Buchstabe_B

Wer A sagt muss auch B zu einem J sagen

„Wo gehst Du hin?“ fragt meine Mutter.
„Na, zum Gummibärchenturm“ entgegne ich.
Meine Eltern nicken kurz und wissen Bescheid. Und ich finde es lustig, wie meine Freundin Sophie und ich von Sophies Eltern nur zum Wandern bewegt werden konnten, wenn das Ziel der Gummibärchenturm war. Eben jener Gummibärchenturm der eigentlich „Humbergturm“ heißt und dessen Name von uns neu vergeben wurde, da auf diesem Turm regelmäßig Gummibärchen wuchsen. Idealerweise perfekt zum ernten, bereits in Tüten verpackt. Und ebenso ideal war es, das immer gerade dann Gummibärchen-Erntezeit war, wenn wir auf den Turm spazierten. Was für ein grandioser Zufall!
„Sie haben Dich also quasi belogen“, resümierte eine Freundin damals entsetzt, als ich Ihr diese Geschichte erzählte.
Belogen? Vielleicht schon. Aber keine Lüge im regelwidrigen Sinn würde ich sagen. Eher eine Notlüge. Eben eine solch klitzekleine Lüge, die man nicht nur als Ausnahme akzeptieren kann, sondern einen manchmal noch Jahre später zum Lachen bringt. Und was einen zum lachen bringt, kann das wirklich so eine große Straftat sein?

So muss ich heute noch grinsen, wenn ich meinen Namen Johanna buchstabieren soll und noch immer versucht bin, mit einem „B“ zu starten. Nicht, weil ich heimlicher Analphabet bin. Und auch nicht, weil ich eigentlich einen ganz anderen Vornamen habe (zum Beispiel Beatrix. Oder Bodo. Oder so.). Nein, Schuld, warum ich eine besondere Beziehung zum „B“ hege hat (wie soll es anders sein) meine Mutter, die damals einen Waschlappen mit aufgesticktem „A“ hatte, ihn (Achtung, hier ist der Fehler) vor meinen großen, neidischen Kinderaugen meiner Schwester Anna reichte und flötete „auf diesem Waschlappen steht Dein Anfangsbuchstabe“. Anna freute sich und nahm entzückt Ihren Anna-Waschlappen, während ich wohl schon leicht sauer wurde. Meine Mutter vergleicht meine damalige Miene gerne mit meiner heutigen, wenn es morgens heißt: „Kaffee ist leider leer!“.
In Ihrer Not schnappte Sie sich den erstbesten Waschlappen den Sie fand, auf dem ein großes „B“ gestickt war, reichte Ihn mir und flötete: Und hier ist dein Anfangsbuchstabe drauf. Ich prägte mir die Form des wunderschönsten Buchstaben der Welt gut ein (damit ich immer wusste, wie mein Vornahme anfing) und ich freue und wundere mich gleichzeitig im Nachhinein sehr darüber, dass ich heute im Schreiben meine Berufung gefunden habe. Trotz dieser unterschwelligen Sabotage meiner Mutter, die Ihrer Tochter ein „B“ für ein „J“ verkaufte.
Gravierendere Folgen bot da schon die Lüge meines Papas. Oder sagen wir: Die fehlende Wahrheit, auf die Kinder-typische Frage, die irgendwann immer kommt: „Was machst Du eigentlich Papa?“ Und laut meinen Schwestern und mir durfte sich dann mein Papa aus den uns bekannten Berufen etwas aussuchen. Polizist. Bäcker. Müllmann.
Klar, die Auswahl war nicht groß. Aber für uns groß genug, da hätte schon etwas dabei sein können. Sonst ist mein Papa auch nicht so unglaublich wählerisch. Mein Papa (Bauingenieur) wusste nicht recht wie er uns Kindern „Baumängel“ und „Gelderbewilligung“und „Gutachten“ erklären sollte und löste das Problem kurzerhand mit…Schweigen. Also suchten wir uns – jeder für sich – seine eigene Wahrheit. Mit meiner Wahrheit hat es mein Papa noch gut getroffen. Denn eines Tages legte er sich einen Mercedes in dunklem Gelb-Ton zu. Und es dauerte geschätzt nur wenige Tage, bis mein Freundeskreis, dessen Erziehungsberechtigte und meine gesamte Grundschule wussten: Mein Papa ist Taxifahrer. Mein Papa konnte damit leben und brach sein Schweigen nicht. Er wurde erst von seinem selbst auferlegten beruflichen Schweigegelübte abgebracht, als eine meiner Schwestern in der Schule den eigenen Vater im Beruf malen sollte. Und meine Schwester dann aus Verzweiflung unseren Vater einfach mit einem Bier in der Hand beim Fußball gucken abbildete.
Aber geschadet hat auch das nicht wirklich, finde ich. Denn seitdem wissen wir alle bis ins Detail, was mein Papa beruflich zu tun hat (falls dann doch mal wieder jemand von meinen Papa die Fahrtkosten vom HBF Kaiserlautern auf den Bänjerrück wissen möchte).

„Nö“, denke ich so und steige angestrengt die 163 Stufen zur Spitze zum Gummibärchenturm hinauf. „Ich wüsste jetzt nicht, was ich an diesen Notlügen und unausgesprochenen Wahrheiten schlecht finden soll“.
Ist doch eher lustig, finde ich. Und lache etwas, bei dem Gedanken an das B. Und an meinen Papa als Taxifahrer.
Und dann komme ich oben, auf der Aussichtsplattform des Gummibärchenturms an. Verschwitzt, erschöpft, außer Atem. Und hungrig.
Und dann gucke ich mich in den Ecken der Aussichtsplattform um. Ein kurzer Hoffnungsschimmer in den Augen und ein Lächeln auf den Lippen – bevor mir wieder bewusst wird, dass hier eindeutig keine Gummibärchenernte auf mich wartet.
Ich bin enttäuscht.
Okay.
Nachteil gefunden.
„Reiß Dich zusammen Johanna. Man muss sich auch mal von seiner Kindheit lösen“, rede ich mir gut zu.
Und dann rufe ich mir mein privates Taxi:
„Hi Papa, hier ist Johanna. Holst Du mich ab?“
„Wer ist da? Der Name sagt mir jetzt nichts“, versucht mein Papa meiner Aufforderung zu entgehen.
„JO-HANN-A“, rufe ich ins Handy rein.
„Kenn ich nicht“, lacht Papa. „Buchstabier mal“.
Ich verdrehe die Augen und beginne:
„B…“.


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/toofarnorth/5501026927

 

2 Gedanken zu “Wer A sagt muss auch B zu einem J sagen

  1. silvia rudolf schreibt:

    …dass einem der gummibärchenturm auf diese art begegnen würde – wer hätte das vor ca. 25 jahren gedacht…

    liebe grüße
    silvia

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *