Vom Suchen und Finden von Stahlgerüsten und SEO-optimierter Überschrift und überhaupt

Vom Suchen und Finden von Stahlgerüsten und SEO-optimierter Überschrift und überhaupt

Immer schneller und besser und höher und weiter. Da gilt heute doch fast überall. Auch beim Bloggen. Woran ich das merke? Ich merke das vor allem an den Fragen, die mir gestellt werden. Während die Fragen eher nach „Warum bloggst Du eigentlich?“ oder „Über was schreibst Du denn?“ klangen, werde ich heute regelmäßig ausgequetscht, wie viele „visits per day“ ich so habe und wie es denn eigentlich um meine „Bounce-Rate“ steht.
Und anschließend folgt dann die wirklich alles entscheidende Frage: „Jetzt sag mal…verdienst Du eigentlich was mit Deinem Blog?“ Meine antwortet darauf lautet immer: „Nein, ich verdiene nichts mit meinem Blog.“ Ich lächle dann. Mein Gegenüber nicht. Denn seiner Ansicht nach gibt es darauf nur eine passende Reaktion: Der betroffene Blick auf. Jener Blick, der mir sagen soll: „Hey, mach Dir nichts draus. Es kann eben nicht jeder erfolgreich sein.“ Eben der Blick, der mir die Botschaft sendet: „Naja, Du und Dein Blog seid trotzdem was wert. Halt nicht so viel und auch eigentlich nur auf emotionaler Ebene…aber das ist doch auch schon was.“

Und wenn man dann da steht und bemitleidet wird und einem der Tea to Go großzügig bezahlt wird (ist ja klar, das Mädel verdient doch nichts mit Ihrem Blog), dann möchte ich doch sehr gerne Einspruch erheben. Mache ich dann natürlich nicht. Denn einen Tea to Go kann man sich doch hin und wieder mal ausgeben lassen.
Auch wenn es mein Gegenüber in diesem Moment gar nicht vermutet: Ich weiß selbst, dass ich mit meinem Blog, so wie er ist, sicher nicht reich und auch nicht berühmt werde (das werde ich dann auf ganz anderen Wegen). Aber ich weiß, dass ich damit schlicht und ergreifend eines schaffe: Ein kleines, persönliches Herzensprojekt.

Selbstverständlich könnte ich das Herzensprojekt jetzt einfach gegen etwas scheinbar Vielversprechenderes eintauschen. Ich könnte anfangen, auf Nichts von der Stange nur noch über ein Nischenthema zu schreiben. Stahlgerüste, zum Beispiel. Ich könnte Bauunternehmen finden, die an meinen Texten interessiert wären. Und vielleicht finde ich auch ganz gewöhnliche Menschen, die einfach zur Entspannung und zur eigenen Wissensbildung sehr gerne über Stahlgerüste lesen. Sowas soll es ja geben. Ich könnte Hersteller von Stahlgerüsten finden, die ebenso an meinen Texten interessiert wären und die würden mir dann vielleicht das ein oder andere Stahlgerüstchen nach Hause schicken. Daraus würde sich dann fabelhaft ein Stahlgerüst-Unboxing machen lassen, zum Beispiel über Instagram-Stories. Vorausgesetzt ich lerne bis dahin, wie man die Kamera richtig herum hält.***
Ich könnte aber auch ganz investigativ auf allen Stahlgerüsten Münchens probeweise herumtänzeln und sie testen. Auf Ihre – im besten Falle – hohe Stabilität.  Es gäbe von mir natürlich auch ein Stahlgerüst-Upcycling, also Tutorials in denen ich in 3 Schritten zeige, wie man aus einem alten, nicht mehr brauchbaren Stahlgerüst vierhundertdreiundneunzig Briefbeschwerer macht. Oder Bleistifthalten. Denn ein ungenutztes Stahlgerüst hat bestimmt jeder noch irgendwo herumstehen.
Oder ich gehe gleich in den Deko-Bereich und zeige schnell & easy, wie auch Du das hässlichste Stahlgerüst vor Deiner Wohnung mit etwas Glitzer, Farbspray und Washi-Tape zum Highlight in Deiner Straße zauberst.
Und all meine Texte würde ich natürlich erstklassig SEO-Optimieren. Ich würde Texte verfassen, die Google wissen lassen würden, dass ich von Stahlgerüsten eine Ahnung hätte. Indem ich zum Beispiel ganz oft das Wort Stahlgerüst verwende. Stahlgerüst. Stahlgerüst.

Schon klar, ich bin ein Fan von Wortwiederholungen. Aber eben nicht von Stahlgerüsten, nicht von Briefbeschwerern und auch nicht von investigativem Journalismus der tänzelnd auf Gerüsten stattfindet. Stattdessen schreibe ich über das, von dem ich glaube – nach unendlich langem Recherche- und Zeitaufwand – etwas Ahnung zu haben: Ich schreibe über mich selbst.
Ganz ohne Tutorials und Unboxing und Mehrwert.
Ich schreibe von der Leber weg und nicht zur Suchmaschine hin.

Stattdessen gehe ich das Risiko ein, dass man mich nicht so leicht findet.
Denn es ist doch so: Die schönsten Sachen wie pures Glück, die große  Liebe und echte Freundschaft findet man höchst selten bei Google auf Seite Eins.
So ist das auch mit meinem Blog:
Man begegnet ihm ganz spontan, unverhofft und durch puren Zufall.
Oder durch eine penetrante Stimme, die in falschem Format über Instagram-Stories lauthals mitteilt:
LEST MEINEN BLOG.

 

***Anmerkung der Autorin: Bitte mal in meine Instagram-Stories schauen. Dann wisst Ihr, was ich meine!

 


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/hurleyfamily/2210213852

2 comments on “Vom Suchen und Finden von Stahlgerüsten und SEO-optimierter Überschrift und überhaupt
  1. Ach Johanna, es war wieder herrlich. Bestimmt denke ich jetzt immer an dich, wenn ich ein Angebot für ein Stahlgerüst einhole ; ) ich schreib da (beruflich) nämlich auch davon.
    Liebe Grüße, Katharina

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