Stockholm

Witzlos reisen

Alleine zu verreisen ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Meine schon, auch wenn man das anhand meiner Eigenschaften (vielleicht ist es schon aufgefallen: Ich bin etwas chaotisch und zerstreut) nicht wirklich glauben möchte.
Kein Wunder also, dass ich es schon wieder getan habe. Ich habe meinen Koffer gepackt (diesmal sicherheitshalber einen ganz neuen, Qualität von Freunden geprüft, ohne Macken und Dellen), habe meinen Personalausweis verlängern lassen (der war ja erst seit 4 Monaten abgelaufen) und habe meine Norwegischen Kronen vom letzten Trip nach Skandinavien zusammengekratzt. Dass mir Norwegische Kronen in Dänemark und Schweden nicht viel bringen, darauf hätte ich schon auch vor der Abreise kommen können. Aber ich hatte einfach zu viel damit zu tun, die Dame beim Stuttgarter Bürgercenter dazu zu überreden, die Verlängerung des Personalausweises zeitlich etwas zu beschleunigen. „Sie können doch auch einfach Ihren Reisepass nehmen“, hatte die Dame darauf geantwortet. Dass mein Reisepass bereits seit 2011 abgelaufen ist und damit noch deutlich geringere Chancen bot, in ein anderes Land zu kommen, habe ich dann einfach mal unerwähnt gelassen.
Sie hätte es vermutlich sowieso für einen schlechten Witz gehalten.

Und so war ich dann eigentlich ziemlich gut ausgerüstet. Für meine Verhältnisse. Denn ich hatte ein noch-bestehendes Konto (vor der letzten Reise hatte meine Bank mein Konto ja versehentlich gelöscht), eine aktive Kreditkarte (letztes Jahr hatte ich Zwei. Beide inaktiv.), ich hatte einen gültigen Ausweis (bei mir fast schon eine Rarität), ich hatte warme Kleider dabei (im letzten Jahr hatte ich mich irgendwie trotz nördlichem Ziel auf sommerliche Temperaturen statt winterlichen 8 Grad mit Regen eingestellt) und ich hatte alle drei Unterkünfte in allen drei Städten. Zumindest bis kurz vor Abflug. Denn quasi kurz vor Check-In zum ersten Ziel Stockholm, klingelte Airbnb bei mir an, um mir freundlicherweise mitzuteilen, leider meine dritte und damit letzte Unterkunft ersatzlos stornieren zu müssen. Während ich also im Flugzeug nach Schweden saß, sah ich mich schon vor meinem geistigen Auge unter den Brücken Kopenhagens hausen. Schöne Brücken – das wusste ich schon. Doch ob man unter denen bequem leben kann, das wagte ich dann einfach mal anzuzweifeln.
„Aber jetzt geht es ja erst einmal nach Stockholm“ beruhigte ich mich selbst und checkte noch einmal meine gelungene Unterkunft dort. Dabei handelte es sich um ein Hotel. Und was kann man bei einem Hotel schon falsch machen?
Viel.
Wenn man zum Beispiel (wie ich) ein Hotel bucht – aber den falschen Standort auswählt. Ich hatte nicht wie eigentlich geplant das Hotel in der Stadtmitte reserviert, sondern die „Zweigstelle“, die sich mehr oder weniger am Allerwertesten von Stockholm befand. Und trotz dem besten, gebrochenen Schwedisch das ich zustande brachte und einem unermüdlichen Lächeln, konnte ich keine Rezeptionistin dazu bewegen, mir dann doch lieber ein Zimmer im zentralen Hotel zu geben. „Dafür haben Sie hier eine Sauna, die sie nutzen können“, lächelte mich die Rezeptionistin an. Und das erfreute mich tatsächlich. Bis ich am nächsten morgen feststellte, dass auch in Skandinavien (oder zumindest in Schweden oder allermindestens in Stockholm) der Jahrhundertsommer ausgebrochen war und damit für mich nicht nur die Sauna unbrauchbar wurde, sondern auch ungefähr 80% meines Gepäcks. 25 Grad und Wollpullover. Nein, diese Kombination ging ebenso wenig wie Leoprint zu Neon.

Und so saß ich am frühen morgen auf meinem wunderhübschen, aber doch sehr dezentralen Zimmer und betrachtete in Ruhe mein Gepäck:
Alle meine liebsten Winterkleider und Wolljacken, die hier bei sonniger Hitze irgendwie lächerlich aussahen.
Norwegische Kronen, mit denen ich hier in Stockholm bestenfalls Papierflieger basteln und Münz-Schnips-Wettbewerbe veranstalten konnte.

Und dann dachte ich an all das, was ich im letzten Jahr NICHT hatte:
Einen Koffer, den man verschließen konnte.
Ein existierendes Konto.
Und eine aktive Kreditkarte.
„Vielleicht ist es ein Zeichen, dass ich so viel falsches Gepäck dabei habe“?“, denke ich mir und lege 2 leichte Blusenkleider, 1 Kette, 1 Gürtel, 1 paar Sandalen und einen Sommerrock zum bezahlen auf den Tresen eines wunderschönen Shops in Stockholm.
„Haben Sie eine Kreditkarte?“ fragt die Verkäuferin freundlich auf englisch.
„Ja, habe ich“, antworte ich Ihr, ebenfalls auf englisch und reiche ihr die Kreditkarte.
„Und sogar ein Konto das nicht versehentlich gelöscht wurde“, ergänze ich freudestrahlend.
Aber auf Deutsch.
Denn auch wenn ich dies auf englisch oder sogar auf Schwedisch gesagt hätte, Sie hätte es wohl nicht verstanden und einfach für einen sehr schlechten Witz gehalten.
Und im Ausland ohne Geld dazustehen, das nehm‘ ich hin. Als Mensch mit miserablem Humor zu gelten nicht.

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