Von Einhörnern und Meerjungfrauen

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Ich bin ein Lügner.
Ganz ehrlich.
Aber keine von diesen fiesen Lügnern. Das ginge gar nicht, weil ich ja an Karma glaube und da einfach kein Risiko eingehen kann.
Ich bin einer dieser Sorte Lügner, die ganz genau merken, wenn die Chance gekommen ist, den Gegenüber in Staunen/einen Schockzustand/Ehrfurcht oder einfach nur absolute Verwirrung zu versetzen, indem man sich mitten im Gespräch eine Geschichte aus den Fingern zieht. Bevor hier jetzt Empörung aufkommt, sei gesagt: Ich mache dies keineswegs, weil ich Bösartig bin. Und fies will ich auch nicht sein. Aber es gibt Situationen, in denen merkt man gleich, dass der Gesprächspartner eine Frage nur deswegen stellt, weil er die Antwort schon zu kennen glaubt. Das sind dann auch meine liebsten Fragen.
So geschehen erst Ende November, als meine liebe Kollegin Sonja in die Agenturküche spazierte. Selbstverständlich war das vorherrschende Thema des Monats: Wo feiert die Agentur wohl Weihnachten?
In den vergangenen Jahren hatte es bei uns schon so manche Weihnachtsfeiern gegeben, die gerade bei Sonja nicht gut ankamen und die Sie derart in Angst und Schrecken versetzte, dass Sie vorab lieber die aktuelle Organisatorin zu den Plänen befragte: Mich. Und das war ganz sicher ein Fehler!
„Uuuuund?“ fragte Sie mich scheinbar nebenbei. „Was ist denn an Weihnachten geplant?“ „Och, schon einiges“, entgegnete ich. Und schon befand ich mich in meiner Geschichte, in der ich es schaffte, alle Ängste von Sonja, wie: zu große Kälte, zu schlechte Anbindung, zu wenig Essen, einzubetten. Ja, ich bin nicht nur eine Lügnerin. Ich bin eine gute Lügnerin. Und deswegen glaubte mir Sonja auch meine schier endlose und detailgetreue Story von „einer offenen, unbeheizten Scheune mitten auf einem Feld“ mit ganz wunderbarer „Molekularküche“ bei der ganz stilecht jeder Gang auf Trockeneis serviert wird. Und dann ist da ja noch die Anbindung, die ganz wunderbar ist. Denn „nach nur einem kurzen Marsch von 20 Minuten hat man schon die S-Bahn-Station in einem Dorf hinter Esslingen erreicht, mit der man dann in weniger als einer Stunde wieder in Stuttgart ist.“ Und während Sonja Leichenblass vor mir stand, machte ich mir einen Kaffee und plante anschließend unsere Weihnachtsfeier – natürlich in einem gemütlichen Restaurant mitten in Stuttgart, nahe zur U-Bahn, mit passendem 4-Gänge-Menü – einfach sang- und klanglos weiter.
Natürlich ließ ich die Gute nicht ewig in dem Glauben. Denn dann, als die halbe Kreativabteilung bei mir auf der Matte stand, um mir von Sonjas Schauergeschichten zu meiner schrecklichen Planung zu berichten, rückte ich natürlich mit der Wahrheit raus. „Du Lügenmolch“ lachte Sonja. Und dann fügte Sie hinzu: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht!“ „Ja, schon klar“, antwortete ich eher beiläufig, als ich am noch unbesetzten Platz Ihrer Sitznachbarin Verena stand. Verena war noch beim Arzt um kam etwas später zu Arbeit. Und da ich Ihr noch Süßigkeiten schuldig war, nutze ich Ihre kurze Abwesenheit und drapierte allerlei Schokoriegel (für meine Verhältnisse) Kunstvoll auf Ihrem Tisch. „Ähh…warum bekommt die Süßigkeiten von Dir?“ fragte mich Sonja. Und ich erkannte dabei an Ihrem Blick, dass Sie gerade am Grübeln war, ob Sie Verenas Geburtstag verpasst hatte. „Na, Verena hat doch heute Geburtstag!“ griff ich diese einmalige Gelegenheit auf und ergänzte: „Sie kommt deswegen heute auch etwas später. Sie hat noch ein Geburtstagsfrühstück. Ich habe Ihr natürlich schon per Whatsapp gratuliert. Du etwa noch nicht?“ Ich legte einen Blick aus überraschter Enttäuschung auf und lies den Schokoriegelbesetzten Platz von dem angeblichen Geburtstagskind und eine bedröppelte Sonja zurück.
Gegen Nachmittag kam Verena auf mich zu und lachte: „Johanna!!! heute wird mir alle paar Minuten von jemand anderem zu meinem Geburtstag gratuliert!“ „Keine Ahnung, woran das liegt“, zwinkerte ich Ihr zu. „Beachte aber“, ergänzte Verena dann „Wer einmal lügt, wem glaubt man nicht.“
