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Zahlt eine Zahnfee inzwischen auch mit Karte?

„Ich wünschte, ich würde wieder in meiner Heimatstadt wohnen“, „Wie schön wäre es, nochmal zur Schule zu gehen“ oder „Noch einmal wieder 20 sein“. Sätze, die ich so oft höre und noch öfter nicht verstehe.
Du kannst nicht in der Vergangenheit leben, heißt es doch so schön. Und warum sollte man das auch?

Würde ich wieder in meiner Heimatstadt wohnen wollen? Einer Stadt, in der mich die ganze Nachbarschaft schon nackt Rollschuh fahren gesehen hat! Würde ich nochmal zur Schule gehen wollen? Dorthin, wo ich an vier von fünf Schultagen in der Woche entweder mit Lehrern oder Referendaren oder sonstigen Pädagogen über meine unzureichenden Leistungen in Mathe und Chemie diskutieren musste. Und mir anhören durfte, dass eine Mädchenschule der ideale Ort sei, um seine naturwissenschaftlichen Fähigkeiten – die ich wirklich nie besaß – auszubauen.
Würde ich noch einmal 20 sein wollen? Nun ja, aktuell weiß ich gar nicht mehr wirklich, was mir mit 20 so alles widerfahren ist. Aber wer meine Kolumnen kennt und weiß, dass mindestens 99%*** der Geschehnisse, die ich darin beschreibe, wirklich passierten, versteht vielleicht: Ein zweites Mal muss man sowas dann auch nicht durchleben. Die Kolumne dazu steht ja eh schon.

Warum überhaupt nochmal in die Vergangenheit reisen? Nur, um abermals von seinem Zahnarzt die Schockdiagnose zu erhalten: „Johanna. Dir wächst da ein Zahn in der zweiten Reihe“? Oder sollte man sogar noch etwas weiter zurück, um wieder den Fehler zu begehen und dieses geschmacklose schwarze Tattoo-Halsband aus der Wendy in der dritten Klasse anzuziehen. Genau an dem Tag, als die Klassenfotos gemacht werden. Nur, damit man immer und immer wieder an etwas erinnert wird, was doch bereits jeder weiß: Die 90er waren einfach eine dunkle Zeit in der Modegeschichte.

Ich bin mit der aktuellen Modeentwicklung ganz zufrieden und finde auch meine derzeitige Situation so gar nicht übel.
Okay, vielleicht nicht gerade diese. Denn in diesem Moment sitze ich wieder mal beim Zahnarzt. Und lasse meine Zähne kontrollieren.
„Aber nicht, dass sie da wieder einen unerwarteten Zahn in der zweiten Reihe finden“, meine ich etwas angespannt. „Einen zweiten davon kann ich echt nicht gebrauchen. Einer zu viel ist schon merkwürdig genug.“
„Nee, nee, diesmal ist da keiner. Jedenfalls kein Neuer!“, erklärt mir mein Zahnarzt nach der ausführlichen Kontrolle. „Allerdings muss dein Zusatz-Zahn in den kommenden Tagen raus. Der wird sonst Probleme machen!“
„Na endlich kommt der weg“ freue ich mich.
Doch nur einen kurzen Moment.
Denn dann wird es mir schlagartig bewusst:
Niemals wieder kann ich einen Gesprächspartner in Erstaunen bringen, indem ich meinen Mund aufreiße und meinen kleinen Zahn in der zweiten Reihe hervorblitzen lasse.
Niemals wieder werde ich in etwas hineinbeißen und einen Zahnabdruck hinterlassen, über den dann andere sagen: „Guck mal, wie komisch Abdruck da aussieht. Der muss von der Johanna sein.“
Ich werde blass.
Und wünsche mir plötzlich wieder etwas von der Vergangenheit.
„Man kann halt nicht in der Vergangenheit leben“, erklärt meine Mama, als ich zuhause ankomme.
Dann hole ich ein leeres Glas und stelle es schon einmal vorsorglich umgedreht auf den Badezimmerschrank. Eben an jene Stelle, an der ich auch in der Vergangenheit von der Zahnfee für einen verlorenen Zahn entlohnt wurde.
„Man kann nicht in der Vergangenheit leben?“ frage ich. „Na das wollen wir doch erst einmal sehen!“
Und dann lege ich noch einen kleinen Zettel unters Glas, mit der Aufschrift:
„Wir akzeptieren keine DM mehr“.
Zu viel Nostalgie muss ja auch nicht sein.

 

***Tatsächliche Prozentzahlen können von den angegebenen Prozentzahlen in diesem Beitrag, aufgrund des geringen Matheniveaus der Verfasserin, abweichen.

