Bauernhof

Von Hühneraugen und Landeiern

Landleben. Ich habe schon öfter mal etwas davon gehört. Meist von Freunden, die in irgendwelchen Orten wohnen, wo jeder jeden kennt und der Postbote nicht nur mürrisch „Hier…Ihre Post“ murmelt. Sondern eher sowas wie: „Guten Morgen Claudia. Und? Wie geht es der Arthritis? Ist Dein kleiner Viktor jetzt eigentlich auch bei Frau Müller in der 1b?“
Meine Freunde vom Land haben sich in erster Linie dadurch ausgezeichnet, dass Sie exzellent Auto fahren konnten. Mussten Sie auch, ganz einfach um zu überleben. Denn Busse oder Bahnen fuhren doch eher selten. Und wenn man meinen Freunden so zuhörte, wie Sie so oft über das Landleben fluchten, bekam man wirklich den Eindruck: Da wird nicht allzu viel los sein, auf dem Land.

Diese Vorstellung kann man jetzt schlimm finden. Ich, die sich nach Feierabend oder sogar an einem Samstag des Öfteren durch die Stuttgarter Königsstraße schlängeln musste, fand an dieser Vorstellung vom Landleben immer mehr Gefallen. „Hat doch ziemlich viele Vorteile“, dachte ich mir regelmäßig, wenn ich zum Beispiel – zum wiederholten Male – fast von einem rasenden Sportwagen und einem scheinbar noch rasanteren Fahrer umgenietet worden wäre. Und wenn es dann mal kein Auto war, das kurz davor war, meinem Leben ein Ende zu setzen, dann waren es Massen über Massen an Fahrradfahrern, die sich in Großstädten scheinbar zusammenrotten. Nicht etwa mit dem Ziel: Uni, Supermarkt oder Zuhause. Nein, wohl eher mit dem Ziel, 1,60 Meter große Spaziergänger zu terrorisieren und gekonnt aus dem Weg zu klingeln.
„Ich liiiiebe diese Hektik“, jubilierte ein Freund, der schon immer in Großstädten gelebt hatte. Er lacht höchstens, wenn Ihn ein fahrradfahrender Hipster unter offensichtlichem Zeitdruck dazu nötigt, einen lebensrettenden Sprung zur Seite zu machen. „Er hat es halt einfach eilig“, erklärt mein Freund dann locker und läuft gemächlich weiter, während ich mich noch daran versuche, wieder zu atmen.

Aber auch in Supermärkten verfiel ich schnell in den Landleben-Modus. Wenn ich zum Beispiel mit meinem Mitbewohner einkaufen war. Kaum stand ich vor dem Eier-Regal, seufzte ich regelmäßig: „Wäre es nicht schön, einfach auf einen Hof nebenan zu spazieren und Eier von den Hühnern zu kaufen, die dir dann anschließend auf dem Hof noch glücklich gackernd hinterher laufen?“ Und verträumt stellte ich mir dann oft vor, wie ich dem Huhn Berta (bei mir heißen irgendwie alle Hühner Berta) ein Ei direkt unter dem Po wegziehe und Berta mir freundlich zuzwinkert. „Ein Huhn zwinkert nicht, Johanna“, unterbrach mein Mitbewohner dann meine Träumereien.

Tsja. Und wie das mit Landträumereien so ist: Manchmal werden Sie einfach so wahr. Und so sitze ich nun wirklich auf dem Land. Für volle 4 Monate. Und meine Erwartungen waren gleich zu Beginn dementsprechend hoch. Ich erwartete eigentlich einen Postboten, der mich nach meiner Herkunft und nach meinen Zukunftswünschen ausfragt. Stattdessen erklärt man mir nun freundlich, dass wir hier so sehr auf dem Land leben, dass die Post uns sowieso nicht regelmäßig erreicht. „Oh man“, ruft meine Mitbewohnerin Nadine, die – man ahnt es schon – ein echtes Großstadtkind ist. „Alles halb so schlimm“, versuche ich Sie daraufhin zu beruhigen. „Dafür gibt es hier keine Hektik und keinen Zeitdruck. Lass uns das genießen!“ Nadine beruhigt sich. Und ich bin innerlich bereits dabei, mir einen imaginären Orden für diese positive Einstellung zu verleihen. Bis der Bus kommt. Der Busfahrer bremst ab, gibt uns ein hektisches Handzeichen, was in etwa so viel bedeuten soll wie „sorry Mädels, ich hab’s eilig“ und fährt dann einfach schnurstracks – ohne uns mitzunehmen – weiter.
„Das ist jetzt nicht sein Ernst!!!“ schreie ich. Empört über den Busfahrer und den schnellen Verlust meiner preisgekrönten positiven Einstellung.

„Dann lass uns doch die Zeit nutzen und wir gehen zum Bauern nebenan. Ich brauch noch ein paar Eier“, beruhigt mich meine andere Mitbewohnerin Aline. (Ja. Die heißen wirklich Aline und Nadine. Auch wenn sich das anhört, als hätte ich mir die Namen aufgrund des gleichen Sounds einfach ausgedacht)
„Och, ja. Warum nicht“, antworte ich. Immer noch ziemlich mürrisch.
Und dann kommen wir auf den Hof.
„Ich denke, wir bräuchten so 6 frische Hühnereier“, erklärt Aline dem Bauern.
„Dann nehmt Sie Euch gerne dort weg“, sagt der Bauer und deutet auf die gemütliche Scheune, in der die Eier im frischen Stroh herumliegen.
„Oh cool, das ist ja wie Ostern“, freut sich Nadine.
„Ja, ist ganz okay“, antworte ich. Immer noch etwas schlecht gelaunt.
Und dann schnappe ich mir ein Ei, während das dazu passende Huhn – das ich kurzerhand Berta getauft habe – mich mit großen Augen anguckt.
„Sorry, ich nehm‘ mir das mal, okay?“ flüstere ich Berta zu.
Berta guckt mich an.
Und dann blinzelt Sie.
Ganz kurz.
Aber auch ganz deutlich.
Und nur mit einem Auge.
Und ich tänzle voller Freude aus der Scheune hinaus.
„Was ist denn mit Dir los?“ fragt Nadine.
„Ich wusste dass Hühneraugen zwinkern können“, jubiliere ich.
Und ich höre gar nicht mehr, was Aline und Nadine darauf antworten.
Aber so im Nachhinein betrachtet…
…ist es vermutlich besser so.

 


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/twicepix/7667304052

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