ich echt nicht gebrauchen. Einer zu viel ist schon merkwürdig genug.“
„Nee, nee, diesmal ist da keiner. Jedenfalls kein Neuer!“, erklärt mir mein Zahnarzt nach der ausführlichen Kontrolle. „Allerdings muss dein Zusatz-Zahn in den kommenden Tagen raus. Der wird sonst Probleme machen!“
„Na endlich kommt der weg“ freue ich mich.
Doch nur einen kurzen Moment.
Denn dann wird es mir schlagartig bewusst:
Niemals wieder kann ich einen Gesprächspartner in Erstaunen bringen, indem ich meinen Mund aufreiße und meinen kleinen Zahn in der zweiten Reihe hervorblitzen lasse.
Niemals wieder werde ich in etwas hineinbeißen und einen Zahnabdruck hinterlassen, über den dann andere sagen: „Guck mal, wie komisch Abdruck da aussieht. Der muss von der Johanna sein.“
Ich werde blass.
Und wünsche mir plötzlich wieder etwas von der Vergangenheit.
„Man kann halt nicht in der Vergangenheit leben“, erklärt meine Mama, als ich zuhause ankomme.
Dann hole ich ein leeres Glas und stelle es schon einmal vorsorglich umgedreht auf den Badezimmerschrank. Eben an jene Stelle, an der ich auch in der Vergangenheit von der Zahnfee für einen verlorenen Zahn entlohnt wurde.
„Man kann nicht in der Vergangenheit leben?“ frage ich. „Na das wollen wir doch erst einmal sehen!“
Und dann lege ich noch einen kleinen Zettel unters Glas, mit der Aufschrift:
„Wir akzeptieren keine DM mehr“.
Zu viel Nostalgie muss ja auch nicht sein.

 

***Tatsächliche Prozentzahlen können von den angegebenen Prozentzahlen in diesem Beitrag, aufgrund des geringen Matheniveaus der Verfasserin, abweichen.

 

 


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Kalender

Irgend so ein Wochentag

Diese Sache mit den Plänen. Die man immer so schön träumt und inszeniert. Sei es der Vorsatz, von nun an mindestens einmal in der Woche vor der Arbeit schwimmen zu gehen. Oder eine Kolumne, die jeden 2. Sonntag erscheinen soll.
Und am Ende?
Am Ende ist die Zeit vergangen, man bemerkt, dass man es in fast drei Monaten gerade nur einmal vor der Arbeit ins Schwimmbad geschafft hat. Und man sitzt an einem Sonntag, um 21:40 Uhr, müde und etwas orientierungslos, vor seinem Laptop – weil man vor 15 Minuten bemerkt hat, dass eigentlich wieder Kolumnen-Sonntag ist.

„Jeden zweiten Sonntag um Punkt 20 Uhr erscheinen meine Kolumnen“, lautete damals mein Plan. Ziemlich naiv, die Sache mit der Uhrzeit – wenn man bedenkt, dass ich generell ziemlich zeitlos, mit falsch laufender Armbanduhr, unterwegs bin. Aber auch die restliche Planung schien doch sehr ambitioniert. Spätestens vor zwei Wochen in der Kantine hätte mir auffallen müssen, dass ich für solche Pläne nicht gemacht bin. Nämlich, als ich vor der Dame an der Essensausgabe stand, mein Tablett hinhielt und einmal das Tagesgericht verlangte. Ich erwartete: Gemüsecurry. Ich bekam: Linsen mit Würstchen und Spätzle.
„Ähm, sorry. Aber das Mittwochs-Menü war doch Curry?“ fragte ich.
„Stimmt schon. Aber wir haben nun mal Dienstag“ erklärte die Dame.
Und schlagartig wurde mir bewusst: 1. Es gibt offensichtlich wirklich viele Leute, die finden, dass man Linsen mit Spätzle guten Gewissens auf einen Teller packen kann. Und 2. Wenn ich einen Dienstag nicht von einem Mittwoch unterscheiden kann, wie soll ich mir dann bitte jeden zweiten Sonntag als Kolumnen-Tag einprägen?
„Johanna, mach Dir doch einfach einen Plan. Dann hast Du die Übersicht“, beriet mich eine Freundin. Und das versuchte ich. Direkt nach meiner Kantinen-Misere machte ich einen Plan. Jenen Plan, der besagte: Am 11.12.2016 ist Kolumnen Sonntag.

Und so saß ich Freitagsabends im Zug nach Kaiserslautern. Zeit für Familie. Zeit für Heimat. Und Zeit für die Arbeit an der neuen Kolumne. Also zog ich meinen Notizblock hervor und wollte gerade anfangen zu schreiben.
„Oh, Sie schreiben noch mit der Hand? Charmant!“ meinte ein älterer Herr – mein Sitznachbar.
„Irgendwie mag ich das ganz gerne. So kann ich doch immer alle Ideen ganz unkompliziert festhalten“, antwortete ich. Und dann unterhielten wir uns. Über Arbeit. Und Pläne. Und Ziele.
„Und was ist Ihr Ziel?“ fragte der ältere Herr.
„Also eigentlich ist mein Ziel, jeden zweiten Sonntag weiterhin pünktlich eine Kolumne auf meinem Blog hochzuladen“ erkläre ich. „Aber ich bin etwas planlos, müssen Sie wissen. Aber ich denke, dass ich…“
„Nein, nein“, unterbrach mich der Herr. „Ich meine: Wo müssen Sie aussteigen?“
„Achso“ sagte ich, etwas verlegen. „In Kaiserslautern.“
„Na das Ziel erreichen Sie aber so schnell nicht“, rief plötzlich eine Dame vom Platz hinter mir. „Da sitzen Sie im falschen Zug.“
Zu gerne hätte ich Sie ausgelacht. Hätte ich auch tatsächlich gemacht – wenn Sie mit Ihrer Aussage nicht so recht gehabt hätte.
„Die nächste Station können Sie aussteigen“, meinte ein weiterer Fahrgast. „Da haben Sie dann Anschluss an Kaiserslautern.“
„Der kommt sogar schon in 20 Minuten“, erklärte die Schaffnerin, die gerade an mir vorbeihuschte.
Und während ich auf den nächsten Halt wartete und sich der Rest der Passanten inzwischen eingehend über mich, meine weiteren Reisepläne und den aktuellen Leistungsstand des 1.FC Kaiserslautern unterhielten, waren meine Kolumnen-Pläne schon wieder vergessen.
Dann hielt der Zug. Und bevor ich ausstieg, drehte ich mich nochmal zu den Mitfahrenden um und fragte: „Heute ist aber schon Freitag, oder?“
Der alte Mann lachte und nickte mir freundlich zu.

Und rückblickend betrachtet bin ich doch etwas verblüfft.
Davon, trotz dieser Planlosigkeit einen Freitag als Freitag identifiziert zu haben.
Und davon, dass ich es doch immer schaffe an meinem Reiseziel anzukommen. Auch wenn ich im falschen Zug sitze.
Aber besonders davon, dass sie mir geglückt ist.
Die neue Kolumne.
An einem Sonntag.



Moment.
Wir haben doch Sonntag!?

 

 


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Mensch_ärgere_dich_nicht

Irgendwie Tabu

Früher sagte ich oft, dass ein Teil meiner Familie ein bisschen Cholera hat.
Und wie das so ist, wenn ich im Kindesalter etwas zu sagen hatte, stieß ich auch mit dieser Aussage auf verwirrte und fragende Gesichter. Manche Gesprächspartner hielten daraufhin unheimlich viel Abstand von mir. Und ein paar der Leute fragten bestürzt, ob meine Familie denn damit schon beim Arzt gewesen sei.
„Ähm, ich glaube nicht, dass man das behandeln kann. Das haben die ja schon so lange“ erklärte ich. Und während viele der Zuhörer irgendwas murmelten von „Das gibt es ja nicht“ oder „Cholera hier in Deutschland!?“ oder „Da muss man doch was tun“, fand ich diese Reaktionen irgendwie ganz seltsam.
Erst meine Mama klärte mich dann freundlicherweise auf, dass Cholera nicht das gleiche ist wie Choleriker. Und bat mich, in der Öffentlichkeit zukünftig auf diesen Unterschied zu achten.
Im Nachhinein verständlich. Irgendwie.

