Fahrradreifen

Tour de bonne chance

Das ist wie Fahrradfahren. Das verlernt man nicht! So heißt es doch oft, wenn man etwas, das man lange nicht getan hat, mal wieder ausprobieren möchte. Ich persönlich finde ja, dass dieser Spruch viel zu inflationär und deutlich zu unbedacht genutzt wird. Doch allzu oft stimmen so viele bei diesem Spruch mit ein, dass man der Person einfach Glauben schenken muss.

Und so kam es einen schönen Tages, dass ich mich nach vielen Jahren der Inlineskate-Abstinenz mal wieder traute, mit Rollen unter den Füßen durch die Gegend zu sausen. Ja: Sausen. Das war der Plan. Also begab ich mich mit den Inlineskates von damals, die mir erschreckenderweise noch wie angegossen passten (wann habe ich eigentlich damit aufgehört zu wachsen?), und meiner besten Freundin auf die Skatenight. „Da sind dann einige Straßen gesperrt, alles wird von der Polizei überwacht und einige Menschen werden wieder – ebenso wie Du – nach langer Pause in ihre Skates schlüpfen“, klärte mich meine Freundin auf und versuchte, mir meine Zweifel darüber, ob das mit der Wiederaufnahme des Inline-Skatings so eine gute Idee war, zu nehmen. „Pff, wie kommst du darauf, dass ich Angst habe, das nicht zu packen?“ fragte ich und versuchte einen halbwegs selbstsicheren Blick aufzusetzen. „Keine Ahnung“, entgegnete meine Freundin, schaute aber deutlich und ausdrucksstark auf meinen Helm, meine Knieschoner, meine Ellenbogenschoner und meine Schutzhandschuhe, die ich mir in aller Ruhe angelegt hatte.
Ich ignorierte ihre Blicke, stand auf und flitzte los. Aber nur in Gedanken. In der Realität saß ich bereits nach wenigen Sekunden wieder auf dem Boden. Unfreiwillig. Und mit Schmerzen am Po (warum gab es dafür keinen Schützer???).
„Na los, so schwer ist das nicht!“ rief mir meine Freundin zu, die wie eine Eisprinzessin über den Boden glitt und ziemlich elegante Kurven um etliche Hindernisse wie mich fuhr.
Es kam, wie es kommen musste: Ich wurde an diesem Abend nicht mehr zur Eisprinzessin. Noch nicht einmal zu einer einigermaßen sicheren Skaterin. Mein Part an diesem Abend bestand darin, auf wackeligen Beinen langsam – sehr langsam – nach vorne zu rollen und minutenlange Pausen zur Selbstmotivation einzulegen. Damit verzögerte ich nicht nur den Ablauf der gesamten Skatenight, indem ich die genervte Polizei, die die Nachhut bildete, dazu zwang, im Schneckentempo hinter mir herzufahren, sondern ich widerlegte auch klar und deutlich diesen altbekannten und gebräuchlichen Spruch: „Das ist wie Fahrradfahren. Das verlernt man nicht!“
Vielleicht liegt es einfach an diesem Vergleich. Dieser Vergleich mit dem Fahrrad und dem letzten Fahrraderlebnis, das ich im Alter von 7 hatte. Eben dieses Fahrraderlebnis an meinem 7. Geburtstag, als mir mein mein Papa ein quietschrosa Fahrrad mit rosa Hupe und einem weißen Körbchen schenkte. Kein rosa Körbchen. Denn zu viel ist zu viel. Ich war unglaublich glücklich. Zum einen liebte ich meinen Geburtstag. Zum anderen liebte ich Fahrräder und war insgeheim eigentlich die beste Fahrradfahrerin der Welt. Also testete ich das Fahrrad, obwohl ich es eigentlich noch nicht durfte („Ich muss noch die Handbremse festmachen, Johanna!“, sagte Papa damals). Und so fuhr ich ohne jene Handbremse, aber dafür mit Vollgas und ohne Füße in den Pedalen – no risk no fun – den Berg hinunter. Frontal gegen ein Auto.
Damit habe ich meine Fahrrad-Karriere beendet und bin – seitdem – nicht besonders gut auf das Fahrradfahren und auch nicht auf diesen Fahrradfahrvergleich zu sprechen.

Und doch drückte mir mein Papa bei meinem letzten Heimatbesuch den Autoschlüssel in die Hand und bat mich, eine Runde in seinem Wagen zu drehen, wohlwissend, dass ich nun – seitdem ich Großstädterin bin – hinter keinem Lenkrad mehr gesessen hatte. „Das verlernt man nicht, Johanna. Ist wie Fahrradfahren!“ erklärt mein Papa. „Um Himmels Willen“, ruft meine Mama (ich glaube, sie erinnert sich in dem Moment an meinen 7. Geburtstag). Aber der ist nun mal einige Jahre her. Auch die Skatenight liegt in der Vergangenheit.
Und so schlüpfe ich hinter das Lenkrad und fahre los. Ziemlich elegant, wie ich finde. Im Gegensatz zu meiner Inlineskate-Karriere bin ich diesmal keine Verkehrsbehinderung und bereits nach 5 Minuten hinter dem Steuer erinnere ich mich auch langsam wieder daran, welche Bedeutung die einzelnen Verkehrsschilder haben. Ziemlich stolz und gelassen fahre ich die Landstraße entlang, bis es auf einmal unaufhörlich ruckelt. Ich bekomme leichte Panik und erinnere mich dann wieder an die Skatenight, an der ich mich – vor lauter Sorge – in unglaublich übertriebene Schutzvorkehrungen gepackt hatte. „Nö, wird schon nichts sein“ beruhige ich mich selbst und drehe die Musik auf.
Erst einige Zeit später, als das Ruckeln so stark wird, dass das Lenkrad kaum mehr zu bedienen ist und das Gas nicht mehr reagiert, halte ich rechts an. Und erst dann erkenne ich, dass ich wohl irgendwann auf der Strecke einen Platten hatte, aber bereits seit einiger Zeit auf der Felge weiterfuhr.
Ich rufe meinen Papa an.
„Lohnt es sich, Flickzeug mitzubringen?“ fragt er.
„Nö, glaube nicht“, antworte ich und blicke auf die nackte, mitgenommene, verbogene Felge, an der so gut wie kein Reifenfetzen mehr dranhängt.
Und als mein Papa dann vor dem Wagen steht, die verbeulte Felge ohne Reifen betrachtet, schüttelt er nur wortlos den Kopf.
„Ihr sagt doch immer alle: „Sowas ist wie Fahrradfahren. Sowas verlernt man nicht““, rufe ich empört.
„Stimmt“, antwortet Papa und ergänzt: „Das gilt aber nur bei Dingen, die man zumindest irgendwann mal beherrscht hat“.
Und im Geiste sehe ich, wie mein damaliger Fahrlehrer – klatschnass geschwitzt nach einer Fahrt mit mir – aus dem Auto aussteigt und ruft: „Amen, Bruder!“

 


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/wwward0/15211490214

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