 

 


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/nicksie2008/12679036865

 

HAI-FASHION

Das Leben spielt oft genug verrückt. Gerade in Sachen Mode.
Erst vor einigen Tagen saß ich beim Zahnarzt, zur leidlichen Kontrolluntersuchung, in der ich mich – wie so viele – regelmäßig versuche wegzuträumen. Gar nicht mal so leicht, wenn ich an der Decke mein Spiegelbild erkenne und dabei genau sehe, wie der Mensch mit Kittel in meinem Mund herumfuchtelt. Dabei ist mir direkt aufgefallen, dass mein Jeanshemd offensichtlich die besten Jahre hinter sich hat. Mitgenommen und ausgefranst sieht das ganze aus und ich bekomme direkt das Gefühl von Unordnung und dem Drang, mich umzuziehen.
Doch warum fühle ich mich bei der Entdeckung dieses unbeabsichtigten Löchleins plötzlich so schlecht, obwohl eine Kollegin erst vor kurzem mit einer komplett durchlöcherten Jeans ins Office kam? Destroyed ist wieder im kommen, bestätigt Sie die Vermutung von uns allen und wird damit zum Hingucker des Tages.
Es ist schon lustig, wie ein Fashion-Fauxpas manchmal nur einen wohlklingenden Namen braucht – um ihn der Umgebung als Stilrichtung verkaufen zu können. Was man dazu braucht? Einfach nur den nötigen Stolz und die passende Einstellung, damit das ganze auch glaubhaft rüberkommt. Und zur Sicherheit präsentiert man ihn einfach auf dem eigenen Modeblog.

Man hat gerade erst 4 Wochen auf diese absurd schmackhaften Kohlenhydrate verzichtet, das Fitnessstudio mehr als einmal im Jahr besucht und die Kleider sind deswegen plötzlich viel zu weit? Gar kein Problem, einfach mit Gürtel an den Körper schnüren und nebenbei erwähnen, wie trendy Oversized schon wieder ist. Alle Lieblingsoutfits, die sich in Ihrer Kombination bisher unglaublich gut bewährt haben, sind noch in der Wäsche und übrig bleibt nur die Karobluse zur Pünktchenhose? Spitze, Patternmix geht – gerade an sonnigen Tagen – doch immer.
Dann blättere ich ein Modemagazin durch und sehe Selma Blair, wie Sie mit einer ausgeleierten Jeans, abgewetzten Chucks und ziemlich unförmigen Pullover durch die Gegend läuft, Ihre Haare (eindeutig Bad-Hair-Day) unter einer weiten Mütze versteckt.
Die Arme. Bestimmt gestresst und kein bisschen Zeit sich zurecht zu machen – denke ich.
Die Grandiose. Lässig gestylt, im immer wiederkehrenden Boyfriendlook mit hipper Beany gelingt es Selma Blair auch hier wieder beim schlendern durch New Yorker Straßen Trends zu setzen – sagt mein Modemagazin.
Soso, während ich Miss Blair also bemitleide, bewundern Sie so viele andere in diesem Aufzug, in dem ich höchstens den Müll untertragen würde, als IT-Girl. Was da wohl noch so alles möglich ist?

Gerade als ich überlege, welche Fashionsünden sich noch so in meinem Schrank verstecken, die ich mit ein bisschen Kreativität und den passenden englischen Begriffen in neue Trends verwandeln könnte, unterbricht mich mein Zahnarzt: “Johanna, ist Dir bewusst, dass dir gerade hinter Deinem Schneidezahn ein weiterer Zusatzzahn wächst?” Nein, das war mir bisher nicht bewusst. Und tatsächlich entdecke ich mit halb verdrehtem Gesicht diesen kleinen, spitzen Neuankömmling, der schon etwas an einen Haifischzahn erinnert. Und nun? Raus damit? fragt mein Arzt. Niemals, rufe ich. Der bleibt erstmal drin. Das Praxisteam guckt mich verwundert an. Sicher, dass Du mit dem Look leben kannst? hakt die Arzthelferin nach. Wenn Selma Blair es mit dem “Boyfriendlook” schafft, macht mir so ein bisschen “Hai-Fashion” nichts aus, und ich zeige Ihr sofort mein überzeugendstes Lächeln.

Hai-Fashion? Die Arzthelferin guckt verwundert in die Runde.
Ich geb dem Trend noch wenige Wochen, dann hat er sich rumgesprochen.
Ganz bestimmt.
Und zur Sicherheit sollte ich vielleicht einen Modeblog dazu eröffnen.

 


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/lovemaegan/4622283405