Dass ich damals so locker und leicht berichten konnte, dass einige in meiner Familie Choleriker sind, lag vermutlich an einer besonderen Tatsache: Ich wusste zu dieser Zeit nicht, dass ich einer davon war. Und nicht irgendeiner. Während Taylor Swift der Star der bekanntesten Hollywood-Clique an It-Girls ist und Blair Waldorf in Gossip Girl die High School anführt, bin ich schon fast die Königin des cholerischen Anfalls. Nichts, worauf ich besonders stolz bin. Aber etwas, womit man irgendwie leben muss. Besonders, wenn man zu meinem näheren Umfeld gehört. Und ganz besonders, wenn man auf die Idee kommt, mit mir einen „ganz lustigen und gemütlichen“ Spieleabend zu veranstalten. Nicht falsch verstehen. Bei mir gibt es Spieleabende. Die sind dann aber sicher nicht lustig. Und gemütlich sind die auch nicht.
So spielte ich einmal mit einer Gruppe von Freunden Tabu. Und mit dem Öffnen des Spielbretts und dem hervorkramen von „Knoten Knut“ nahm das Drama seinen Lauf: „Endlich mal wieder Tabu“, freute sich meine Freundin Katrin. „Oh, darin bin ich gar nicht gut“, meinte meine daraufhin Sarah. Und dann antwortete Laura, die auch noch in meinem Team war: „Ist doch nicht schlimm. Hier geht es um den Spaß. Nicht um’s gewinnen.“
Das war der Zeitpunkt, an dem ich das Spiel hätte vorzeitig beenden müssen. Stattdessen versuchte ich mich selbst zu beruhigen und zischte lediglich leise: „Wenn es nicht ums gewinnen geht brauchen wir doch gar nicht zu spielen!!!“
Die erste Runde lief an und ich musste einen Tabu-typischen Begriff erklären. Ich machte das entsprechend ambitioniert, in 100%igem Einsatz meines Stimmvolumens und hopste im Raum aufgeregt hin und her. Anstatt die begrenzte Zeit (hatte da jemand die Sanduhr manipuliert???) zu nutzen, um den gesuchten Begriff zu erraten, lachte Laura nur laut und rief: „Ey Johanna, chill mal!“. Und dann – während die letzten Sandkörner der Uhr flink nach unten rieselten – nahm sie ganz gemütlich einen Schluck von Ihrem Bier. Eine entspannte Person würde dann lächeln, vielleicht sogar laut lachen und höchstens ein „Ach Laura“ hauchen. Und dann würde sie sich damit abfinden, diese Runde verloren zu haben. Eine eher angespannte Person (wie ich es bin) reagiert dann doch etwas anders. Ich brüllte dann zunächst Laura in Grund und Boden, fragte, ob es bitte noch einen anderen Sinn zum Spielen gibt, als zu gewinnen. Und dann stellte ich Freundschaft, Spielweise, Zusammensetzung des Teams und eigentlich auch den Sinn des Lebens in Frage.

Klar. Zu Spieleabenden werde ich nur noch höchst selten eingeladen. Zumindest nicht zu denen, an denen man in Teams eingeteilt wird. „Bitte, bitte. Ich will nicht zu Johanna ins Team“. Dieser Satz ist einfach zu oft gefallen.
Ich bin nicht traurig darüber. Denn ich weiß, dass ich mit dem Umgehen von Team-Spieleabenden auch gleichzeitig meine cholerischen Anfälle vermeiden kann.
Und ich glaube auch, dass ich die Choleriker-Johanna über die Jahre inzwischen ganz gut im Griff habe.

Und jetzt sitze ich hier. An der Journalistenschule. In einer Themenbesprechung. Weit weg von Spielabenden. Statt Tabu gibt es hier die Aufgabe, sich Themen für eine bestimmte Zeitschrift zu überlegen und diese dann überzeugend zu präsentieren.
„Und als kleinen Anreiz machen wir daraus ein Gewinnspiel“, flötet der Seminarleiter fröhlich und winkt mit dem 1. Preis.
Alle strahlen.
Ich bekomme Bauchschmerzen.
Und schaue schon gequält in die Runde.
Ich beiße die Zähne zusammen und rolle entnervt mit den Augen.
Doch ich reiße mich zusammen.
„Das ist meine Chance, mein cholerisches Ich an dieser Stelle zu verbergen“, denke ich.
Denn cholerisch zu sein ist in Deutschland nicht meldepflichtig.
Ganz im Gegensatz zur Cholera.

