Vom Unglück ummantelt

Manchmal sitzt man einfach nur da und grübelt darüber, wie es weitergehen soll. Ob eine schwere Trennung, schreckliches Heimweh, der Verlust des Jobs oder (ja, so etwas kann leider auch passieren) der absolute Lieblingsmantel, der inzwischen ausverkauft ist. Überall. Auch im Onlineshop.
In solchen Situationen fragt man sich schnell: “Wo soll das alles hinführen?” oder  “Wie soll es denn jetzt bitte weitergehen?” Oder eben auch “Soll ich jetzt  einfach ohne diesen Mantel weitermachen, als hätte es Ihn nie gegeben?”
Unter dem Motto: Es geht immer irgendwie vorwärts versuche auch ich mich in solchen Momenten zusammen zu reißen. Mit kleinen Ausnahmen. Denn zunächst gönne ich mir etwas Drama und Theatralik. Dann renne ich schluchzend durch die Wohnung, während ich alle drei Meter wimmernd rufe “Mein Leben ist nicht lebenswert”. Gestern war ein solcher Moment. Und meine Mitbewohner? Die liefen schulterzuckend an mir vorbei. “Weißt Du, Johanna”, erklärte mir dann mein Mitbewohner Gürkan (den ich an guten Tagen liebevoll Gürkchen nenne). “Erst vor einer Woche mussten wir Dich trösten, weil die Milch abgelaufen war”. “Und am Tag zuvor”, ergänzt Felix, “war Dein Leben nicht lebenswert, weil unser W-Lan ausgefallen ist”.

Gut, ich bin schon hin und wieder eine Dramaqueen. Aber wenn man dann keine Milch fürs Müsli hat oder sich nicht an dem neuesten Instagrampost von Kim Kardashian belustigen kann, weil das Internet nicht funktioniert, ist dann etwas Trost zuviel verlangt? Hier und da eine kleine Umarmung. Oder einfach mal zu hören, wie wundervoll meine Frisur heute aussieht. Ja, so etwas hilft. „Johanna, es geht immer irgendwie vorwärts. Auch ohne Milch, funktionsuntüchtiges Internet. Und auch ohne diesen komischen Mantel, von dem Du im übrigen schon zwei Ähnliche hast.“ Der Meinung ist Felix. Ich bin es nicht. Und telefoniere umgehend mit meiner Mama, der ich direkt von meiner unglücklichen Situation erzähle. Nachdem ich Ihr klarmachen konnte, wie dringend ich diesen einen Mantel für mein Lebensglück gebraucht hätte und wie schrecklich mich meine unsensibelen Mitbewohner behandeln, war ich doch ziemlich sicher, dass es wahr ist: Mein Leben ist nicht lebenswert.
“Ach mein Kind”, sagt meine Mama dann. „Es geht immer irgendwie vorwärts. Pack Deine Sachen und komm‘ übers Wochenende nach Hause. Ich koch’ Dir was schönes.” Das hilft mir tatsächlich etwas (auch wenn ich ein Kompliment bzgl. meiner Frisur genauso aktzeptiert hätte). Und so husche ich wortlos an meinen Mitbewohnern vorbei, packe meine Sachen und verlasse ohne Mantel und ohne Abschied die Wohnung. Denn der Matel war ja ausverkauft. Und ich bin ja sauer. Und mein Leben ist ja – wie gesagt – sowieso nicht lebenswert.
Am Bahnhof angekommen, warte ich auf meinen Zug. Dann fragt mich eine ziemlich gelangweilte Bahn-Mitarbeiterin: “Sie wollen nicht zufällig nach Kaiserslautern?” “Ähm…doch”, antworte ich. Und ahne schon, dass mein Leben erstmal nicht lebenswerter wird.  “Tsja, dann mal viel Glück! Die Züge fallen heute alle aus. Da müssen Sie wohl umdrehen!” Kann es noch schlimmer werden? Bye, bye schönes, erholsames Wochenende mit Kochservice und Sonnenbad im Garten.
Also trotte ich zurück, in meine Wohnung, an meinen Mitbewohnern vorbei (hatten die überhaupt bemerkt dass ich weg war?), direkt in mein Zimmer und schmeiße mich weinend aufs Bett. Mein Leben ist nicht lebenswert, das steht dann mal fest.

In diesem Augenblick bekomme ich eine E-Mail: Gute Nachrichten, Frau Böshans. Ihr Mantel ist Online wieder verfügbar und nun 30% im Sommersale reduziert.
Ich strahle. Und bestelle. Und dann rufe ich meine Mama an. Diese ist völlig enttäuscht, mich am Wochenende dann doch nicht bei sich zu haben.
“Und was soll jetzt aus dem ganzen Essen werden, das ich vorbereitet habe?”
„Keine Sorge Mama. Im Leben geht es immer irgendwie vorwärts.“
Solange man nicht mit der Bahn fährt!

 


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Ein Gedanke zu “Vom Unglück ummantelt

  1. diecaterin schreibt:

    Es ist schon sooo spät, aber ich konnte einfach nicht aufhören zu lesen. Einfach ein toller, luftig leichter Schreibstil. Dann mal weiter so. ich bin schon gespannt 🙂

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