VON SCHUHEN UND GLITZERSTIFTEN

Manchmal, besonders wenn ich mich schlecht fühle, stelle ich mich vor den Schrank, öffne ihn und sehe: Meine Freunde. Selbstverständlich habe ich nicht meinen kompletten Freundeskreis in meinen, sowieso schon überfüllten, Kleiderschrank gesperrt. Ich spreche hier aus tiefster Seele von meinen Schuhen.
Wem jetzt ein Bild von wunderbar hochwertigen High Heels á la Sex & the City vorschwebt, in dem die neuesten Trends und die hochwertigsten Materialien vertreten sind, der sollte dieses Bild ganz schnell wieder verwerfen. Bei mir lagern vor allem ziemlich mitgenommene Treter und Schuhe der Sorte, bei der die eigene Mutter die Hände über’m Kopf zusammenschlägt und ruft “Kind, wie läufst Du denn rum?” Dass es Zeit ist, manch ein Paar meiner Schuhe zu entsorgen – dieser Gedanken macht mir in etwa so viel Freude, wie der bevorstehende WG-Putzdienst, den ich bisher auch schon erfolgreich aufgeschoben habe. Aber genau wie die Staubflocken in den Ecken, kann ich auch den Gedanken einer Entsorgung meiner besonders mitgenommenen Schuhe nicht mehr allzu lange ausblenden.

Nicht nur meine Mutter macht sich Gedanken um meinen – sagen wir – modischen Ausnahmezustand. Auch mein Schuster Anton (ja, wir sind bereits per Du und hatten schon die ein oder andere nette Plauderei miteinander) zweifelt inzwischen an meinem Geisteszustand. “Johanna”, ruft er oft, wenn ich mal wieder das kleine Lädchen betrete, in den Händen viel zu oft ein löchriges Etwas, das ich gerne, wie ein kränkelndes Haustier behutsam in den Händen trage. “Du sorgst zwar für mein regelmäßiges Einkommen, aber wie oft soll ich diese abgelatschten Teile noch zusammenflicken?”. Eigentlich hat er recht. Vor allem, wenn man bedenkt, dass mich die Reparaturen inzwischen um einiges mehr gekostet haben, als die Fußbekleidung im Neuzustand.

Immer, wenn ich einen neuen Riss an Verse oder Fußspitze entdecke, blutet mein Herz. Aber entsorgen?
Nur einmal, als ich mit meinen cremefarbenen Ballerinas aus wunderbarem Leder durch die nassen Straßen getänzelt bin, ich dann plötzlich in einer Pfütze stand und merkte, wie das kühle Nass langsam durch das große, irreparable Loch an meiner Sohle drang…da habe ich einen kurzen Moment mit mir gehadert und gedacht: “Irgendwann ist ja mal Schluss. Sie müssen weg.” Inzwischen lagern sie immer noch wohl umsorgt und gemütlich eingebettet in meinem Schrank.

Trennungsschmerz ist etwas Schreckliches, wenn die so heiß geliebten Schätze im Müll enden sollen. Wenn sich meine beste Freundin den Arm bricht, denke ich ja auch nicht gleich an Entsorgung. Genauso schwer wie echte Freunde, finde ich zu neuen Schuhen, die einen Platz in meinem Herzen ergattern. Dafür mehrt sich die Zahl an Schuhpaaren, die zum Tragen nicht mehr geeignet sind und dennoch meinen Schrank blockieren. Es ist auch nicht so, als würde ich nicht für Neues sorgen. Ständig klingelt der Postbote, weil ich wieder ein neues Paar günstig ergattert habe. Aber bei Schuhen bin ich eben sehr speziell. Inzwischen stapeln sich die Schuhkartons mit unberührtem Inhalt. Keines der neuen Schuhpaare hat mich restlos überzeugt.

Wie einfach wäre es doch, wenn man bei der ersten Betrachtung schon feststellen könnte, ob diese Schuhe zu Favoriten werden. Doch mit Schuhen ist es bei mir oft wie mit einer neuen Freundschaft. In der Grundschule wollte ich meine Sitznachbarin und neue beste Freundin danach auswählen, wer die besten Glitzerstifte zu bieten hatte. Ich musste mich dreimal umsetzen, weil mir diese Person nebenan – trotz beeindruckendem Glitzerstift-Repartoire – so gar nicht geheuer war. Irgendwann wurde ich neben einem Mädchen platziert, die weder Glitzerstift, noch Sticker, noch Süßigkeiten zu bieten hatte. Ich war enttäuscht, dieses Mädel war offensichtlich einem löchrigen Hausschuh gleich: Nicht brauchbar, ziemlich glanzlos – und doch ist sie bis heute meine beste Freundin. Und wenn ich könnte, ich würde auch sie in meinem Schrank aufbewahren.

Wo die Liebe hinfällt! Deswegen werde ich weiter die Augen nach Schuhen offen halten, kaufen und manchmal wieder verkaufen.
Und wenn dann DAS Päckchen mit DEN Schuhen kommt, die mich – warum auch immer – restlos glücklich machen. Dann werde ich sie wieder bis zum Schuhtod tragen.

Ich werde ausgelassen über die Staubflocken in meiner Wohnung, unter mürrischer Betrachtung meiner Mitbewohner, nach draußen marschieren. Direkt in die Stadt. Und suche mir weitere Schuhe. Und einen Glitzerstift.

 


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