 


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Bauernhof

Von Hühneraugen und Landeiern

Landleben. Ich habe schon öfter mal etwas davon gehört. Meist von Freunden, die in irgendwelchen Orten wohnen, wo jeder jeden kennt und der Postbote nicht nur mürrisch „Hier…Ihre Post“ murmelt. Sondern eher sowas wie: „Guten Morgen Claudia. Und? Wie geht es der Arthritis? Ist Dein kleiner Viktor jetzt eigentlich auch bei Frau Müller in der 1b?“
Meine Freunde vom Land haben sich in erster Linie dadurch ausgezeichnet, dass Sie exzellent Auto fahren konnten. Mussten Sie auch, ganz einfach um zu überleben. Denn Busse oder Bahnen fuhren doch eher selten. Und wenn man meinen Freunden so zuhörte, wie Sie so oft über das Landleben fluchten, bekam man wirklich den Eindruck: Da wird nicht allzu viel los sein, auf dem Land. Weiterlesen

Buchstabe_B

Wer A sagt muss auch B zu einem J sagen

„Wo gehst Du hin?“ fragt meine Mutter.
„Na, zum Gummibärchenturm“ entgegne ich.
Meine Eltern nicken kurz und wissen Bescheid. Und ich finde es lustig, wie meine Freundin Sophie und ich von Sophies Eltern nur zum Wandern bewegt werden konnten, wenn das Ziel der Gummibärchenturm war. Eben jener Gummibärchenturm der eigentlich „Humbergturm“ heißt und dessen Name von uns neu vergeben wurde, da auf diesem Turm regelmäßig Gummibärchen wuchsen. Idealerweise perfekt zum ernten, bereits in Tüten verpackt. Und ebenso ideal war es, das immer gerade dann Gummibärchen-Erntezeit war, wenn wir auf den Turm spazierten. Was für ein grandioser Zufall!
„Sie haben Dich also quasi belogen“, resümierte eine Freundin damals entsetzt, als ich Ihr diese Geschichte erzählte.
Belogen? Vielleicht schon. Aber keine Lüge im regelwidrigen Sinn würde ich sagen. Eher eine Notlüge. Eben eine solch klitzekleine Lüge, die man nicht nur als Ausnahme akzeptieren kann, sondern einen manchmal noch Jahre später zum Lachen bringt. Und was einen zum lachen bringt, kann das wirklich so eine große Straftat sein? Weiterlesen

Stockholm

Witzlos reisen

Alleine zu verreisen ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Meine schon, auch wenn man das anhand meiner Eigenschaften (vielleicht ist es schon aufgefallen: Ich bin etwas chaotisch und zerstreut) nicht wirklich glauben möchte.
Kein Wunder also, dass ich es schon wieder getan habe. Ich habe meinen Koffer gepackt (diesmal sicherheitshalber einen ganz neuen, Qualität von Freunden geprüft, ohne Macken und Dellen), habe meinen Personalausweis verlängern lassen (der war ja erst seit 4 Monaten abgelaufen) und habe meine Norwegischen Kronen vom letzten Trip nach Skandinavien zusammengekratzt. Dass mir Norwegische Kronen in Dänemark und Schweden nicht viel bringen, darauf hätte ich schon auch vor der Abreise kommen können. Aber ich hatte einfach zu viel damit zu tun, die Dame beim Stuttgarter Bürgercenter dazu zu überreden, die Verlängerung des Personalausweises zeitlich etwas zu beschleunigen. „Sie können doch auch einfach Ihren Reisepass nehmen“, hatte die Dame darauf geantwortet. Dass mein Reisepass bereits seit 2011 abgelaufen ist und damit noch deutlich geringere Chancen bot, in ein anderes Land zu kommen, habe ich dann einfach mal unerwähnt gelassen.
Sie hätte es vermutlich sowieso für einen schlechten Witz gehalten. Weiterlesen