WEIHNACHTLICHE GESCHWISTERLIEBE

Ich schaue in den Spiegel und stelle fest: Es ist bald Weihnachten! Woran ich das festmache? Auf jeden Fall mal nicht an dem ganzen Weihnachtsgebäck in den Supermärkten, die stehen schließlich inzwischen schon ab Juli griffbereit. Ich merke es vielmehr an dieser extreme Blässe meines Spiegelbildes, die man schon nicht mehr als “vornehm” bezeichnen kann. Die Beschreibung “leicht kränkelnd” passt da schon eher. Eben jene Blässe ist immer ein untrügliches Zeichen dafür, dass mir der Sommer schon seit längerem den Rücken gekehrt hat.

Weihnachten also. Der Segen einer Großfamilie wird in dieser Zeit zum reinen Hindernislauf. Familienfeste, Essen ohne Unterlass und nicht zuletzt der Geschenkewahnsinn, denn ich muss für jede meiner Schwestern (und das sind viele) das passende Geschenk finden. Aber noch nicht einmal die bevorstehende Geschenkesuche macht mir so sehr zu schaffen, wie die große Frage aller Fragen: In welche feinen Stoffe und Schnitte soll ich mich dieses Jahr zu Weihnachten hüllen?

Das mag jetzt sehr oberflächlich und eitel erscheinen, aber nur für Jene, denen meine Weihnachtshistorie unbekannt ist. Zu dieser feierlichen Gelegenheit gab es bei mir nämlich schon zahlreich sehr traurige, unglaublich grenzwertige Fehlgriffe in Sachen Outfit – und davon gibt es natürlich reichlich Bildmaterial. Meine Schwester Martha ist mit ihrer Kamera an Weihnachten aber auch immer zur falschen Zeit am falschen Ort und knippst unermüdlich jeden Weihnachtslook, den ich offensichtlich im Dunkeln und im Halbschlaf herausgesucht hatte. Anders ist dieses optische Desaster niemals zu entschuldigen!

Marthas fatale Bilder werden dann sogleich in familieneigenen Weihnachtsalben veröffentlicht und herumgereicht. Das Recht am eigenen Bild? Meiner Familie gänzlich unbekannt! Wenn man in diesen “Weihnachtsalben des Grauens” (wie ich sie liebevoll nenne) blättert, sieht man zum Beispiel Weihnachten 2009: “Johanna, neben dem Christbaum, im unvorteilhaften, goldenen Ballonkleid mit Pailletten.” Ob es sich bei diesem glänzenden Etwas wirklich um mich oder nicht etwa um eine verirrte, leicht zu groß geratene Weihnachtskugel handelt, ist da nicht so recht zu erkennen. Gruseliger ist da schon Weihnachten 2011: „Johanna am Esstisch in hellrosa Rollkragenpullover, beiger Röhrenhose und High-heels in pudrigem Rosé.“ Klar, ein Traumoutfit, wenn man, gesund gebräunt, abends durch Sizilien bummelt. Ein Albtraum jedoch, wenn man sich leichenblass direkt neben den fetten, gebeizten, hellrosa-schimmenden Lachs platziert, der an diesem Abend mein potentieller Zwilling hätte sein können.
Wie man es dreht und wendet: Zu keinem der Outfits wurde ich gezwungen und auch nicht für das Tragen bezahlt. Auch eine Wette habe ich nicht verloren. Ich hatte einfach scheinbar in besagten Jahren nicht wirklich Zeit, mein Outfit in Ruhe zu überdenken. Aber es ist auch nicht so einfach, mit dem perfekten Weihnachtslook! Man will allem gerecht werden. Der lieben Omi, die das brave, kleine Enkelchen erwartet. Den Schwestern, die sich richtig in Schale schmeißen und man optisch natürlich nicht hinten anstehen möchte. Dem Hund, der (warum auch immer) auf alle Grüntöne höchst aggressiv reagiert (das erklärt auch den überfüllten und übertrieben dekorierten Christbaum jedes Jahr). Sich selbst und nicht zuletzt: Der Tatsache, dass Weihnachten etwas besonderes ist und man dies durch sein Äußeres honorieren möchte.

Doch dieses Jahr werde ich wohl bewusst zu etwas dezenterem greifen, das auch neben Weihnachten und Fasching vorzeigbar ist. Ich werde versuchen, weder als Weihnachtsdeko noch als eineiiger Zwilling einer besonders unattraktiven Festtagsspeise zu erscheinen. Wie genau mein perfektes Weihnachtsoutfit in diesem Jahr aussehen wird? Das kann ich leider noch nicht sagen. Aber das perfekte Weihnachtsgeschenk für ein Familienmitglied, das habe ich bereits gefunden! Und wenn dann meine Schwester Martha unterm Baum das einzigartige, goldene Ballonkleid mit Pailletten von Weihnachten 2009 unterm Baum hervorzieht, dann werde ich direkt lauthals um eine Modenschau bitten. Und die Kamera halte ich dabei immer griffbereit. Weihnachtsalbum 2013, Du wirst dieses Jahr wunderbar prall gefüllt sein, meine Familie wird sich noch bis Ostern köstlich amüsieren und mir bleibt nichts anderes zu sagen als:
„Frohe Weihnachten, Schwesterlein!“

 


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/pixelrn/1906510899

 

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