Und ich komme ins Grübeln! Ist denn da wirklich etwas Wahres dran? Zunächst einmal, sind dies ja keine wirklichen Lügen, die ich da verbreite. Ich würde es eher „Unterhaltung von der etwas anderen Sorte“ nennen. Zum anderen habe ich schon öfters als einmal etwas erfunden und man glaubt mir dennoch immer wieder. Selbst die absurdesten Geschichten von meiner eigenen Pelztierfarm (als Reaktion auf die empörten Kommentare meiner veganen Freunde im Bezug auf meine Kunstfellweste) oder die Erklärung, dass ich mir oft betrunken einfach irgendwelche Gegenstände als Tattoo stechen lasse (wenn ich z.B. gefragt werde, ob mein Kleiderbügel am Handgelenk überhaupt eine tiefere Bedeutung hat). Es macht Spaß, wenn ich erst einmal mit großen Augen angeschaut werde, bevor ich diese kleine Schwindelei zu erkennen gebe. Klar, manchmal wird es etwas chaotisch, das gebe ich zu. Z.B. als ich erkannte, dass sich ein weiteres Mädchen mit Namen Johanna in meiner Stufe befand. Dies nahm eine Lehrerin zum Anlass und befragte mich, ob ich damit ein Problem hätte – mit einem Gesichtsausdruck, der mir zeigte, dass Sie sich sowieso schon sicher war, dass ich keine andere Johanna neben wir ertrug. Also erklärte ich Ihr, dass ich es keinesfalls hinnehmen werde, dass noch jemand anderes in meinem Umfeld diesen Namen trägt, da ich es nun einmal gewohnt bin, die einzige Johanna in der Stufe zu sein. Ich fragte, ob es möglich sei, diese zweite Johanna bitte einfach künftig nur nach ihrem zweiten Namen zu rufen. Das sei ja wohl nicht zu viel verlangt. Bevor ich auch nur die Chance hatte, diesen Witz aufzulösen, hatte sich die Nachricht (Mädchenschule sei Dank) schon in meiner Stufe herumgesprochen. Es war dann schon absehbar, dass ich Amanda (unter diesem Zweitnamen war die zweite Johanna dann bekannt) wohl niemals als beste Freundin bezeichnen kann.
„Aber nur aus Angst vor Risiken eine gute Geschichte einfach so verstreichen zu lassen? Das halte ich für grob fahrlässig!“ denke ich und laufe gerade im Anschluss an einen Arzttermin durch Bad Cannstatt. Dann ruft mich mein Mitbewohner an: „Johanna“, meint er „Du brauchst nicht nachhause zu kommen. Unsere Wohnung wurde evakuiert. In den Nachrichten steht es schon: Bei uns um die Ecke wurde eine Fliegerbombe gefunden.“ „Okay, danke für die Info“ antworte ich. Teils erleichtert, weil ich bei dem Begriff „Evakuierung“ zunächst vermutete, ich hätte mein Glätteisen angelassen und dann doch eine Fliegerbombe schuld war. Teils etwas ratlos, weil ich nun da stehe. In Bad Cannstatt. Bei eisigen Temperaturen. Ohne funktionierende S-Bahnen. Und mit einer Prise Obdachlosigkeit.
Also rufe ich einen Kollegen Lukas an, der in Cannstatt wohnt und nun die Gelegenheit hat, mich aus dieser Misere zu befreien.
„Lukas?“ melde ich mich am Telefon zu Wort „Bist Du daheim? Und wenn ja, kann ich zu Dir?“
„Was ist los?“, fragt Lukas.
„Bei mir wurde ’ne Bombe gefunden, meine Wohnung wurde evakuiert, ich stehe in Bad Cannstatt, die S-Bahnen fahren nicht und ich bin erstmal Obdachlos.“
„Ganz ehrlich“, entgegnet Lukas lachend. „Deine Storys waren auch schon einmal besser Johanna“.
Und dann legt er auf.
Und ich höre nur das „tuuuut, tuuut“ aus meinem Handy, während ich mich an diesen einen Satz erinnere: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.“
Ich werde traurig.
Und ich frage mich, ob ich es nun doch übertrieben habe, mit meinen Storys. Habe ich zu viele Geschichten erfunden? Habe ich zu oft Schabernack getrieben?
Und plötzlich erinnere ich mich an Sonjas entgeistertes Gesicht, als ich Ihr ausführlich vom erfundenen Weihnachtsfest in der Pampa berichtete.
Und während ich, noch immer frierend, lachen muss, wird mir klar:
Von Freunden und Kollegen in Notsituationen nicht ernst genommen zu werden – Diese Geschichten sind es einfach wert!


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/eurritimia/6105060654/in

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